Berlinale 2011 Der mit den Schatten tanzt

Werner Herzogs atemberaubend kitschige 3D-Doku über uralte Höhlenmalerei - und ein Wettbewerbsfilm über Tschernobyl, der sich furchtbar wichtig nimmt: Neues von der Berlinale.

Von Martina Knoben

Äußerst exklusiv war die Drehgenehmigung, die Werner Herzog für "Cave of Forgotten Dreams" bekommen hat. Als einziger Filmemacher durfte er in der für die Öffentlichkeit gesperrten Höhle im südfranzösischen Chauvet drehen. Darin: mehr als 30000 Jahre alte Felszeichnungen von staunenswerter Schönheit; die ältesten bekannten Malereien überhaupt.

Und Herzog, dieser Wizard of Oz des deutschen Kinos, ist genau der Richtige, einer Öffentlichkeit, die nur zu gerne verborgene Schätze bestaunt, ein solches Kleinod der Menschheitsgeschichte vorzuführen. Wie man Erhabenheit inszeniert, demonstriert er gleich beim Eintritt in die Höhle, wenn das Filmteam eine schmale Stahltür passiert. Nur wenige Auserwählte dürfen in das Heiligtum hinein. Dort geht es wie in jedem Tempel erst einmal in einen Vorraum, wo das Team und einige Wissenschaftler sterile Schuhe überziehen und in die Regeln des Ortes eingewiesen werden: Nichts anfassen! Auf den Metallstegen bleiben, die die Höhle erschließen! Herzog schaut auf die Uhr: "Wir haben eine Stunde!"

Und dann ist da das Schauen und Staunen, das die Menschen - so ähnlich oder vielleicht doch ganz anders? - empfunden haben mögen, als sie vor mehr als hundert Jahren einen Zug auf einer Leinwand heranrasen sahen; als die Kamera, auf Zügen montiert, durch die Landschaft sauste; oder minutenlang eine Blüte anstarrte. Mindestens so lange und immer und immer wieder starrt Herzogs 3D-Kamera jetzt die Höhlenmalereien an.

Es ist eine Zauberwelt, die der Schein starker Lampen nur ausschnittsweise erschließt. Durch einen Felssturz war die Höhle verschlossen und wurde 20000 Jahre lang von keinem Menschen betreten. In dieser Zeit sind elfenbeinfarbene Stalaktiten und Stalagmiten gewachsen, glitzernde Kristalle bedecken den Boden und zahlreiche Tierskelette. Auch die bemalten, mit zahlreichen Ritzungen versehenen Wände funkeln.

Das aufwendige 3D-Verfahren, das zunächst völlig unsinnig scheint für einen Film über Malerei, verstärkt noch den Tiefeneindruck der Höhle und die Dynamik der Wandformen. Die Zeichnungen wurden ihren Rundungen so gekonnt angepasst, dass die Illusion bewegter Bilder, von prähistorischem Kino entsteht. Eine Gruppe von Wildpferden mit Stehmähnen ist zu sehen, eines wiehert mit geöffnetem Maul. Zwei Nashörner kämpfen miteinander, man meint ihre Hörner zu hören, wie sie aufeinanderstoßen. Ein Bison mit acht Beinen rennt in Muybridge-Manier davon. Und ein Höhlenlöwenweibchen reibt seine Flanke am neben ihm gehenden Männchen.

Im Sternschnuppenregen

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