Berlinale Der böse Bruder von Steven Spielberg

Berlinale 2016 - ´Midnight Special" ARCHIV - HANDOUT - Joel Edgerton (l-r), Michael Shannon, Jaeden Lieberher und Kirsten Dunst in einer Szene aus dem Film ´Midnight Special" (undatierte Filmszene). Der Film von Jeff Nichols läuft am 12.02.2016 im Wettbewerb der Berlinale. Foto: Ben Rothstein/ Warner Bros. Entertainment Inc. And Ratpac-Dune Entertainment LLC/Berlinale/dpa (ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Berlinale 2016 und nur mit Urhebernennung bis zum 21.03.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Nach dem glamourösen Eröffnungsfilm "Hail, Caesar!" folgt mit dem wilden Trip "Midnight Special" von Jeff Nichols das erste Highlight im Wettbewerb der Berlinale.

Von David Steinitz

Der Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lässt sich zu seinem Beginn aus zwei Blickwinkeln betrachten: Die Festivalpessimisten unken laut und nölig, dass neben dem glamourösen Eröffnungsfilm "Hail, Caesar!", mit dem George Clooney und die Coen-Brüder die Berlinale außer Konkurrenz eröffneten, kaum große Namen vertreten seien. Keine notorischen Festivalrabauken sind in der 66. Ausgabe vertreten, die erwartbar skandalträchtig neue Meisterstücke des Autorenfilms liefern könnten, und die Liste an berühmten US-Stars neben George Clooney, die sich in den kommenden Tagen über den roten Teppich grinsen werden, ist auch eher kurz.

Andererseits, so die große Hoffnung der Festivaloptimisten, finden sich unter den 18 Filmen, die um den Goldenen Bären konkurrieren, ja vielleicht ein paar heiße Neuentdeckungen, die nicht im Schatten der Altstars um Aufmerksamkeit buhlen müssen. Sprich: Es stünde endlich mal das Kino im Mittelpunkt und nicht das ständige Drumherumtheater, das ein Festival dieser Größenordnung in der Regel mit sich bringt.

Spätrömische Dekadenz auf der Berlinale

Das Festival eröffnet mit einem echten Coup: "Hail Caesar!" ist nicht nur eine furiose Verbeugung vor dem alten Hollywood. Der Film verweist auch auf die Probleme der Branche. Und hat George Clooney. Von David Steinitz mehr ...

Nach dem zweiten langen Festivaltag, an dem der wuselige Potsdamer Platz von ein paar schüchternen Februarsonnenstrahlen beschienen wird, kann man sagen: Es stimmt beides. Das erste Highlight des Festivals ist die US-Produktion "Midnight Special", ein schön obskurer Genremix aus Thriller, dystopischer Science-Fiction und Tragikomödie. Der Film beginnt in einem tristen Motelzimmer, die Wände sind mit Pappkartons abgeklebt, zwei Männer mittleren Alters verfolgen im Dunkeln die Fernsehnachrichten, in denen von der Entführung eines achtjährigen Jungen berichtet wird.

Als hätte der paranoide böse Bruder von Spielberg im Regiestuhl gesessen

Dieser Junge sitzt auf dem Hotelbett hinter den zwei Männern, mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke versteckt, als würde er gerade heimlich die aufregendsten Abenteuerromane verschlingen. Auf den ersten Blick eine kindliche Außenseiterfigur wie aus dem Steven-Spielberg-Kino, als dieser noch Filme drehte, die man sehen wollte: wild, träumerisch, fantastisch.

Wild, träumerisch und fantastisch ist auch "Midnight Special", allerdings auf eine albtraumhafte Weise, als hätte hier der paranoide böse Bruder von Spielberg im Regiestuhl gesessen. Es stellt sich heraus, dass die Männer den Jungen entführt haben, um ihn zu beschützen. Bislang hat er im Kreis einer kleinen fanatischen Sekte gelebt, die auf einer Ranch im amerikanischen Hinterland residiert und den Jungen wie einen Messias verehrt hat.

Das Kind kann die verrücktesten Dinge tun: geheime Funkfrequenzen in seinem Köpfchen empfangen, ein gefährlich blendendes Licht aus seinen Augen leuchten lassen - einmal bringt er allein durch seine Willenskraft einen Satelliten zum Absturz. Deshalb sind nicht nur die Sektenmitglieder hinter ihm her, sondern auch das FBI, und es entspinnt sich eine irre bis wirre Verfolgungsjagd, ein richtig verqueres Roadmovie, über das man nicht zu viel verraten darf - "Midnight Special" startet in der nächsten Woche regulär in den deutschen Kinos.

Das sind die Wettbewerbsfilme der Berlinale

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Geschrieben und inszeniert hat diesen merkwürdigen Trip der Filmemacher Jeff Nichols, der sich in den letzten Jahren zu einem der spannendsten Regisseure des US-Independent-Kinos entwickelt hat. Er hat fiese kleine Studien amerikanischer Paranoia gedreht, "Shotgun Stories" und "Take Shelter", in denen er gnadenlos ausmistete, was sich so in den mentalen und realen Kellern der amerikanischen Suburbia befindet. In "Midnight Special" treibt er dieses Thema noch weiter auf die Spitze, bis hin zur Farce. Der Film ist ausgezeichnet besetzt, mit Michael Shannon, Kirsten Dunst, Joel Edgerton und Adam Driver, und es ist seinem Regisseur nur zu wünschen, dass er von nun an in einem etwas größeren Rampenlicht agieren kann als zuvor.

Der Anspruch der Berlinale: Weltkino nach Deutschland holen, jenseits von Hollywood

Blickt man auf die anderen beiden Wettbewerbsbeiträge des Berlinale-Anfangs, dann muss man den Start des Festivals schon kritischer betrachten. Ebenfalls gezeigt wurde erstens der Debütfilm des tunesischen Regisseurs Mohamed Ben Attia, "Inhebekk Hedi". Die Selbstfindungsgeschichte eines jungen Tunesiers, der sich von seiner herrischen Mutter emanzipiert, die für ihn eine Hochzeit arrangiert hat, indem er eine Affäre mit der Animateurin eines Touristenhotels anfängt. Außerdem lief das kanadische Drama "Boris sans Béatrice", in dem Denis Côté vom Läuterungsprozess eines arroganten und selbstgerechten Québecer Geschäftsmanns erzählt, mit vorsichtig geheimnisvollen Nuancen à la David Lynch.

Beide Filme sind solide inszeniert und geben einen jeweils ganz eigenen Einblick in Weltregionen des Kinos, die man sonst eher weniger auf dem Radar hat. Genau das sollte natürlich auch der Anspruch eines Festivals wie der Berlinale sein - Weltkino nach Deutschland zu holen, jenseits von Hollywood. Im Falle dieser beiden Filme stellt sich nur die Frage, ob sie in einer der Nebenreihen des Festivals nicht viel mehr hätten glänzen können. Also ohne den Erwartungsdruck des großen Hauptwettbewerbs, dem schließlich die Idee zugrunde liegt, neue Meisterstücke des Kinos zu entdecken. Dafür aber sind sowohl "Inhebekk Hedi" als auch "Boris sans Béatrice" zu konventionell inszeniert, zu unauffällig, um auch langfristig, also nach dem Ende des Festivals, noch in den Zuschauerköpfen nachzuhallen.

Da ist es doch verlockender, zwischendrin mal über den "European Film Market" zu spazieren, um das erste Berlinale-Wochenende einzuläuten. Hier bieten Filmhändler und Produktionsfirmen aus der ganzen Welt nicht nur Hochglanzware aus Hollywood oder grundanständiges Kunstkino feil, sondern auch Werke aus den eher triebhaften Regionen des internationalen Kinos. Sprich: astreine B-Ware. Wie wäre es zum Beispiel mit "Angriff der Killer-Donuts"?