Belletristik Die Mutter und das Riesenschild

Max Brod kennt man wegen seines Einsatzes für Kafkas Werk. Nun ist er selbst als Erzähler in seinen autobiografischen Romanen neu zu entdecken.

Von TOBIAS LEHMKUHL

An Produktivität konnte es Max Brod mit Georges Simenon aufnehmen: Fast neunzig Bücher hat er zu Lebzeiten veröffentlicht. Die meisten davon, ja eigentlich alle sind heute vergessen. Einige sehr zu Unrecht, wie die Auswahlausgabe des Wallstein Verlags beweist. Initiatoren und Herausgeber dieser auf zehn Bände angelegten Ausgabe sind die beiden Kafka-Experten Hans-Dieter Zimmermann und Hans-Gerd Koch.

Ohne Max Brod hätte es fraglos keinen Kafka gegeben. Durch sein Engagement für das Werk des Freundes allerdings hat er sein eigenes fast ausgelöscht: Für Jahrzehnte haben "Der Prozess", "Das Schloss" und all die anderen Werke Kafkas, die Brod-Lektüre gehemmt und überlagert. So stellt der Akt der Herausgeberschaft in diesem Fall auch eine Art philologische Abbitte dar. Was überfällig war! Denn wer heute, bald ein halbes Jahrhundert nach Brods Tod, zum ersten Mal seine Werke liest, wird hingerissen sein von ihrem Schwung, von der Leichtigkeit, der sprachlichen Eleganz auch, die so ganz natürlich daherkommt, und nicht zuletzt von der unverkennbaren Bescheidenheit und Heiterkeit des Autors.

Heiter blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 1968. Dabei hätte er allen Grund gehabt, in Düsterkeit zu versinken: Viele seiner Verwandten und Freunde starben in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches, seine Frau, mit der er als einer von bloß zehn Juden 1939 noch Prag in Richtig Palästina hatte verlassen dürfen, starb bald nach dem Krieg. Finanziell wurde es immer schwieriger für ihn, seine Bücher, die in den Zwanzigerjahren Bestseller waren (und zum Teil sogar verfilmt wurden), fanden immer weniger Leser und mitunter nicht einmal einen Verlag.

Beinahe ein Vorzugsschüler - Max Brod 1937. Man kennt ihn durch sein Engagement für Kafka, nun wird sein eigenes Werk entdeckt.

(Foto: Getty/Three Lions)

Doch gönnte sich Brod allenfalls eine Prise nostalgischer Wehmut: Ein leichter Hauch davon durchweht seine Erinnerungsbücher. "Der Sommer, den man zurückwünscht", von 1952, spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Misdroy an der Ostsee. Hauptfigur ist der fünfzehnjährige Erwin; allerdings ist dem Autor dieser Junge so nah, dass er immer wieder "ich" schreibt und "Max". Ein Versehen offensichtlich, dass allerdings äußerst charmant wirkt.

Ja, hier erzählt Brod seine eigene Geschichte, erzählt von einem jener Sommer, die er mit Mutter, Bruder und Schwester am Meer verbrachte, dem weiten, blauen Meer, das für die Kinder aus dem wasserfernen Böhmen immer wieder eine Offenbarung darstellt: "Ungestüm eilten sie durch den Kurpark, stürmten den steilen Weg am Kurhaus vorbei zur Strandpromenade empor; hier, dem grau-hölzernen Herrenbad gegenüber, blieben sie atemlos stehen - da war es wirklich, dieses unglaubliche, durch keine Phantasie in solcher Kraft heraufzubeschwörende Element, ein stählern glänzendes Riesenschild, diese steil und schrecklich erhobene, geradezu vertikal aufgerichtete Wasserwand in weißflammender Sonne, vor der einem die Augen wehe taten."

Das Vergnügen ist dabei keineswegs ungetrübt. Den Überschwang der Kinder nämlich kann die Mutter nicht teilen. Überfordert von den Erwartungen an einen bürgerlichen Haushalt (den es auch in der Sommerfrische aufrechtzuerhalten galt) sind ihre Launen unberechenbar. Mit absurden Begründungen verbietet sie den Kindern mal das Lesen, mal das Ballspielen; zu Zärtlichkeiten ist sie ohnehin nicht in der Lage. Das eigentliche Ventil ihrer Anspannung aber sind die wechselnden Dienstmädchen. In Prag hält es keines länger als zwei Wochen mit ihr aus, und auch Zdenka, mit der Max in Misdroy erste zarte Bande knüpft, verzweifelt bald an Mutter Brod und ihrem zwanghaften Kontrollwahn. In späteren Zeiten, wieder in Prag, wird sich eines dieser armen Dienstmädchen schließlich aus dem Fenster zu Tode stürzen. Woraufhin Brods Mutter selbst in ein Heim eingewiesen wird.

Max Brod: Der Sommer, den man zurückwünscht. Beinahe ein Vorzugsschüler. Romane. Wallstein Verlag, Göttingen 2014. 388 Seiten, 29,90 Euro. E-Book 23,99 Euro.

Er blieb heiter, obwohl er allen Grund zur Düsternis gehabt hätte

Eine wichtige Rolle im "Sommer, den man sich zurückwünscht" spielt auch die Musik, die Musik der Kurkapelle wie die Musik, die Max erst allein für sich spielt, bis sein Talent als Pianist schließlich von anderen Kurgästen entdeckt und er weidlich als Begleiter mittelmäßiger bis unterirdischer Sängerinnen missbraucht wird. Zu wehren versteht er sich kaum; auch mit der bei all ihrer Hysterie geliebten Mutter umzugehen gelingt ihm erheblich schlechter als seinem drei Jahre jüngeren Bruder Otto. Tatkräftiger, praktischer, nicht so sehr von allerlei komplizierten Gedanken und Empfindungen in Beschlag genommen wie Max sorgt dieser Otto auch dafür, dass die von der Mutter aus nichtigem Anlass zurück nach Prag gejagte Zdenka dort vom Vater doch noch ausbezahlt wird. Auch in anderen Dingen zeigt Otto sich reifer und verständiger. Im Grunde ist "Der Sommer, den man sich zurückwünscht" eine Hommage vor allem an den in Auschwitz ermordeten Bruder. Doch Kummer lässt Max Brod auch in diesem Zusammenhang nicht das eigene Schreiben bestimmen, die traurigen Töne überlässt er Catull, mit dessen Totenklage er sein Buch beschließt: Fern durch viele Völker und viele Meere gefahren / komme ich zu diesem Dienst, Bruder, zum Totenfest, / Trostlos mit letzter Begräbnisgabe dich zu beschenken, / Anzusprechen den Staub - doch vergebens, er schweigt, / Da dich selbst das frevelhafte Geschick mir entrissen, / Armer Bruder, ach, nicht mit Fug mir geraubt."

So steckt "Der Sommer, den man zurückwünscht" vor allem voll farbiger Bilder und klugen Beobachtungen. Mit ruhiger Hand, ohne Dramatik oder grelle Effekte entfaltet, gleicht diese Prosa einer Meditation. Das gilt in gewisser Weise auch für "Beinahe ein Vorzugsschüler", dem zweiten sogenannten "Roman" dieses Bandes. Er widmet sich der Schulzeit, den Jahren an den kaiserlich-königlichen "Mittelschul-Unterrichtsanstalten".

Doch am Anfang steht hier ebenfalls das Meer, das Mittelmeer, wenn auch der nun in Tel Aviv lebende Brod in ihm, in dem Nebel der über seinen Wassern liegt, die Konturen des untergegangenen Prag zu erkennen meint: "Seit vielen Jahren lebe ich in Tel-Aviv; aber es ist mir nie aufgefallen, daß es auch hier Nebelwetter gibt. Erst heute. Vielleicht hat es auch wirklich all die Jahren keinen Nebel gegeben. Dieser Naturerscheinung war ich jedenfalls völlig entwöhnt - in Prag war sie mir natürlich lieb und vertraut gewesen; hier jedoch, in der weißen Stadt an der blauen See, unter dem fast immer strahlenden Himmel, der sich nur im Winter durch stürzende Regenmassen trübt, hatte ich wirklich schon ganz vergessen, daß so etwas wie Nebel existiert."

Ähnlich ist auch Max Brods Werk über viele Jahre hinter einem Schleier versteckt gewesen. Zeit, es wiederzuentdecken.