Autobiografie von William Finnegan Zitternd auf dem Brett

Faszination für die Eigenheiten bestimmter Surfspots: Mit einer Idylle ist die Jagd nach der perfekten Welle keinesfalls zu verwechseln.

(Foto: Roberto Schmidt/AFP)

Als Kriegsreporter wurde William Finnegan international bekannt. Seine Autobiografie "Barbarentage" ist aber ein 500 Seiten dickes Protokoll einer Besessenheit - für das Surfen.

Von Christoph Schröder

Im Winter 1997 war es so knapp wie nie. Da gehen William Finnegan und sein Freund Peter tatsächlich beinahe drauf: Die Wellen vor Madeira werden größer und größer; die Strömung zieht die beiden auf das offene Meer hinaus. Sie werden abgetrieben, die Dunkelheit bricht herein; sie paddeln an der Küste entlang, vor sich eine undurchdringliche Wand aus aufgepeitschtem Wasser und Geröll. Sie werden hin und her geschleudert, überspült, verschrammt.

Finnegan erinnert sich an die alte Portugiesin, die zwei Jahre zuvor am selben Ort ein paar leichtsinnige Surfer angebrüllt hat: Sie hätten keinen Respekt vor ihren Familien und vor den Menschen, die im Meer ihr Leben verloren hätten. Finnegan und sein Surferfreund schaffen es an Land, klammern sich an Felsen fest, verlieren ihre Boards. Peter wird nie wieder vor Madeira surfen, doch, so schreibt Finnegan, "seine Klarheit war mir nicht gegeben. Ich war noch nicht fertig mit Madeira."

Surfen - zwischen Ekstase und Gefahr

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"Barbarentage" ist das mehr als 500 Seiten dicke und sich über 50 Jahre erstreckende Protokoll einer Besessenheit. Es geht um die Suche nach der perfekten Welle. Bei William Finnegan, Jahrgang 1952, wird diese Sehnsucht Mitte der Sechzigerjahre geweckt. Er wächst in Kalifornien auf, aber dort ist das Surfen für ihn noch eine Freizeitbetätigung neben vielen anderen. 1966 zieht die Familie nach Honolulu. Dort, im Zentrum der Surfkultur, kommen das Umfeld und die Leidenschaft des jungen William dann zur Deckung. Der Vater arbeitet als ausführender Produzent beim Fernsehen und soll in Hawaii eine Unterhaltungsshow auf die Beine stellen, "hawaiianisches Laientheater", wie er es nennt. Von Mitte der Siebzigerjahre an wird Finnegans Vater an der legendären Fernsehserie "Hawaii Five-0" mitarbeiten. William ist da längst in der Welt unterwegs auf der Suche nach der perfekten Welle.

Das mediale Klischeebild der Surferszene wird in "Barbarentage" einer gründlichen Revision unterzogen. Der vermeintliche endlose Sommer ist in Wahrheit ein endloser Winter, denn nur dann entstehen die großen Stürme, welche die guten Wellen auf den Weg zu den angesagten Surfspots schicken.

Um nicht als Spinner zu gelten, hat er seinen Kollegen nie von seiner Leidenschaft erzählt

Finnegan hat seit 1987 als Kriegsreporter für den New Yorker gearbeitet. Es ist frappierend, dass man davon in einer mehr als 500 Seiten starken Autobiografie so gut wie gar nichts erfährt. Gegen Ende des Buches lässt Finnegan die Bemerkung fallen, dass er den Kollegen von seiner Surfleidenschaft nie viel erzählt habe, um nicht als Spinner zu gelten. Erst da wird einem bewusst, dass der Mann ein Doppelleben geführt hat; eine Existenz an zwei Fronten: zum einen als Journalist in Krisengebieten, zum anderen auf der Jagd nach dem "endlosen Schatz der Schönheit und des Erstaunens".

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Mit einer Idylle ist das keinesfalls zu verwechseln: Finnegan und seine Freunde surfen auf den Fidschi-Inseln zwischen Plastikmüll und toten Tieren. Sie übernachten zwischen giftigen Schlangen und Tausendfüßlern, zerschneiden sich die Füße, werden von den Wellen auf den Meeresboden geschleudert, erkranken an Malaria und bakteriellen Infekten. Unter dem Druck des Wassers platzen ihnen die Trommelfelle.

Der journalistische Blick ist dem Buch deutlich anzumerken. Der Surfsport ist bei Finnegan, anders als bei einem Autor wie Kem Nunn, der mit "Wellenjagd" und vor allem mit "Wo Legenden sterben" Romane von weit über das Genre hinausreichender Qualität geschrieben hat, nicht mit einer mythisch-sakralen Überhöhung verbunden. "Barbarentage" wurde 2016 mit dem Pulitzerpreis in der Kategorie "Autobiografie" ausgezeichnet, und das völlig zu Recht, denn es ist ein mitreißendes Abenteuerbuch, das von Selbsterprobung und Angst, von Prahlerei und Lebensgefühl und vom erhabenen Schauer des tödlichen Risikos erzählt, ohne dabei in das Pathos des Heroischen zu verfallen.

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Wie jeder Besessene nimmt auch Finnegan dabei wenig Rücksicht auf sein Umfeld: Seine wechselnden Frauenbekanntschaften müssen stets hinter dem Surfen zurückstehen. Auch die Hoffnung der Eltern, der Sohn könnte ein Jurastudium aufnehmen, zerschlagen sich schnell. Stattdessen studiert Finnegan Literatur, nimmt Gelegenheitsjobs an, mit denen er seine Reisen finanziert, und hackt einen tausendseitigen Roman, der niemals erscheinen wird, in die Schreibmaschine. So zieht er durch die Welt, stets in wechselnder, zumeist männlicher Begleitung: Maui, die Südsee, Bali, Afrika.

Als er die perfekte Welle gefunden hat, stellt er zu seiner eigenen Überraschung fest, dass er weinte

Im Jahr 1978 finden Finnegan und sein Freund Bryan auf Tavarua Island dann tatsächlich die perfekte Welle. Sie surfen den ganzen Tag; am Abend paddelt Finnegan zurück an den Strand: "Zitternd lag ich auf meinem Brett. Am Strand schaffte ich gerade einmal den halben Weg zu unserem Lager. Auf den Knien im Sand, völlig ausgepumpt in der Abenddämmerung, merkte ich zu meiner Überraschung, dass ich schluchzte." Die beiden Freunde erzählen niemandem von der Insel Tavarua. Noch nicht einmal den Namen sprechen sie laut aus, um sich nicht zu verplappern. Und trotzdem liest Finnegan einige Jahre später in einem Surfermagazin, dass Tavarua in ein Surferresort umgewandelt worden war, das sich wochenweise mieten ließ. Als Journalist hat Finnegan die Privatisierung von Wasservorräten angeprangert. Der Surfer Finnegan hingegen setzt sich über moralische Bedenken hinweg und spielt das Privatisierungsspiel mit: "Ich wollte wieder dort surfen, solange ich noch konnte."

Finnegan hat betont, dass er ein Buch habe schreiben wollen, an dem auch am Surfen nicht interessierte Leser ihre Freude haben könnten. Daran sind leise Zweifel angebracht. Mit der Präzision seiner Beschreibungen geht auch eine gewisse Ausführlichkeit einher. Dutzende Male räumt Finnegan seiner Faszination für die Eigenheiten bestimmter Surfspots, dem damit verbundenen technischen Anspruch und der Materialkunde breiten Raum ein. Nach der Lektüre von "Barbarentagen" weiß man, was man sich unter einer Impact-Zone, einem Pointbreak, einem Squashtail oder einem Cutback vorzustellen hat. Das Erstaunliche ist allerdings: All das will man auch wissen.

1994 heiratet Finnegan; 2001 kommt seine Tochter zur Welt. Seinen Beruf als Kriegsreporter gibt er daraufhin auf. Mittlerweile ist er nach New York gezogen. Er schwimmt jeden Tag zwei Kilometer und versucht, sich den Gedanken abzugewöhnen, dass Sport nur in der Gefahr einen Sinn hat. Immerhin: Er hat das Meer überlebt.

William Finnegan: Barbarentage. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Suhrkamp, Berlin 2018. 566 Seiten, 18 Euro

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