"Asoziale" in deutschen Konzentrationslagern Stigma der Ausgestoßenen

Der Berliner Perfomer und Autor Tucké Royale, Sprecher des "Zentralrats der Asozialen in Deutschland (ZAiD)".

(Foto: Selim Sudheimer)

Die Nazis inhaftierten sogenannte "Asoziale" in Konzentrationslagern - eine Entschädigung haben sie nie erhalten. Auf ihr Schicksal macht nun der Künstler Tucké Royale aufmerksam, mit dem "Zentralrat der Asozialen in Deutschland".

Von Hannah Beitzer, Berlin

Prostituierte, Obdachlose, Wanderarbeiter und Alkoholiker: Sie alle wurden im Dritten Reich als "Asoziale" verfolgt. In den Konzentrationslagern mussten sie schwarze Dreiecke tragen. Nach 1945 geriet ihr Schicksal in Vergessenheit, eine Entschädigung haben sie nie bekommen. Auf diese Ungerechtigkeit will nun, 70 Jahre nach dem Ende des Holocaust, ein Kunstprojekt aufmerksam machen. Tucké Royale, Berliner Performer und Autor, hat gemeinsam mit anderen den "Zentralrat der Asozialen in Deutschland" (ZAiD) gegründet. Die selbsternannten Asozialen kleben schwarze Aufkleber an Orte, an denen Betteln verboten ist, pflanzen schwarzen Klee winkelförmig vor ehemalige Arbeitshäuser, und sind von 30. April bis 2. Mai im Berliner Maxim Gorki Theater zu Gast.

SZ: Tucké Royale, "asozial" ist heute noch ein Schimpfwort. Warum übernehmen Sie es freiwillig für Ihr Projekt?

Tucké Royale: In der Tat fragen mich viele: Warum nicht "sogenannte Asoziale"? Warum nicht wenigstens "Asoziale" in Anführungsstrichen? Da diese Opfergruppe allerdings 70 Jahre in einem breiten gesellschaftlichen Spektrum überhaupt nicht sichtbar war, schien es mir wichtig, sie erst einmal so zu benennen, wie sie auch verfolgt wurde. Es ist auch ein wenig Methode, erst einmal nachfragen zu lassen: Wer ist das überhaupt, was heißt "asozial"? Um das Gespräch zu eröffnen. Dann weise ich natürlich darauf hin, dass "asozial" die Täterperspektive ist, also eine Fremdzuschreibung.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich bin zuerst in Gedenkstätten auf diese Opfergruppe gestoßen, weil ich auf den Tafeln dort die schwarzen Dreiecke gesehen habe, die die Betroffenen tragen mussten. Die Bezeichnung "Asoziale" fand ich sehr reißerisch, sehr auffällig und sehr verdächtig. Dann habe ich erfahren, dass das eine sehr heterogene Gruppe war - Prostituierte, Obdachlose, Alkoholiker. Es gab auch Überschneidungen zu anderen Opfergruppen, zu Sinti und Roma oder homosexuellen Männern. Überwiegend kamen die Menschen aus einer subproletarischen Schicht, wenn auch nicht ausschließlich. Nach 1945 wurde ihnen der Status als politisch Verfolgte nicht zuerkannt, sie wurden ein weiteres Mal entmündigt. Das finde ich skandalös.

Warum haben die als asozial Verfolgten keine Entschädigung erhalten, warum wird ihrer so wenig gedacht?

Sie gehörten weder richtig zur Gruppe der politisch, noch der ethnisch, noch der religiös Verfolgten. Asozial ist eine Fremdzuschreibung, mit der sich keiner gern identifiziert - anders zum Beispiel als "jüdisch" oder "politisch". Den als "asozial" Verfolgten fällt es schwer, sich zu organisieren, sich auch zu emanzipieren. Die Menschen haben keine Lobby. Das hat viel mit Scham zu tun. Zudem konnten sich viele aufgrund ihrer prekären Lebensverhältnisse schwer in den Diskurs einbringen, die Geschichtsschreibung beeinflussen. Viele sogenannte Asoziale wurden im Dritten Reich zwangssterilisiert, sodass sie keine Kinder haben, die heute die Familiengeschichte aufarbeiten könnten.

Obdachlose, Alkoholiker, Arbeitslose und Prostituierte sind auch heute nicht gerade angesehen. Wirkt die Stigmatisierung fort?

Der Zivilisationsbruch, den die Nazis begingen, ist mit Sicherheit einmalig. Daran ist nicht zu rütteln. Trotzdem gibt es natürlich Kontinuitäten, die schon vor dem Dritten Reich begannen und sich bis heute fortsetzen. Wir wissen von Bettlerrazzien in den 30er Jahren. Und wir sehen, welcher Aufwand betrieben wird, um vor Großevents Bettler aus den Städten zu kriegen. Städte werden umgebaut, privatisiert, die untere Schicht soll unsichtbar gemacht werden. Das finde ich sehr problematisch. Auch, dass Hartz-IV-Empfängerinnen im Jobcenter schon Sanktionen angedroht bekommen, bevor überhaupt etwas passiert ist, passt nicht zu meiner Vorstellung eines Rechtsstaates. Da wird pauschal eine Straftat unterstellt und vorsorglich eine Strafe bestimmt. Die Vorstellung, Menschen durch Strafen und Drohen zu "bessern" hat schon eine lange Geschichte - und ist von den Nazis pervertiert worden.