Heimat vs. Urbanisierung Erlebt der ländliche Raum ein Comeback?

Architekten suchen nach neuen Konzepten, das Landleben attraktiver zu gestalten (im Bild: Sonnenuntergang im fränkischen Gunzendorf).

(Foto: dpa)

Mehr als die Hälfte der Deutschen lebt jenseits der Metropolen, doch viele Gemeinden und Städte im ländlichen Raum drohen abgehängt zu werden. Vom Zwiespalt der Provinz und der Suche nach einer Zukunft.

Von Gerhard Matzig

Es gibt das Phänomen "Urban Gardening" sowie die Modeketten "Urban Outfitters" und "Urban Trendsetters". Die Urban G/S ist ein Motorrad von BMW und der Urban EV ein Auto von Honda. Der Fahrradhersteller annonciert ein Bike "für den urbanen Dschungel", während das Immobilienportal ein Passivhaus in Pankow preist - für "trendige Urbanisten".

Urbane Gärten, Socken, Häuser und Vehikel: Das "urbane Leben" reflektiert nicht allein Marketing-Chiffren, es umreißt auch einen Begriff, der die Lebenswelt der Gegenwart mit der menschlichen Siedlungsgeschichte zur Deckung bringt. Das Urbane ist in der aktuellen Epoche rapide zunehmender Verstädterung, da erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben, zugleich ein emotional besetzter, unscharf und raunend formulierter Sehnsuchtsort, wie er auch als empirisch bestimmter, klar vermessener Lebensraum konkret ist. Als Stadt nämlich. Aus dieser Dualität - realer Lebensraum einerseits und Wunschtraum andererseits - bezieht der Begriff von der Urbanität als städtisch definiertes Lebensmodell ("urbs", Stadt) seine Schlagkraft und leider auch seine enorme Nervensägenhaftigkeit.

Es ist nahezu aussichtslos, noch irgendein Produkt oder gar eine Lebensform finden zu wollen, die sich dem Urbanisierungssog entziehen. Denkt man. Und googelt fast schon verzweifelt die Begriffe "urban" und "Bügeleisen", weil doch dazwischen unmöglich irgendein sinnvoller Zusammenhang bestehen kann.

Falsch gedacht. Die Disziplin "Urban Style" ist laut Wikipedia eine Sonderform des "Extrembügelns". Urbane Bügler bevorzugen demnach ein Habitat "im städtischen Umfeld". Ein Foto illustriert diesen Amok mit einem jungen Mann, fixiert ans Heck eines Autos, der ein blaues Hemd bügelt. Bei voller Fahrt durch den sogenannten urbanen Dschungel.

Gibt es denn nichts mehr, was es nicht auch in einer urbanen Variante gibt? Peter Haimerl vielleicht? Eben nicht. Der 56-jährige Architekt, der von der Fachzeitschrift Baumeister als "Ausnahmeerscheinung in der deutschen Architekturszene" beschrieben wird, hat ein Büro in der Münchner Innenstadt. In einem Innenhof von Haidhausen. Urbaner geht's kaum. Trotzdem ist er auch so etwas wie der letzte Mohikaner des Landlebens. Zwar stammt er nicht aus Nordamerika, sondern aus dem Bayerischen Wald. Und er kämpft auch nicht gegen die Huronen, sondern befindet sich gerade in Blaibach, wo einem Tschechien nah vorkommt und die hier typischen Autokennzeichen CHA, KÖZ oder WÜM exotisch erscheinen.

Besoffen vor lauter Utopismus

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Außerdem ist Haimerl nicht auf dem Kriegspfad, sondern auf dem Symposion "Come Back! Zukunftslabor ländlicher Raum". Das fand kürzlich, kuratiert von Julia Hinderink, im Konzerthaus Blaibach statt. Mitten in der Pampa. Aber auch mitten in einem Wunder. In einem Raum- und Akustik-Wunder. Eigenartig monolithisch und wie vom Himmel gefallen als moderner Baukörper, der zugleich so selbstverständlich eine neue Mitte von Blaibach definiert, als wäre der spektakulär selbstverständliche Konzertsaal schon immer hier zu Hause. Fremdvertraut.