"Ameisengesellschaften" von Niels Werber Einhelligkeit ohne Kommandos

Literaturprofessor Niels Werber hat ein äußerst erhellendes Buch über Ameisen geschrieben. Es geht darin auch um menschliche Gesellschaft und Geschichte. Denn kaum ein anderes Wesen ist uns so ähnlich und doch so fremd.

Von Burkhard Müller

Bill Gates, Chef von Microsoft, und Michael Eisner, Chef von Disney, fliegen zusammen mit dem Jetpack hoch über der Erde dahin. "Die Leute sehen wie Ameisen aus von hier oben", merkt Eisner an. Gates korrigiert ihn: "Nein, Michael, es sind Ameisen."

Mit dieser kleinen Episode aus der Comic-Serie "Family Guy" beginnt Niels Werber, Professor für Neuere Deutsche Literatur in Siegen, sein Buch "Ameisengesellschaften - Eine Faszinationsgeschichte". Sie dient natürlich zunächst einmal dazu, die Blasiertheit der beiden Milliardäre dem befreienden Lachen auszuliefern. Aber darüber hinaus macht sie deutlich, wie sehr es beim distanzierenden Blick auf die Menschheit heute die Ameisen sind, die sich aufdrängen - und dass es sich bei ihnen keineswegs bloß um eine Metapher handelt, um einen vorgegebenen Tatbestand nach Belieben zu illustrieren. Ihr Bild, einmal eingelassen, reißt das Denken mit an Orte, über die es keine Kontrolle mehr hat.

Es entsteht etwas, das Werber (mit einem vielleicht etwas zu harmlosen Wort) eine "Passage" nennt: eine nahezu unwillkürliche Kurzschlussverbindung zweier an sich weit getrennter Wissensgebiete und Denkformen, in diesem Fall der Entomologie (der Lehre von den Insekten) und den Disziplinen, die vom Menschen als sozialem, politischem und ökonomischem Wesen handeln. Werber legt seine "Faszinationsgeschichte" darum zweigleisig an; immer hat er die Naturwissenschaftler einerseits, die Philosophen, Soziologen, Belletristen und Filmemacher andererseits zugleich im Blick. Darum sieht er, um es zugespitzt auszudrücken, sehr viel genauer, was diese Ameisen insgesamt treiben, als diese es je für sich selbst könnten.

Faschisten, Sozialisten, Imperialisten, Altruisten, Anarchisten

Werber erkennt das Neue, das der altbekannten Ameise in der Moderne zugewachsen ist. Von jeher ist die Menschheit, die sich nach Parallelen für ihre eigenen Strukturen umsieht, notwendig bei den sozialen Insekten herausgekommen, weil alle anderen Tiere eben nur sehr viel schlichtere Organisationsformen haben. Doch frühere Zeitalter hielten sich ans gemächlichere Muster der Honigbiene, die man symbolisch oder allegorisch interpretierte, um ihren Fleiß, ihren Gehorsam und ähnliche Tugenden dem Menschen als vorbildlich hinzustellen.

Mit der Ameise, deren soziale Dimension bis weit ins 19. Jahrhundert erstaunlicherweise so gut wie gar nicht in den Blick kam, kommt ein weit intensiveres Paradigma in den Mittelpunkt des Interesses. Was man lange gar nicht sah, besitzt auf einmal die Unwiderleglichkeit der Evidenz. Zu den Stärken von Werbers Buch gehört die Darstellung, wie im wimmelnden Augenschein gestaltensehend die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Modelle wahrgenommen wurden. Faschisten, Sozialisten, Imperialisten, Altruisten, Anarchisten, alle kommen sie bei den Ameisen auf ihre Rechnung.

Sie sehen es doch - warum da noch viel herumdeuten? Dabei bleibt das an sich augenfälligste Merkmal der Ameisenstaaten, nämlich dass sie die erforderliche Einhelligkeit ohne die Vermittlung von Zeichen und Kommandos erzielen (und ohne die für Menschengemeinschaften typischen Reibungsverluste), lange ohne Folgen für die kollektive Imagination. Das ändert sich erst, als die Menschheit meint, ein genaues Äquivalent gefunden zu haben, und zwar mit dem Internet: Auf einmal rühmt man den kleinen Tieren eine "Schwarmintelligenz" nach, die man auch gern hätte. Dann dürfte man, trotz der Erfahrung der eigenen Beschränktheit, dennoch die Sicherheit genießen, beim einzig Richtigen jedenfalls mitzumischen.