2. Dezember 2012, 15:20 Kulturgeschichte der Geliebten "Madame sein ist ein elendes Handwerk"

Der Sturz des mächtigen CIA-Direktors David Petraeus über eine außereheliche Affäre wirkt heute geradezu altmodisch. Dabei waren viele Epochen in dieser Hinsicht erstaunlich tolerant. Im Barock etwa gehörte die Mätresse zum guten Ton - aber auch die Frauen genossen zeitweise Freiheiten.

Von Joachim Käppner

Als sie sich in der Cadet Chapel, einem neogotischen Meisterwerk mit Blick auf die weiten Ebenen, das Jawort gaben, da hatte er eine Frau ausgewählt, welche das Leben einer Army-Familie völlig verstand." So idyllisch beschreibt der Militärhistoriker Bradley T. Gericke in einem Buch die Hochzeit von David Petraeus und der Generalstochter Holly Knowlton 1974 in West Point. Am 9. November 2012 trat Petraeus, noch immer mit Holly verheiratet, als CIA-Direktor wegen der Liebschaft mit seiner Biografin Paula Broadwell zurück. Es ist eine sehr amerikanische Affäre - weil sein Seitensprung die Doppelmoral einer puritanisch moralisierenden, zugleich aber nach dem Blick durchs Schlüsselloch in die Gemächer der VIPs gierenden Gesellschaft zeigt.

Seit es Herrscher und Regierende gibt, gibt es bei ihnen auch Liebesaffären, die gegen den offiziellen Moralkodex von Sitte, Religion, Staatswesen verstießen - zu jeder Epoche. Und in den meisten Zeiten staunten die Menschen weniger über solche Affären als über Mächtige, die behaupteten, zu tugendhaft dafür zu sein.

Der römische Kaiser Antoninus Pius, der Fromme, ließ seine Frau Faustina vergöttlichen, als sie 140 starb. Er hat sie aufrichtig geliebt, der Faustina-Tempel auf dem Forum Romanum trägt ihren Namen, er war ein guter, friedfertiger Herrscher, der die Historiker genau deshalb ebenso gelangweilt hat wie seine Zeitgenossen. Der Kaiser lebte anscheinend nach dem Idealbild einer Hochkultur, die ihre "alten römischen Werte" in moralischen Erbauungsschriften rühmen ließ, ohne sich selbst daran im Mindesten gebunden zu fühlen. Übrigens hat das selbst Pius nicht getan, er behandelte seine Amouren nur diskret, statt nach Art seiner Zeitgenossen damit zu prahlen.

Roms strenge sittliche Normen dienten eher als ideologischer Überbau als für den Alltag. Werte wie Treue, Tugend und gerechte Lebensführung sollten das Imperium von der Nacht der Barbarei abheben, die nach offizieller Doktrin jenseits der Grenzfestungen lauerte. Der berühmte Dichter Horaz aber schmiedete Verse wider "die befleckenden Frevel des Ehebruchs" und stieg gleichzeitig Knaben niederen Ranges und griechischen Partyköniginnen von legendärem Ruf nach.

"Spröde und bissig"

Ehebruch war sogar strafbar. Kaiser Augustus erließ Gesetze von erheblicher Strenge wider den Seitensprung. Seit der frühen Republik hatten sich Roms Führer kinderreiche Paare gewünscht, um genug Nachwuchs für die Legionen zu haben. Faktisch flüchteten sich die Römer aber lieber ins Konkubinat - neben der Ehefrau mindestens eine Geliebte zu haben, war Usus, ganz abgesehen von der verbreiteten Prostitution.

Hadrian, der Philosoph auf dem Kaiserthron (117 bis 138), vermied sorgsam die Nähe seiner Gattin Sabina, wofür der Althistoriker Alexander Demandt ein politisch unkorrektes, aber erkennbares Verständnis zeigt. Die Gattin des Imperators, schreibt er, "wird als spröde und bissig geschildert", nur "mit Rücksicht auf die Öffentlichkeit" ließ Hadrian sich nicht scheiden. Von Sabina, die ihrerseits den Schriftsteller Sueton als Geliebten gehabt haben soll, ist angeblich der Satz überliefert: "Ich habe Maßnahmen ergriffen, nicht von ihm (Hadrian) schwanger zu werden, seine Kinder könnten der Menschheit nur abträglich sein."

Hadrian opferte angesichts solcher ehelichen Dispute lieber am Grabe des Alkibiades, "des größten Frauenhelden der griechischen Welt" (Demandt), jährlich einen Ochsen, was Rückschlüsse auf sein Privatleben nahelegt. Bekannt ist seine Liebe zu dem Jüngling Antinoos, bei dessen Tod er öffentlich weinte; dies wurde allerdings allgemein als peinlich empfunden.

Frauen wurden mit wesentlich strengerem Maß gemessen als die Männer, welche auch in der Antike das Leben dominierten. Dennoch bot Rom zumindest Frauen oberer Schichten Freiräume, die im christlichen Mittelalter unvorstellbar gewesen wären. In der Regentschaft des Augustus, wie Tacitus verblüfft berichtet, umging die Dame Vistilia aus vornehmster Prätorenfamilie die Ehegesetze, indem sie sich amtlich als Dirne registrieren ließ - nur zu dem Zweck, sich straffrei mit ihren Lovern vergnügen zu können.

Zu den schönsten Dichtungen der Antike gehören die "Heroiden" von Ovid, der Poet lässt darin die Frauen die Treulosigkeit ihrer Männer beklagen. Symbolträchtig sprechen Heldinnen der klassischen Dichtung wie Phyllis, die Tochter des Königs von Thrakien, die sich selbst den Tod gibt, als Demophoon, ihr Bräutigam, von der Reise nach Athen nicht zurückkehrt:

"Manchmal fasste mich Furcht, dass Du schiffbrüchig versenkt wärest ins schäumende Meer. Und oft, wenn günstig den Wind für Himmel und Meer ich erkannte, hab ich gesagt zu mir selbst: Lebt er, so kommt er gewiß!

Unlust hindert am Kommen Dich nur, nicht heilige Schwüre noch auch Liebe zu mir führen Dich wieder zurück.

Winden, Demophoon, hast Du die Worte gegeben und Segel. Zur Rückkehr, wehe mir, fehlt Segeln und Worten die Treu!"

Das Christentum brachte einen neuen asketischen Zug in die spätantike Gesellschaft, der dann auch das Mittelalter bestimmte; Demandt spricht "vom Triumphzug der Keuschheit". Die Ehe, bei Griechen und Römern eher ein lebensfernes Ideal, wurde sakrosankt. Die Unzüchtigen und Ehebrecher werden von Gott gerichtet, heißt es in Hebräer 13,4. Liebesheiraten indessen waren selten, Vermählungen dienten meist politischen Zwecken, außereheliche Beziehungen galten als Sünde. König Heinrich IV., in dessen unglücklicher Regentschaft die Kirche den Führungsanspruch des deutschen Kaisertums über die Christenheit erstmals offen herausforderte, war äußerst unglücklich mit seiner Frau, Bertha von Turin.

Zwei oder drei Kebsweiber

Seine Feinde in papstnahen Kreisen streuten mit wohligem Schauder Geschichten von Seitensprüngen und Geliebten, die nicht alle erfunden waren: "Zwei oder drei Kebsweiber hatte er zur gleichen Zeit, aber auch damit war er noch nicht zufrieden . . ." Heinrich erwiderte 1069, in für seine Epoche atemberaubender Offenheit, vor den Fürsten, "er könne ihr nichts vorwerfen, was eine Scheidung rechtfertige, aber er sei nicht imstande, die eheliche Gemeinschaft mit ihr zu vollziehen" (Bruno von Merseburg). Doch der Papst drohte mit Exkommunikation, es gab kein Entrinnen.

Im diesem 11. Jahrhundert wurde, auch als Folge der fundamentalistischen Reformbewegungen, die den Zölibat durchsetzten, das Verhältnis der Kirche zur Sexualität zunehmend neurotischer. Wie wenig der weltliche Adel geneigt war, sein Leben anzupassen, davon gibt der Minnesang mit seinen angeschmachteten Prinzessinnen und fatalen Seitensprüngen ein schönes Gegenbild: "Ez stuont ein frouwe alleine . . . ".

Das Falkenlied des Dietmar von Aist, um 1150, ist ungewöhnlicherweise aus weiblicher Sicht geschrieben und über die Zeiten ein anrührendes Zeugnis, dass die Liebe nicht dort hinfliegt, wo die geltenden Moralvorstellungen sie haben wollen:

"Wie gut für dich, Falke, wie du bist!

Du fliegst wohin du möchtest:

Du wählst dir in dem Wald,

einen Baum, der dir gefällt.

So habe es auch ich getan:

Ich suchte mir selbst einen Mann,

den meine Augen erwählten.

Das neiden mir schöne Frauen.

Oh weh, dass sie mir meine Liebe

nicht lassen?"

Zum guten Ton gehörte die (oder der) Geliebte im Zeitalter des Barock und der absolutistischen Monarchen. Weder wahre Liebe noch nackte Triebe galten viel, wenn die Staatsräson zu Zweckheiraten zwang. Die Mätresse, die Meisterin, bot den Ausgleich, sie wurde zur offiziellen Person am Hofe. Und die Kirche? Ihre Würdenträger hielten sich meist selbst Mätressen - was im 16. Jahrhundert dazu beigetragen hatte, den Protestantismus mit seinen Klagen über den verderbten Klerus glaubhaft zu machen und ihm einen puritanischen Grundzug zu verleihen, der in den USA noch heute durchschimmert.

"Das Weib allein kennt wahre Liebestreue", heißt es in Schillers Turandot, doch am Hofe Ludwigs XIV. in Versailles war es der Marquis de Montespan, der offen die Untreue seiner als Mätresse tätigen und als "Königin der Sinne" gefeierten Ehefrau beklagte, er lief sogar in Trauerkleidung herum. Das Schicksal der Mätressen freilich war sehr ungewiss. Viele wurden, sobald der hohe Herr ihr oder ihrer Schwangerschaften überdrüssig war, verstoßen oder mit einem Almosen abgefunden.

"Madame sein ist ein ellendes Handwerck", klagte Liselotte von der Pfalz, durch eine der üblichen Pflichtheiraten an den Hof ihres Schwagers Ludwigs XIV. verschlagen. Sie machte in ihren Briefen übrigens keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Marquise de Maintenon, mit welcher der Sonnenkönig gar eine unstandesgemäße Ehe einging: "Alte Zott, eine Hexe und eine Rompompel". Am Hof galt die Maintenon als "die Sultanin".

Wenige stiegen so weit auf wie Madame Pompadour, die berühmteste Geliebte Ludwigs XV., die aktiv in die Außenpolitik des Königs eingriff, Koalitionen gegen Preußen schmiedete und nach der verlorenen Schlacht von Roßbach 1757 keinen Frieden erlaubte, sondern den berühmten Ausspruch tat: "Après nous le déluge (Nach uns die Sintflut)."

Im 19. Jahrhundert, an der Schwelle zur Moderne, wirkten liebestaumelnde Monarchen schon ein wenig lächerlich. Heinrich Heine verspottete Ludwig I. von Bayern:

"Er liebt die Kunst, und die schönsten Fraun, / Die läßt er porträtieren; / Er geht in diesem gemalten Serail / Als Kunsteunuch spazieren."

In seiner "Schönheitengalerie" versammelte der König Bilder von Frauen, die meist zwar nicht seine Geliebten waren; aber vielleicht hätte er sie gern als solche gehabt. Helene Sedlmayr kam als Dienstbotin an den Hof. Ludwig war verzaubert, er ließ sie vom Hofmaler Joseph Karl Stieler abbilden, und dieser schilderte, wie der Regent um das Mädchen herumscharwenzelte: "Für Helene Sedlmayr kaufte der König gar die Tracht: ' . . . der ich eine schöne silberne Riegelhaube, silberne Ketten für das Mieder, ein Halstuch, Kleid gegeben', vermerkt er am 13. Dezember 1830".

Aber wirklich verfallen war der König Lola Montez, der exotischsten Dame der Galerie, die seine Mätresse und sein Verhängnis wurde. "Schwarzes Haar. Blaue Augen! Anmutige Gestalt!" Missmutig ließ Preußens Außenminister wissen, "diese Verknüpfung von Regierungssystem und Verliebtheit in eine vagabundierende Grazie" gehe "zu heutiger Zeit" wirklich nicht mehr an. Als Ludwig seine Kritiker beschied: "Jeder kümmere sich um das, was ihn angeht", fegte ihn im unruhigen Jahr 1848 der Volkszorn vom Thron und die Geliebte ins Exil. Die Landeskinder mochten keine Monarchen mehr, die Sittenstrenge verlangten, aber nur von den Untertanen.

Je größer die Macht, desto freier interpretierbar erscheint den Mächtigen die Moral, die sie sonst gern predigen. Das hat sich durch die Demokratie nicht geändert. Die Gesetze freilich gelten nun für alle, und eine öffentliche Moral gibt es nur noch in Restbeständen, in den USA gewiss mehr als anderswo. Die Ehe gilt dort offiziell als Säule der Gesellschaft, und die Erwartungen an Führungspersönlichkeiten erinnern an jene Dichter Roms, die noch den tumbesten Lustmolch im Kapitol als Herold der Tugend besangen. Doch in einer Zeit, in der die Ehe nur ein Lebensmodell unter vielen ist, geht auch der Nimbus der Geliebten langsam verloren. Die Autorin Annette Meyhöfer hat das sehr schön beschrieben: "Die Geliebte. Allein das Wort hat einen altmodischen Klang. Geheimnis und Verrat hört man darin, eben all das, was zur Liebe auch gehört - auch ihre Vergänglichkeit."