50. Geburtstag von Michel aus Lönneberga Auf einmal kam Leben in den Schlingel

Nicht Pippi, sondern Michel aus Lönneberga war Astrid Lindgrens liebste Figur. Vor 50 Jahren hat sie die ersten Sätze über den Lausejungen geschrieben. Die Geschichten schildern ein burlesk gezeichnetes Bauern- und Familienleben - ihr eigenes.

Von Roswitha Budeus-Budde

Wenn Astrid Lindgren gefragt wurde, welche denn ihre liebste Kinderbuchfigur sei, dann nannte sie nicht Pippi Langstrumpf, sondern "Michel aus Lönneberga". Am 23. Mai, vor 50 Jahren, hat sie die ersten Sätze geschrieben, über diesen besonderen Lausejungen, der im schwedischen Original Emil heißt - ein Name, der dem Oetinger Verlag für die deutsche Ausgabe zu nahe an Kästners berühmtem Krimihelden war.

"Plötzlich tauchte Michel in meinem Bewusstsein auf, als ein Mittel, um einen kleinen Schreihals zum Schweigen zu bringen", schreibt sie in ihren Erinnerungen. "Rate mal, was Michel in Lönneberga einmal gemacht hat? Und da verstummte der Schreihals, denn natürlich wollte er unbedingt wissen, was denn dieser Michel in Lönneberga angestellt hatte. Wer dieser Michel war, davon hatte ich selber noch keine Ahnung, und er war mir lange Zeit auch ganz gleichgültig. Urplötzlich aber, ohne dass ich wusste wie, kam Leben in den Schlingel, und er fing mit seinem Unfug an und war nicht mehr zu bändigen."

Auch die drohende Strafe, seine Verbannung in den Tischlerschuppen, die unausweichlich auf jeden Streich folgte, konnte Michel nicht davon abhalten, seine kindlich naiven, genial verrückten Einfälle durchzuziehen. Da mochten die Wutausbrüche des Vaters noch so schrecklich sein, wenn er wieder einmal Opfer seines Sohnes geworden war - wenn er mit einem Schmerzensschrei aufwacht, weil an seinem großen Zeh ein Krebs hängt - oder voller Neid erkennt, wie erfolgreich sich dessen "Wahnsinnsgeschäfte", der Erwerb einer hinkenden Henne, einer wilden Kuh und einer Feuerspritze, auf der Auktion von Backhorva entwickeln.

Die Geschichten schildern ein burlesk gezeichnetes Bauern- und Familienleben, mit "volkstümlichen Anekdoten" und satirischen Einlagen, aber sicher keine Idylle. Und ohne das Diktat der politischen Korrektheit. Vieles von Michels Abenteuern stammte auch aus dem Leben von Lindgrens Vaters. "Selbst wenn er nicht ganz so viel Unfug getrieben haben mag", hat sie doch manche Anekdote direkt aus seinen Erzählungen übernommen. Wo genau, das wird nicht immer deutlich, denn: "Etwas kann der Leser ja auch selbst herausfinden, nicht wahr?"

Ihr ganzes langes Leben erzählte Astrid Lindgren von ihrer Kindheit und ihren Erinnerungen an sie. "Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist - Geborgenheit und Freiheit". Michel ist als literarische Figur ein Kind, das aus dieser Sicherheit heraus autonom handeln kann. Der letzte Band mit dem Titel "Michel bringt die Welt in Ordnung", symbolisiert die Fähigkeit, die aus dieser unerschütterlichen elterlichen und gesellschaftlichen Sicherheit erwächst. Je älter Astrid Lindgren wurde, umso mehr sah sie diese Kindheit als ein "verschwundenes Land".

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