70. Geburtstag Charlotte Rampling - unschuldig, unnahbar, unberechenbar

Kinostart - 45 Years HANDOUT - Charlotte Rampling in einer Szene des Kinofilms '45 Years' (undatierte Filmszene). Der Film kommt am 10.09.2015 in die deutschen Kinos. Foto: Agatha A. Nitecka/Piffl Medien GmbH/dpa - ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den genannten Film und nur bei Urheber-Nennung Foto: Agatha A. Nitecka/Piffl Medien GmbH/dpa (zu dpa-Kinostarts vom 07.09.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Sie begann als "naughty girl" des britischen Kinos und flirtete eine ganze Karriere lang mit dem Skandal. Nun wird Charlotte Rampling 70 Jahre alt.

Porträt von Fritz Göttler

Ich hasse es, sagt die junge Mutter, sie meint das Baby, das sie gerade zur Welt gebracht hat. Schon in der Schwangerschaft hat sie ständig verzweifelt böse über ihren wachsenden Bauch gemeckert.

Das war 1966, in "Georgy Girl", Charlotte Rampling spielte die Freundin der Heldin Lynn Redgrave. Sie war eines der naughty girls damals, der ordinären, gemeinen, dreckigen Zicken, mit denen das junge britische Kino der Sechziger Weltruf gewann.

Wettern gegen das politisch korrekte Hollywood

Als naughty girl hat sie sich auch vor einigen Tagen wieder präsentiert, politisch völlig unkorrekt, als sie im französischen Rundfunk über die diesjährige Oscar-Vorauswahl befragt wurde, über die Ignoranz den schwarzen Hollywoodianern gegenüber, die Polemiken und die Ankündigung von Spike Lee, Jada Pinkett Smith oder Will Smith, die Oscar-Nacht zu boykottieren. "Ich finde, das geht genau in die andere Richtung", erklärte Charlotte Rampling, "es ist rassistisch gegen Weiße." Es gab gleich herbe Kritik im Netz und ein paar abmildernde Bemerkungen von Rampling.

Sie ist selbst für den Oscar als beste Schauspielerin nominiert, für ihren Auftritt im Film "45 Years" bekam sie bereits vor einem Jahr den Silbernen Bären auf der Berlinale, zusammen mit ihrem Partner Tom Courtenay.

Wenn alles in weißen Händen ist

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Aufgeregte Schlagzeilen ist Charlotte Rampling gewohnt

Mögliche Skandale haben Charlotte Rampling stets fasziniert in ihrer Karriere. 1974 hat sie - sie war aus der englischen in die italienische Filmindustrie gewechselt für ein paar Jahre - einen erregt mit "Der Nachtportier": ein langsam torkelndes Nazi-Psycho-Ballett um eine junge Frau, die das KZ überlebte und viele Jahre später in einem Wiener Hotel den SS-Mann als Portier wiedertrifft, der sie im Lager in eine Sadomaso-Beziehung verwickelte. Eine italienische perverse Fantasie - Regie: Liliana Cavani -, durchexerziert von zwei britischen Akteuren (Rampling, Dirk Bogarde).

Rampling blieb den Extravaganzen treu und den exquisiten Partnern, sie arbeitete nackt für Helmut Newton und spielte cool neben Robert Mitchum (Philip Marlowe, in "Farewell, My Lovely"), neben Woody Allen in "Stardust Memories" und als Geliebte eines Schimpansen in "Max mon amour" von Nagisa Oshima. Daneben reüssierte sie mit Tschechow, Henry James und Dickens.

Und sehr früh schon kam jene sagenhafte zeitlose Schönheit, die Reife und Aggressivität zugleich signalisierte, Kühle und Emotionalität, Unnahbarkeit und Leidenschaft. Und natürlich - strenge Gesichtszüge, grüne Augen! - eine Mischung von Unschuld und Unberechenbarkeit, bürgerlichem Outlook und fröhlicher Schamlosigkeit.

Ihre Beziehungen dienen ihrer Kunst

Eine sehr intensive Beziehung ging sie mit dem Fotografen Juergen Teller ein, der sie nackt in den Louvre schickte und sich später dann eine Woche lang mit ihr für eine fotografisch ausschweifende Session in ein Pariser Hotel zurückzog.

2000 begann die traumhafteste Beziehung, der erste Film für François Ozon, der besessen die Liebes- und Sextrips der Moderne erforscht, vier Filme hat sie bislang mit ihm gemacht. "Unter dem Sand", der erste, erzählt von Verschwinden und Tod und Erinnerung, eine Frau und ein Mann kommen in einen kleinen Ort am Meer, der Mann ist plötzlich weg, aber soll sie glauben, dass er in den Tod gegangen ist? Im vierten Film mit Ozon, "Jung & Schön", ist das auf den Kopf gestellt, Rampling kommt zu einer jungen Prostituierten, ihr Mann ist in deren Armen gestorben - kann man diese Beziehung fortsetzen . . .?

Rampling hasst den Blick in den Spiegel, verachtet das Spiegelstadium, durch das die Gesellschaft gerade geht. Selfie, Facebook, Facetime! Ihr Spiel ist von Visconti geprägt, der sie für "Die Verdammten/La caduta degli dei" 1969 entdeckte, ihr die Unsicherheit nahm. Er stattete sie mit prächtigen Kleidern aus, umgab sie mit wundervollen Menschen. "Ich kann alles für dich tun, nur eines nicht, ich kann nicht für dich spielen. Willst du für mich spielen?" Charlotte Rampling spielt für ihn, bis heute. Am Freitag wird sie siebzig Jahre alt.

"Ich mag es, das Monster rauszulassen"

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