Überstunden steigen deutlich Der wertvollste Rohstoff

Mit dem Aufschwung kommen die Überstunden: 1,25 Milliarden leisteten Arbeitnehmer im Jahr 2010. Der Rohstoff Mensch wird knapp - die deutschen Betriebe sollten sich etwas einfallen lassen.

Ein Kommentar von Markus Balser

Der Aufschwung regiert in Deutschlands Büros und Fabriken: Die Erholung von der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit sorgt dafür, dass die Arbeitszeit in den Betrieben wieder deutlich steigt.

Laut dem Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kamen die Deutschen 2010 auf 1,25 Milliarden bezahlte Überstunden. Das entspricht 15 Prozent mehr als noch im Krisenjahr 2009. Zusammen mit unbezahlter Mehrarbeit sind es bundesweit sogar 2,5 Milliarden.

Das Plus macht zum einen deutlich, dass die Deutschen ihr Jobwunder nicht allein der Kurzarbeit verdanken. Auch flexible Arbeitszeiten haben dabei geholfen, ganz große Entlassungswellen in der Krise zu verhindern. Im Aufschwung bis 2008 hatten viele Beschäftigte ihre Arbeitszeitkonten aufgefüllt und Überstunden angehäuft. In der Rezession 2009, als Bänder stillstanden, wurden sie abgebaut und die Konten meist ins Minus gezogen. 2010 glichen viele Firmen das durch Mehrarbeit aus.

Die neue Welle der Überstunden an Deutschlands Schreibtischen bedeutet aber auch den Einstieg in die Zeitenwende auf dem Arbeitsmarkt. Viele Betriebe können ihre Aufträge mit bestehendem Personal kaum noch abarbeiten. Der Rohstoff Mensch wird knapp. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt in diesem Jahr unter drei Millionen.

Fachkräfte werden in vielen Branchen bereits verzweifelt gesucht. Wirtschaft und Politik müssen auf diese Warnsignale reagieren. Mehr Wettbewerb um Talente, mehr Qualifizierung in den Betrieben, innovative und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle: Deutsche Betriebe müssen sich etwas einfallen lassen, damit ihnen die wertvollste aller Ressourcen nicht ausgeht.