Taktgefühl und Dialog Der Chef ist bestenfalls ein halber Kollege

Wie Führungskraft und Untergebene miteinander umgehen sollten, hat der große Soziologe Niklas Luhmann in so trockenen wie witzigen Aufsätzen untersucht.

Von Johan Schloemann

"Unterversorgung mit Informationen ist häufig das Schicksal des Vorgesetzten, der bestenfalls halber Kollege ist", schreibt Niklas Luhmann.

(Foto: Fuse/Getty Images)

Hier und da trifft man ihn sicher noch an, den Chef, der seine Untergebenen, gerne Mitarbeiter genannt, zurechtstutzt oder auch mal anbrüllt, um seine Autorität zu markieren und seine Unsicherheiten zu überspielen. Meist wird der Chef oder die Chefin aber wissen, dass solche Methoden, Stoff unzähliger Witze, Karikaturen und Feierabendgespräche, eigentlich gar nicht so schlau sind.

Dies aber ist keine neue Erkenntnis jüngster Managementtheorien, welche von flacher Hierarchie, Kreativität und Teamarbeit künden. Vielmehr hat es vor Jahrzehnten schon der Verwaltungswissenschaftler und angehende JahrhundertSoziologe Niklas Luhmann (1927-1998) ganz kühl notiert. Für alle, die den dreiundfünfzigsten Jahrgang der Fachzeitschrift Verwaltungsarchiv aus dem Jahr 1962 gerade nicht zur Hand haben, wurden seine Einsichten jetzt zu einem handlichen, signalfarbenen Brevier zusammengebunden, das in jede Abteilungsleiter- oder Vorstandstasche passt: "Der neue Chef" heißt es, erschienen bei Suhrkamp, wo sie auch gerade einen neuen Chef haben (und mit einem Nachwort von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, der bei Luhmann gelernt hat und auch ein neuer Chef ist).

"Oberste Bedingung ist Takt"

Zur Frage der Chef-Aggression heißt es da etwa: "In der Tat sind offene Konflikte zwischen Vorgesetzen und Untergebenen selten und implizieren immer einen Zusammenbruch der Machtbeziehungen. Durch vertrauensvolle Kooperation kann die Macht auf beiden Seiten gesteigert werden." Deswegen gelte, schreibt Luhmann, in beide Richtungen: "Oberste Bedingung ist Takt: Man muss den anderen als den behandeln, der er sein möchte, sozusagen die beabsichtigte Selbstdarstellung im eigenen Handeln auffangen und reflektieren. Ich habe immer wieder versucht, an den Grenzen der Taktlosigkeit zu experimentieren, es zahlt sich nicht aus."

Von 1954 an war Niklas Luhmann acht Jahre lang Ministerialbeamter in Niedersachsen gewesen. Man mag sich an dieser Stelle eine Szene wie in einer albernen Wirtschaftswunderkomödie vorstellen: wie der junge Herr Luhmann damit "experimentiert", in seiner Behörde gegenüber den Kollegen zum Tier zu werden. Bis er merkt, dass das nichts bringt.

Nur kurz blitzt mal derart die Subjektivität des Autors auf. Sonst atmen Luhmanns Aufsätze den nüchternen Geist der Nachkriegsverwaltung. Obwohl aber im Hintergrund dieser Texte die Vorstellung von einer rationalen, streng arbeitsteiligen Bürokratie leuchtet - auch ein Thema in David Graebers jüngster Bürokratie-Geschichte (SZ vom 19. Februar) -, obwohl manches besser zum öffentlichen Dienst von damals als zum Arbeitsleben unter globalen Marktbedingungen passt: Trotzdem bleiben noch viele Beobachtungen Luhmanns übrig, die bemerkenswert zeitlos sind.