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Bürokratie und Liberalismus:Papierkram und Albträume

Offices in Office Building

Bürokomplex in Hongkong, auch hier gilt das Paradox des Liberalismus: Je größer die freien Kräfte des Marktes, desto stärker die Bürokratie.

(Foto: Bob Sacha/Corbis)

Batman, der "Dark Knight", und die Occupy-Bewegung... Der Aktivist und Anthropologe David Graeber skizziert in seiner linken Bürokratie-Kritik die gefährliche Lust an Regeln.

Lieber übers Wetter plaudern, als auf Beamte, Behörden, Papierkram schimpfen. Dazu ist doch längst alles gesagt. Und ohne Bürokratie geht es wohl kaum. Eine komplexe Welt braucht Ordnung und Regeln, je komplexer, desto mehr. Und haben nicht gegen die Bürokratie jene am lautesten gewettert, die alle öffentlichen Angelegenheiten, die Kultur, Gesundheit, Bildung dem Markt überlassen wollten? Ronald Reagan etwa glaubte, die schlimmsten Worte in englischer Sprache würden besagen: "Ich bin von der Regierung und ich komme, um zu helfen."

Nein, an der Seite dieser Marktradikalen möchte man lieber nicht stehen. "Deregulierung" klingt schön und gut, aber sie hat, wie heute jeder weiß, entscheidend zum Crash des Jahres 2008 beigetragen. Füllen wir also brav die uns zugedachten Formulare aus, ohne Bürokratie geht es nicht. Nur transparenter sollten die Entscheidungen werden, vielleicht hilft eine neue Transparenz-Behörde.

Christopher Nolans Film "The Dark Knight Rises" versteht er als Anti-Occupy-Werk

Gegen Argumentationsketten wie diese richtet sich das jüngste Buch des Anthropologen David Graeber, das im vorigen Jahr auf Englisch erschien, "The Utopia of Rules", und in diesen Tagen auf Deutsch herauskommt (Bürokratie. Die Utopie der Regeln. Aus d. Englischen von Hans Freundl, Henning Dedekind. Klett-Cotta, Stuttgart 2016, 329 S., 22,95 Euro, E-Book 17,99 Euro). Der Anarchist Graeber lehrt an der London School of Economics; berühmt wurde er als Unterstützer der Occupy-Bewegung; sein Buch "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" war in vielen Ländern ein Bestseller.

"Bürokratie" - der Respekt gebietende Titel der deutschen Übersetzung führt den Leser ein wenig in die Irre. Das Buch enthält drei lose miteinander verbundene Essays - und einen Aufsatz über den Christopher-Nolan-Film "The Dark Knight Rises", den Graeber als Anti-Occupy-Werk versteht und verwirft. An keiner Stelle aber versucht er, eine Geschichte der Bürokratie zu schreiben, auch unternimmt Graeber keine größeren definitorischen Anstrengungen. Was er braucht, übernimmt er von Max Weber oder soziologischen Untersuchungen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. In Deutschland ist davon wenigstens das "Peter-Prinzip" bekannt, wonach in großen Hierarchien jeder so lange befördert wird, bis er eine Stufe erreicht, der er nicht mehr gewachsen ist.

"Deregulierung", stellt Graeber gleich am Anfang richtig, werden verschiedene Vorgänge genannt: Bei Fluggesellschaften und Telekommunikationsunternehmen wurden Regeln, die wenige große Firmen begünstigten, so verändert, dass nun mehrere mittelgroße Unternehmen miteinander konkurrieren. Im Bankwesen aber war es anders. Die Konkurrenz mittelgroßer Banken wurde transformiert hin zu einem System, in dem große Finanzkonglomerate dominieren - zu groß, um sie untergehen zu lassen. "Deregulierung" ist eines dieser Neusprech-Wörter, die aufkamen als - etwa seit 1971 - ein Bündnis zwischen Staat und Finanzwirtschaft entstand. Die Ideologie dieses Bündnisses nennen viele "Neoliberalismus". Bürokratiehistorisch ereignete sich der "Aufbau globaler administrativer Strukturen" im Namen von "Freihandel" und "freien Märkten". In den Firmen, im Alltag, im Umgang untereinander sind bürokratische Verfahren der Leistungsmessung, Abrechnung, Optimierung, der Kontrolle immer wichtiger geworden - für Graeber ist dies das "eherne Gesetz des Liberalismus": Je stärker Marktkräfte gefördert werden, desto mehr Vorschriften, mehr Verwaltungsarbeit, mehr vom Staat beschäftigte Bürokraten. Um die herrschenden Kräfte der Gegenwart zu verstehen, reicht es nicht, die liberale Legende von "Markt" gegen "Staat" oder "Unternehmer" gegen "Bürokraten" zu vergessen. Man dürfe auch, so Graeber, die Bedeutung von Gewalt nicht unterschätzen; man denke nur an die Sicherheitskräfte, die jedes Treffen der Globalisierungsbürokratie schützen müssen. Merke: "Immer wenn von ,freien Märkten' die Rede ist, empfiehlt es sich, nach dem Mann mit dem Schießeisen Ausschau zu halten." Polizisten sind Bürokraten in Uniform, sie ertragen eines nicht: dass man ihre Macht, die Situation zu definieren, infrage stellt.

"Star Trek" deutet er als nur eine schönere, bessere, funktionierende Sowjetunion

Es sind Formulierungen und Beobachtungen wie diese, die den politischen Schriftsteller David Graeber für Freunde des Meinungsstreits interessant machen, erst recht im deutschen Kontext, wo der linke Diskurs so oft überakademisiert und entpolitisiert zugleich ist. Hier aber reflektiert ein kluger Kopf seine politischen Erfahrungen, seine Beobachtungen als Zeitgenosse und stellt sie anschaulich, in prägnanten Formulierungen dar, zu denen man sich verhalten muss. Ja, Graeber irrt hier und da, er übertreibt, er würde möglicherweise durch eine BWL-Prüfung fallen, Historiker werden ihm vorhalten, dass der Schrecken der Sowjet-Bürokratie nicht hinreichend mit Lenins Begeisterung für die deutsche Post zu erklären ist - aber Graeber gelingt, was er sich vorgenommen hat. Er skizziert eine Bürokratie-Kritik von links, damit nicht länger der Anti-Bürokratismus von rechts nachgeplappert werden muss, damit nicht länger "linke Reformprojekte" das Elend der Bürokratie mit den Fehlern des Kapitalismus vermengen.

Für diesen Grundriss einer Kritik der gegenwärtigen Bürokratie spielt die Technologie eine zentrale Rolle, genauer: die Technologie in der gesellschaftlichen Imagination. Gemessen an dem, was um die Mitte des 20. Jahrhunderts erwartet wurde, nimmt sich der technologische Fortschritt bescheiden aus. Noch immer fehlen fliegende Autos, Kolonien auf dem Mars und Unsterblichkeitspillen. Erklärt wird dies meist durch eine Herabsetzung der früheren Träumereien, zu versponnen, zu naiv. Wirklich? Graeber sieht die Ursache dafür in einer Verlagerung der Investitionen: Nicht länger gefördert wurden Technologien, die zu alternativen Zukunftswelten hätten führen können, sondern "Technologien, die Arbeitsdisziplin und soziale Kontrolle fördern". Am Beispiel der Universitätsreformen, die offenkundig auch in London das Optimieren an die Stelle des Experimentierens gesetzt haben, kann man die Fantasie tötende kulturelle Grundstimmung gut veranschaulichen. Auch das ein Teil der neoliberalen Umgestaltung, laut Graeber definiert durch die Vorherrschaft politischer Imperative über ökonomische: Statt den Kapitalismus zu einem langfristig funktionsfähigen Modell zu machen, wurde dafür gesorgt, dass er als einzig mögliche Wirtschaftsform erscheint. Das wird dann sehr witzig erhellt durch eine Deutung von "Star Trek" als einer schöneren, funktionierenden Sowjetunion und von Fantasy-Welten als antibürokratische Fantasien, die uns mit der real existierenden Bürokratie versöhnen. Einem völligen Verzicht auf bürokratische Techniken redet auch Graeber nicht das Wort, aber er will zwischen hilfreichen Regeln und Regeln als Selbstzweck unterscheiden. Wer sich versichern will, dass es anders sein könnte, dass man daher auch anders und angstfrei auf die Gegenwart schauen kann, der sollte dieses unterhaltsame, durch Beziehungssinn witzige, politisch heitere Buch lesen. Wer glaubt, dass es morgen so sein soll, wie es heute ist, der fülle Formulare aus.