Studie zu Stress im Job Angst vor der Überflüssigkeit

Gestresst sein - oder wenigstens so tun - ist eine Kernqualifikation im heutigen Berufsleben.

(Foto: dpa)
  • Laut einer aktuellen Studie geben viele Arbeitnehmer nur vor, ständig gestresst zu sein.
  • Durch die Erreichbarkeit und Überwachbarkeit fühlen sich vor allem jüngere Menschen gedrängt, sich beschäftigter zu geben, als sie tatsächlich sind.
  • Dabei ließe sich die Produktivität durch gelegentlichen Müßiggang sogar steigern, meint der Zeitmanagement-Coach.
Von Christina Waechter

Anrufe bei Freunden folgen seit geraumer Zeit immer derselben Dramaturgie: Nimmt einer tatsächlich das Telefonat an statt den Anrufer wegzudrücken, muss der Anrufer sofort fragen: "Hallo, ich bin's. Störe ich auch nicht?" Woraufhin man meist zu hören bekommt, dass man tatsächlich stört, der Angerufene aber ausnahmsweise eine kurze Arbeitspause einlegen kann, der alten Freundschaft wegen.

Auch im täglichen Leben lässt sich beobachten, dass die meisten Menschen ihren Alltag fast nur noch im Multitasking-Modus verbringen: Pendler stellen im Zug Power-Point-Präsentationen fertig, während sie sich über den Kopfhörer einen TED-Vortrag anhören. An jeder roten Ampel wird das Handy rausgeholt, um zu checken, ob in den letzten zwei Minuten etwas Wichtiges passiert ist.

Stress als Statussymbol

"Gestresst sein" ist kein Warnsignal mehr, sondern Dauerzustand - und Statussymbol. Dabei sind wir wohl deutlich weniger beschäftigt, als wir vorgeben. Das hat eine Studie im Auftrag der Werbeagentur Havas Worldwide ergeben, im Zuge derer mehr als 10 000 Menschen in 28 Ländern befragt wurden.

Durch die ständige Erreichbarkeit und Überwachbarkeit der Menschen fühlen sich vor allem jüngere Menschen der Generation Millenials (18 bis 34 Jahre alt) gedrängt, sich beschäftigt zu geben. Von dieser Gruppe gaben etwas mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie manchmal gestresster tun, als sie tatsächlich sind.

Wunderbar sinnlos

Manche Büronachbarn malträtieren den Kugelschreiber, andere kneten ihren Ball so lange, bis die Füllung herausrieselt. Nervig, aber ziemlich effektiv gegen Stress. Von Christina Waechter mehr ...

Für Cordula Nussbaum, Zeitmanagement-Coach, ist dieses Studienergebnis absolut nachvollziehbar: "In unserer Gesellschaft sind wir extrem auf Leistung gepolt, da dürfen Angestellte natürlich niemals durchleuchten lassen, dass sie nicht 180 Prozent Gas geben. Wenn diese Menschen dann auch noch das Damokles-Schwert des drohenden Jobverlusts über sich spüren, dann geben sie schon aus reinem Selbstschutz vor, mehr zu tun, als sie wirklich leisten. Das hat mit Faulheit nichts zu tun, sondern damit, dass Menschen an ihre Grenzen getrieben werden und ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt."

Ganz besonders trifft dieses Phantom-Beschäftigungs-Phänomen auf Menschen in Deutschland und den USA zu - da in protestantisch geprägten Ländern Arbeit selbst als ein hohes Gut betrachtet wird. Unsere Neigung, unser Stress-Level großzügig zu übertreiben, kommt von unserem Glauben, dass Beschäftigtsein damit gleichzusetzen ist, ein wichtiges Leben zu führen.