Alle 15 Minuten ein Foto: Der Skandal um Schulcomputer, mit denen US-Schulkinder rund um die Uhr bespitzelt wurden, wird zum Webcam-Gate.
Alles geschah automatisch. Und lautlos, tags wie nachts, exakt jede Viertelstunde: Über 56.000 Schnappschüsse haben die Mini-Kameras an den Computern des Schuldistrikts von Lower Merion, einem wohlhabenden Vorort im Speckgürtel von Philadelphia, so aufgenommen. Die Daten wurden gespeichert und offenbar genau ausgewertet.
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56.000 sehr private Fotos machten die versteckten Kameras an den Schulcomputern von Lower Merion. (© Foto: AP)
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Skandal um eine Handvoll Drops
Schließlich flog der Skandal auf, als der 15-jährige Blake Robbins plötzlich ins Direktorat seiner High School zitiert wurde: Die Lehrerin konfrontierte den Teenager mit einem Foto, das ihn daheim vor seinem Mac-Computer am häuslichen Schreibtisch zeigte. Eine Handvoll Drops am Bildrand hatten bei der Lehrerin den Verdacht geschürt, Blake handelte mit Drogen. "Es waren nur normale Bonbons", schwört Robbins. Nun ermittelt das FBI - gegen die Schulbehörde, wegen des Verdachts auf illegale Lauschangriffe.
Die Eltern von Blake Robbins haben bereits im Februar gegen die Praktiken der Schulbehörde Klage eingereicht. Damals schien die Fernüberwachung ihres Filius nur ein Einzelfall zu sein. Nun jedoch, nach Durchsicht der Gerichtsakten, schlägt ihr Anwalt Mark Haltzman Alarm. Etliche Pennäler seien "regelrecht ausspioniert" worden, obendrein habe die Behörde "reihenweise Menschen erfasst, die mit der Schule überhaupt nichts zu tun hatten."
Alle 15 Minuten ein Foto
Der Lower Merion School District (LMSD) gibt mittlerweile zu, man habe in 146 Fällen per Fernsteuerung die sogenannte "Spyware" auf den Macs aktiviert, um so gestohlen geglaubte oder verschollene Schulcomputer aufzustöbern. Dann machte der Computer alle 15 Minuten ein Foto seiner Umgebung - und dazu noch jeweils einen "Screenshot", bei dem die aktuelle Bildschirmoberfläche abgelichtet wurde. Anschließend übersandte das Macbook die Daten übers Internet auf den Rechner der Schulbehörde, der alles zentral archivierte.
Im Hause der Robbins produzierte der Schul-Mac auf diese Weise mindestens 400 Fotos innerhalb von zwei Wochen: Mal schläft Blake, mal macht der 15-Jährige Hausaufgaben, meist ist er allein, mal im Kreis seiner Familie. Und weil Blake gern im Internet chattet, wurden - per Screenshots - gleich auch Blakes Freunde samt des Cousins im fernen Connecticut mitregistriert.
Schulinterne Seifenoper
Das Programm entwickele sich zu "einer kleinen LMSD-Seifenoper", witzelte 2009 eine Angestellte in einer E-Mail an ihre Chefin Carol Cafiero, die offizielle Verwalterin aller 2300 Schulcomputer. "Ich weiß, ich liebe es", bestätigte Cafiero. Carol Cafiero ist nun vom Dienst suspendiert, die Schulbehörde hat ihr Überwachungsprogramm eingestellt. Doch die Verwaltungsangestellte wehrt sich.
Sie fühlt sich verleumdet von Anwalt Haltzman, der namens der Robbins-Familie öffentlich mutmaßte, die frühere Computer-Gewaltige habe "vielleicht wie eine Voyeurin" auch Bilder von pubertären Jungs auf ihrem Privat-PC daheim gespeichert und betrachtet. Prompt suchte sich Cafiero ebenfalls juristischen Beistand - und schlägt nun zurück: Blake Robbins habe schon früher "mindestens zwei Schul-Computer" zerstört und obendrein nicht jene Versicherungsgebühr von 55 Dollar bezahlt, ohne die niemand einen Schul-Mac habe mit nach Hause nehmen dürfen. Wer öffentliches Eigentum derartig behandle, der dürfe "keine legitimen Erwartungen von Privatsphäre" hegen. Will sagen: Blake sei selbst schuld.
Kleines, grünes Lämpchen
Die Sache eskaliert, die Lokalpresse kürte die Affäre - frei nach dem Watergate-Skandal - bereits zum Webcam-Gate. Hinweise, wonach zwei Drittel der 56.000 illegalen Aufnahmen von sechs Computern stammten, die 2008 aus einem Schulschrank geklaut worden waren, gehen unter. Allerdings weiß der Schuldistrikt auch bis heute keine Antwort auf die Frage, warum fehlende Computer nicht schlicht mittels der IP-Adresse im Internet nachverfolgt wurden.
Stattdessen melden sich immer mehr Schulkameraden von Blake Robbins, die sich nun ebenfalls erinnern, wie bei ihnen im Schlafzimmer "regelmäßig dieses kleine grüne Lämpchen am Mac aufflackerte." Das ist das Signal, dass die Kamera aktiviert war. Auf Nachfrage einiger Schüler habe die Behörde abgewiegelt und nur gesagt, es handele sich um "eine Panne am Gerät". Demnächst wird Webcam-Gate sogar den amerikanischen Kongress beschäftigen.
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(SZ vom 27.04.2010/holz)
Wettmanipulation im Fußball
Wir sind uns einig, was die illegale Aktivität dieser Schule angeht. Und das der NSA die Daten hat, ist auch kein Geheimnis. Außerdem läuft Echelon ja noch immer und protokolliert munter alles, was den Betreibern interessant erscheint - weltweit und auch im Internet.
Bezüglich der IP-Adressen sind sie aber ein klein wenig daneben. Sicher gibt es dort große Pools - die sind aber i.d.R. nicht für Zugänge ins Netz frei, sondern für den Betrieb von Servern in Rechenzentren. Auch in den USA kocht man nur mit Wasser und kassiert für feste IP-Adressen den einen oder anderen Euro. Ich bin überzeugt davon, dass diese Schüler mehrheitlich nicht über den Luxus einer festen IP-Adresse verfügten.
Mir missfällt der Zwischenton im Artikel: "Hinweise, wonach zwei Drittel der 56.000 illegalen Aufnahmen von sechs Computern stammten, die 2008 aus einem Schulschrank geklaut worden waren, gehen unter. "
Wer bitte möchte ohne seine Kenntnis Tag und Nacht gefilmt werden?
die usa haben einen derart großen anteil am ipv4 kuchen, dass teilweise noch diskret und dauerhaft adressen vergeben werden können; aber selbst bei dynamischen adressen dürften nsa & co immer auf dem laufenden sein.
grundsätzlich ist es ein verbrechen, wenn sich lehrer auf die lauer legen und pubertierenden schülern am pc heimlich beobachten, sowas würde ich vielleicht von den pubertierenden schülern erwarten, aber nicht von erwachsenen. haben die kein schamgefühl oder ist voyeurimus in den usa üblich?
Ob die Schule das Überwachungsprogramm wohl selbstgeschrieben hat ?
Wenn nicht muss man wohl davon ausgehen dass dieses Programm noch an vielen anderen Orten schöne Bildchen und Screenshots liefert.
Präziser: Die IP-Adresse - so etwas wie die "Telefonnummer" eines Internetanschlusses - lässt einen Rückschluss auf den Ort und den Anschluss selbst zu und damit auch auf den Inhaber des Anschlusses. Geht ein Gerät regelmäßig über einen bestimmten Anschluss ans Netz, so sprechen die Indizen dafür, dass der Benutzer des Gerätes Mitglied des Haushaltes ist. Eine entsprechende polizeiliche Maßnahme kann dann genauen Aufschluss darüber erbringen.
Zu bedenken ist daber aber: IP-Adressen von Konsumenten-Anschlüssen wechseln i.d.R. regelmäßig. Auch in den USA ist das m.W. der Fall. Das liegt u.a. darin begründet, dass IP4-Adressen relativ knapp sind, die Anbieter i.d.R. nur über ein begrenztes Kontingent verfügen und deshalb u.a. Zwangstrennungen betreiben und eben regelmäßig neue/andere IP-Adressen zuweisen.
Eine Rückverfolgung wäre also a) nur ausgesprochen zeitnah möglich oder b) über auf Vorrat gespeicherte Daten. In jedem Fall kommen aber Privatpersonen und Firmen meines Wissens auch in den USA nicht einfach an die Namen und Adressen der Anschlussinhaber. In der Regel kann dies nur im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens geschehen.
Dem wollte sich die mielkereske Schule wohl entziehen und auf eigene Faust Detektiv spielen. Denn nur so wäre auch die Sache mit den Fotos erklärbar - denn bei regulären Weg über die IP-Adresse würde man keine Fotos benötigen. Wären darüber hinaus die Geräte anständig installiert worden, hätte man sie aus der Ferne relativ unbrauchbar machen können.
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