Reden über Geld "Und, wie viel verdienst du so?"

Es interessiert uns alle brennend, wie viel der Kollege von nebenan verdient - trotzdem reden wir hierzulande kaum über unser Gehalt. Selbst mit dem Thema Sex gehen wir lockerer um. Warum eigentlich?

Von Maria Holzmüller

Wir würden es zu gerne wissen. Was verdient wohl der Kollege im Vertrieb, der immer schon um 16 Uhr Feierabend macht? Und der Kollege im Nebenzimmer, der jeden Tag Überstunden schiebt - verdient der mehr als ich? Wir grübeln und spekulieren. Nur direkt fragen, das trauen wir uns nicht. Schließlich wollen wir selbst uns auch nicht die Blöße geben, zu offenbaren, was am Ende des Monats auf unserem Lohnzettel steht. Über Geld spricht man nicht, und über das eigene Gehalt noch weniger. Soziologin Jutta Allmendinger brachte es einst auf den Punkt: "Geld ist in unserer Gesellschaft stärker tabuisiert als Sex."

Das ist verständlich, meint Karsten Müller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Mannheim. "Wenn wir über unser Gehalt sprechen, müssen wir zwei Nachteile fürchten: Entweder kommt beim Gespräch heraus, dass wir zu viel verdienen - oder zu wenig. Beides kann unangenehm sein. Wer zu viel verdient, zieht den Neid der Kollegen auf sich, wer zu wenig verdient, steht als der Dumme da."

Bis vor wenigen Monaten mussten manche Angestellte zudem damit rechnen, vom Chef abgemahnt zu werden, wenn sie mit Kollegen offen über ihr Gehalt sprachen. Erst ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Mecklenburg-Vorpommern in Rostock (Az.: 2 Sa 237/09), stellte klar, dass Klauseln im Arbeitsvertrag, die zum Stillschweigen über die Höhe der Bezüge verpflichten, unwirksam seien. Jeder Angestellte hat also das Recht, mit seinem Kollegen offen über das eigene Gehalt zu sprechen. Eine Freiheit, von der nur wenige Arbeitnehmer in Deutschland Gebrauch machen.

In den USA sieht das anders aus. Dort steht das Thema Gehalt zwar auch nicht ganz oben auf der Liste der Small-Talk-Themen. Aber der Umgang damit ist doch deutlich lockerer als in Deutschland. Das hat kulturelle Gründe, wie Stephan Grünewald, Diplom-Psychologe und Mitgründer des Rheingold Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen erklärt. "In den USA gibt es die Vision vom Aufstieg, den amerikanischen Traum. Deshalb können die Menschen dort offen zeigen, dass sie aufsteigen. Sie präsentieren ihren Status. In Deutschland gibt es da eine gewisse Scheu. Uns fehlt diese übergreifende Vision. Stattdessen flüchten wir uns in Normen und Paragraphen."

In Deutschland überwiegt laut Professor Florian Becker, Mitbegründer der Wirtschaftspsychologischen Gesellschaft in München, der Glaube an Gerechtigkeit und Gleichheit. "Wenn ein Angestellter hierzulande weniger verdient, dann nur, weil er schlechtere Chancen hatte. Die Schuld liegt also bei der Gesellschaft. Umgekehrt sollte derjenige, der mehr verdient, mehr teilen. Sonst kommt es sofort zu Missgunst", sagt er.

Die oftmals beschworene Neid-Mentalität durchdringt somit auch das Kommunikationsverhalten. Wer sozialen Frieden will, gibt lieber nicht damit an, wie viel er tatsächlich verdient - und schweigt am besten zum Thema. Neid schadet nicht nur dem eigenen Selbstbewusstsein, sondern auch dem Arbeitsklima im Büro. "Versuchsreihen haben gezeigt: Wer an Geld denkt, ist weniger bereit, anderen Menschen zu helfen. Der Gedanke an Geld macht egoistischer", sagt Becker. Studien hätten zudem offenbart: In Abteilungen, in denen alle das gleiche Gehalt bekommen, wird effektiver gearbeitet.

Ist es also tatsächlich besser, zum Thema Gehalt zu schweigen? Wirtschaftspsychologe Becker denkt: ja. "Unter Kollegen empfiehlt es sich, das Thema Gehalt überhaupt nicht anzusprechen, um keinen Neid aufkommen zu lassen." Und wenn das Gespräch doch um den Lohnzettel kreist: "In Deutschland ist es ratsam, beim Thema Gehalt eher zu untertreiben. Das wirkt sehr viel sympathischer."

Im Hinblick auf Gehaltsverhandlungen ist das für viele Arbeitnehmer ein Problem. Sie wollen mehr Geld, aber beim Personalverantwortlichen trotzdem gut dastehen. Um diesem Dilemma entgegenzuwirken, empfiehlt Wirtschaftspsychologe Becker, alle wichtigen Gespräche über das Gehalt an den Anfang der Berufslaufbahn in einem Unternehmen zu legen. "Wer einmal angestellt ist, tut sich schwer, mit Vorgesetzten zu verhandeln. Wirklich große Gehaltssprünge machen Arbeitnehmer nur bei einem Jobwechsel."

Doch wenn nie über das Gehalt gesprochen wird - wie sollen sich Angestellte ein Bild davon machen, welche Lohnhöhe üblich ist und wie ihr eigener Marktwert aussieht? Diplom-Volkswirt Jens Sander und Entwickler David Farine wollen mit ihrer Webseite Companize.com genau diese Möglichkeit schaffen. "Wir wollten eine Art Wikipedia für das gesammelte Wissen über Unternehmen schaffen", sagt Sander, heute Geschäftsführer von Companize.com.

Im März 2010 ging die Seite online, mit dem Ziel, Transparenz in der Arbeitswelt zu schaffen - für faire Jobs, gerechte Bezahlung und faire Fimen. So steht es im Unternehmensprofil. Völlig anonym können Nutzer auf Companize.com ihren Arbeitgeber bewerten und ihr Gehalt mit dem von Kollegen in ähnlichen Positionen vergleichen. Einfach das eigene Bruttogehalt eingeben - und schon wird auf dem Bildschirm deutlich, ob man damit über oder unter dem Durchschnitt liegt - ohne dass man sich vor Kollegen offenbaren musste.

Einen Überblick über das Lohnniveau in der eigenen Branche vermitteln auch lohnspiegel.de und gehaltsvergleich.com. Beide Seiten ermöglichen den Austausch über Gehälter und Verdienste - völlig anonym versteht sich.

Nach Meinung von Wirtschaftspsychologe Becker werden sich Arbeitnehmer in Deutschland auch künftig vor allem auf diese Weise über Gehaltsstandards informieren. "In Deutschland war das Thema Geld immer verkrampft. Bei uns wird es als Gnade der Gesellschaft angesehen, wenn jemand viel verdient und nicht als Lohn für die eigene Leistung."

Anders sieht das sein Kollege Karsten Müller: "Das Gesprächsthema Gehalt rückt langsam aus der Tabuzone. In der Gesellschaft gibt es die Tendenz zu mehr Transparenz. Schon heute ist es nicht schwierig, im Internet die Gehälter hoher Manager zu erfragen."

Und auch Stephan Grünewald geht davon aus, dass der Umgang mit dem Thema Gehalt lockerer wird. "Das zeigt sich schon an der Offenheit, mit der Menschen auf Facebook private Informationen preisgeben." Bis dort jedoch jeder die Höhe seiner Bezüge offenlegt, mag noch einige Zeit ins Land ziehen. Solange stöbern Arbeitnehmer im Schutz der Anonymität im Netz nach finanziellen Informationshäppchen.

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