Würzburg: Promotionsskandal Entsetzen über die "Doktorfabrik"

"Eine schwere Belastung": Die Affäre um die fragwürdigen Doktorarbeiten aus Würzburg schlägt Wellen. Kollegen sind entsetzt - doch der verantwortliche Emeritus schweigt und lässt seinen Bruder sprechen.

Von Olaf Przybilla

Die Ankündigung der Würzburger Universität, bis zu 25 Doktorarbeiten überprüfen zu lassen, löst heftige Reaktionen aus. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hatte Unipräsident Alfred Forchel angekündigt, die am Würzburger Institut für Geschichte der Medizin entstandenen Arbeiten extern überprüfen zu lassen. Sollte sich herausstellen, dass die Arbeiten - vor allem eingereicht von Ärzten - nicht den wissenschaftlichen Standards genügen, werde die Würzburger Uni notfalls mit juristischen Mittel um eine Aberkennung der Titel kämpfen. Es bestehe der dringende Verdacht, dass am medizinhistorischen Institut bis vor sechs Jahren "maßgeschneidert, nach Auftrag und manchmal mit geringer Qualität gearbeitet worden sei", hatte der Dekan der medizinischen Fakultät, Matthias Frosch, erklärt.

Für seine Disziplin seien die Vorgänge in Würzburg eine "schwere Belastung", sagt Karl-Heinz Leven, Leiter des Instituts für die Geschichte der Medizin an der Universität Erlangen. Überrascht freilich hätten ihn die Vorgänge nur zum Teil. Zwar gilt der Emeritus, bei dem die Arbeiten eingereicht wurden, als Koryphäe seines Fachs - im Medizinhistorischen Journal wurde er erst kürzlich als "einer der profiliertesten deutschen Medizinhistoriker" bezeichnet.

In den medizinhistorischen Einführungskursen in Erlangen werde inzwischen aber vor den Artikeln des Emeritus in Standard-Lexika gewarnt, eines "nicht ganz eindeutigen Umgangs mit den Quellen" wegen. Dass für Kleinstarbeiten in Würzburg ein Doktortitel erworben wurde, sei sehr bedauerlich. Für deren Entzug allerdings sieht Leven "sehr hohe juristische Hürden".

Georg Marckmann, Leiter des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zeigt sich weniger geschockt darüber, dass "es offenbar schwarze Schafe" gebe an der Uni. Viel erschreckender sei, dass "Kollegen diese zweifelhafte Praxis Jahre lang geduldet" hätten, sagt Marckmann. "Immerhin muss es auch Zweitgutachter gegeben haben."

2005 war in Würzburg eine 35 Seiten lange Arbeit eingereicht worden, dessen vom Autor verfasster Textkorpus nicht mehr als zehn Seiten umfasst - der Rest besteht aus drei edierten mittelhochdeutschen Texten und einem Literaturverzeichnis. Auch diesem Promovenden, einem Zahnarzt aus Norddeutschland, wurde der Doktortitel verliehen.

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