"Eine schwere Belastung": Die Affäre um die fragwürdigen Doktorarbeiten aus Würzburg schlägt Wellen. Kollegen sind entsetzt - doch der verantwortliche Emeritus schweigt und lässt seinen Bruder sprechen.
Die Ankündigung der Würzburger Universität, bis zu 25 Doktorarbeiten überprüfen zu lassen, löst heftige Reaktionen aus. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hatte Unipräsident Alfred Forchel angekündigt, die am Würzburger Institut für Geschichte der Medizin entstandenen Arbeiten extern überprüfen zu lassen. Sollte sich herausstellen, dass die Arbeiten - vor allem eingereicht von Ärzten - nicht den wissenschaftlichen Standards genügen, werde die Würzburger Uni notfalls mit juristischen Mittel um eine Aberkennung der Titel kämpfen. Es bestehe der dringende Verdacht, dass am medizinhistorischen Institut bis vor sechs Jahren "maßgeschneidert, nach Auftrag und manchmal mit geringer Qualität gearbeitet worden sei", hatte der Dekan der medizinischen Fakultät, Matthias Frosch, erklärt.
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An der Universität Würzburg erhielten Studenten schon für Arbeiten von nur 35 Seiten einen Doktortitel. Das hat jetzt Konsequenzen. (© dpa)
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Für seine Disziplin seien die Vorgänge in Würzburg eine "schwere Belastung", sagt Karl-Heinz Leven, Leiter des Instituts für die Geschichte der Medizin an der Universität Erlangen. Überrascht freilich hätten ihn die Vorgänge nur zum Teil. Zwar gilt der Emeritus, bei dem die Arbeiten eingereicht wurden, als Koryphäe seines Fachs - im Medizinhistorischen Journal wurde er erst kürzlich als "einer der profiliertesten deutschen Medizinhistoriker" bezeichnet.
In den medizinhistorischen Einführungskursen in Erlangen werde inzwischen aber vor den Artikeln des Emeritus in Standard-Lexika gewarnt, eines "nicht ganz eindeutigen Umgangs mit den Quellen" wegen. Dass für Kleinstarbeiten in Würzburg ein Doktortitel erworben wurde, sei sehr bedauerlich. Für deren Entzug allerdings sieht Leven "sehr hohe juristische Hürden".
Georg Marckmann, Leiter des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zeigt sich weniger geschockt darüber, dass "es offenbar schwarze Schafe" gebe an der Uni. Viel erschreckender sei, dass "Kollegen diese zweifelhafte Praxis Jahre lang geduldet" hätten, sagt Marckmann. "Immerhin muss es auch Zweitgutachter gegeben haben."
2005 war in Würzburg eine 35 Seiten lange Arbeit eingereicht worden, dessen vom Autor verfasster Textkorpus nicht mehr als zehn Seiten umfasst - der Rest besteht aus drei edierten mittelhochdeutschen Texten und einem Literaturverzeichnis. Auch diesem Promovenden, einem Zahnarzt aus Norddeutschland, wurde der Doktortitel verliehen.
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Man muss bei der Beurteilung der Würzburger Vorgänge berücksichtigen, dass die Promotionsordnung der Würzburger medizinischen Fakultät in § 6 vorgibt, eine Dissertation solle "nicht mehr als 40 Seiten umfassen". (S. 4 der auf der Homepage der Uni WÜ abrufbaren Promotionsordnung der med. Fakultät). Eine 33-Seiten-Doktorarbeit ist also ganz im Sinne dieser Promotionsordnung und ist juristisch nicht anfechtbar!
Interessant ist auch folgende Bestimmung der Würzburger medizinischen Promotionsordnung: "Eine von mehreren Autoren angefertigte Arbeit kann grundsätzlich nicht als Dissertation zugelassen werden, dies gilt nicht, wenn ausschließlich der Betreuer der Arbeit als Mitautor fungiert." (ebd. § 6, S. 4) Soll das bedeuten, dass der Betreuer, also der Doktorvater, an der Dissertation mitschreiben und dann sogar seinen Namen mit auf die Titelseite setzen darf?
Interessant ist auch, dass Herr Leven vor einigen Jahren selbst als Autor fleißig an einem medizinhistorischen Lexikon mitgearbeitet hat, das der betreffende Würzburger Emeritus mitherausgegeben hat. Nun glaubt Herr Leven, seine Studenten vor solchen Lexika warnen zu müssen.
Ein Universitätsklinikum hat - im Gegensatz zu den reinen Naturwissenschaften - den Anspruch, Klinik, Lehre und Forschung gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Dass dieser Anspruch aufgrund der hohen Spezialisierung, der Studierendenzahlen, Budgetierungen, Zwang zur Einwerbung von Drittmitteln, Personalengpässen kaum erfüllbar ist, ist ebenso Teil des Problems.
An vielen deutschen Universitäten werden inzwischen die Promotionsordnungen novelliert, auch ohne Anstöße durch Verdacht auf gekaufte, plagiierte oder insuffiziente Disserationen.
Die ärztliche Ausbildung hat in den letzten Jahren einen Wandel erfahren, sie musste praxis- und patientenorientierter werden (z.B. durch die Errichtung von Lehrkliniken/skillslabs). Andererseits musste der Wissenszuwachs verlässlich überprüft werden, sodass die schriftlichen Leistungsnachweise ausgeweitet wurden.
Insofern ist das Fach "Geschichte der Medizin" innerhalb der Medizinischen Fakultät ein Überbleibsel aus einer Zeit, als die Universität noch den Anspruch hatte, einen vielseitig ausgebildeten, "universalen" Absolventen hervorzubringen.
Ob das Fach "Geschichte der Medizin" nicht besser an der philosophischen Fakultät angesiedelt ist, dürfte man unter dem Aspekt einer zielorientierten Medizinerausbildung sicher bejahen.
Im Zuge der berechtigten Überprüfung von Dissertationen durch die DFG sollten bei einer Aberkennung des Doktorgrades des Verfassers auch die Hochschullehrer öffentlich gemacht werden, die seinerzeit das Koreferat der betroffenen Promotionen übernommen haben. Denn diese waren im Rahmen ihrer Tätigkeit als Hochschullehrer verpflichtet, die eingereichte Arbeit zu lesen und haben seinerzeit der Benotung zugestimmt.
Hier wäre Transparenz vonnöten, um Vetternwirtschaft vorzubeugen.
Wer jedoch behauptet, dass medizinhistorische Dissertationen per se ein Ausweg für promotionsfaule Studierdende seien, dem kann ich nur raten, einmal einen Blick in entsprechende Publikationen zu werfen.
Hier gibt es ausgezeichnete Arbeiten, die nun - völlig zu Unrecht - in den Schatten der augenblicklichen Vorwürfe gestellt werden.
Auch am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg.
Ein Beispiel:
Ute Felbor: Rassenbiologie und Vererbungswissenschaft in der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg 1937–1945. Königshausen und Neumann, Würzburg 1995, ISBN 3-88479-932-0 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, Beiheft 3; zugl.: Di
Als wir in den '80ern in Würzburg promovierten, gingen bereits Geschichten um, mit welchen Themen die Medizinhistoriker so ihren Dr. med. erwarben. An ein Dissertations-Thema, das kolportiert wurde, kann ich mich noch erinnern: "Das medizinische Wissen des Karl May" (oder so ähnlich, jedenfalls ohne Gewähr).
Der Promovierende musste dafür wohl zwar 70 Bände "Reiseerzählungen" studieren, aber er konnte auch mit 'nem Karl-May-Schmöker ins Dallenbergbad gehen und das dann Quellen-Studium nennen :o)
Ehrlich gesagt dieser Titel gehört nun mal zu den Ärzten, Das bei den Doktoranden jedesmal ein neuer Koch oder Fleming dabei ist glaubt doch niemand. In den Anderen Disziplinen ist es ohnehin nur Gockelei.
...dass Grundproblem ist doch, dass in Deutschland bei Ärzt/innen der Doktortitel nach wie vor gesellschaftlich erwartet wird, obwohl nur eine kleine Minderheit eine wissenschaftliche Karriere im engeren Sinne anstrebt.
Die meisten Studierenden der Medizin möchten als Ärzte in Krankenhäuseren und Praxen arbeiten. Dafür braucht man alle möglichen Fähigkeiten - aber keinen Doktortitel für den man jahrelang Forschen und Schreiben muss.
Entsprechend möchten die Studierenden, die durch die Prüfungen ohnehin stark belastet sind, die Doktorarbeit so schnell wie möglich abarbeiten was auch absolut verständlich ist.
In der Konsequenz sind die Fakultäten nachsichtig und schlagen den Studierenden Themen für die Arbeit vor, so können diese unkompliziert zum Abschluss geführt werden und haben oft die Promotion schon vor dem abschließenden Staatsexamen in der Tasche.Der Umfang der Arbeiten täuscht ggf. da gerade die moderne Layout-Technik es ermöglicht mit zahlreichen Beispielfotos, Grafiken, Schriftgrößen einen Umfang zu suggerieren der inhaltlich gar nicht gegeben ist.
Wirklich schlecht sind die Arbeiten trotzdem nicht unbedingt, nur sind sie eben nicht das was gemeinhin man von einer Promotion erwartet, sondern gehen eher in die Richtung einer durchschnittlichen Bachelor-Arbeit von jemandem der/die schnell fertig werden möchte um dann praktsich zu arbeiten.
Die Promotion in der Geschichte der Medizin speziell wurde mir im übrigen schon vor Jahren (und nicht mal in Würzburg!) als häufige Option für diejenigen erläutert, die überhaupt keine Lust auf irgendwelche praktische Forschung haben.
Da Medizinhistoriker in den Fakultäten zwar fast immer vorhanden, oft aber nicht sonderlich gefragt sind was Studierendeninteresse betrifft freuen sie sich über jede/n halbwegs interessierten Studierende/n der/die eines ihrer Themen bearbeiten möchte. Dass man dann die Arbeit zur Erlangung Doktortitels ungefähr mit einer etwas umfangreicheren, sorgfältigen Hauptesminarhausarbeit eines Historikers vergleichen kann ist vor dem Hintergrund der Gepflogenheiten bei den medizinischen Promotion wenig überraschend.
Die Lösung wäre künftig bei nicht an einer wissenschaftlichen Karriere interessierten Ärzt/innen, also der Mehrzahl der Studierenden, auf die Promotion zu verzichten, Nur genau das möchten die Fakultäten nicht.
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