Mikrokosmos Internat Druck und Geheimhaltung

In einer "Erklärung zu Missbrauchsfällen an Kindern und Jugendlichen" heißt es da: "Sie stehen deutlich im Gegensatz zu unserem Leitbild und unserem pädagogischen Konzept, da sie das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen missbrauchen und sie nicht fördern und bilden, sondern zutiefst verletzen und traumatisieren. [...] Gerade in unseren Internaten und Tagesinternaten, in denen in einer engen und vertrauten Lebensgemeinschaft gelebt und gearbeitet wird, ist ein verantwortlicher Umgang mit Nähe und Distanz von hoher Bedeutung."

Schüler sind abhängig

Dass die Schulform des Internats trotz derartig deutlicher Worte mit einem Imageverlust zu kämpfen haben wird, davon ist Kulessa überzeugt. Auch dass es einen Zusammenhang zwischen der Struktur eines Internats und den Missbrauchsfällen geben könnte, weist er nicht von der Hand. "Die Nähe und das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Schülern und Lehrern in einem Internat kann diese Gefahr immer bergen." Wichtig sei deshalb vor allem das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern, damit diese von etwaigen Vorkommnissen zu Hause auch berichten.

Professor Günther Deegener forscht seit Jahren zu sexuellem Missbrauch von Kindern. Dass es in Internaten in der Vergangenheit verstärkt zu Missbrauchsfällen kam, überrascht ihn nicht. Dass es in deutschen Internaten in den fünfziger bis siebziger Jahren zu Gewalt kam, sei schon länger bekannt."Institutionen, in denen Druck und Geheimhaltung eine Rolle spielen, bieten den Rahmen für Missbrauch. Gerade dort sind die Kinder angewiesen auf Zuwendung und Geborgenheit, das nutzen die Täter aus" sagt er.

Die Mauern des Schweigens sind in der geschlossenen Gesellschaft eines elitären Internats besonders hoch. "Innerhalb einer solchen Institution ist das Schweigen möglicherweise noch größer, als in anderen Fällen von sexuellem Missbrauch", sagt Psychologe Deegener. Was hinter den Mauern passiert, soll dort auch bleiben. Dazu trägt möglicherweise auch das Zugehörigkeitsgefühl der einzelnen Schüler bei. Wer einmal zur Internatsfamilie gehört, bleibt ihr ein Leben lang verbunden. Dementsprechend natürlich erscheint es auch, dass sich unlängst zahlreiche ehemalige Schüler unterstützend hinter die Klosterschule Ettal stellten.

Angekratzter elitärer Schein

Der elitäre Schein von Internaten scheint dennoch angekratzt. Die Internatsberatung "Töchter und Söhne" will ihr Portfolio nach den jüngsten Enthüllungen bereinigen. Dass es bei den derzeit bekannten Fällen bleiben wird, glaubt Kulessa nicht. "Ich befürchte, da wird noch einiges nachkommen", sagt er. Um erneut das Vertrauen und die einstige Noblesse wiederzuerlangen, müssen die Internate seiner Meinung nach verstärkt Vertrauensarbeit leisten. "Sie müssen offen mit den Fällen umgehen und verschiedene Kontrollstufen in ihr System einbauen. Ein Kind darf nicht mehr nur in Abhängigikeit von einer Aufsichtsperson stehen, es sollte immer eine zweite Vertrauensperson geben, die angesprochen werden kann."

Angesichts der aktuellen Diskussionen um Internate betont Psychologe Deegener jedoch, dass die derzeit diskutierten Fälle von Gewalt alle in der Vergangenheit lägen, eine generelle Vorverurteilung von Internaten lehnt er ab: "Ich würde heute in keinster Weise vor Internaten warnen." Ob die Institutionen, einst umweht von einem Hauch geheimnisvoller Noblesse, den Ruch des Unheimlichen wieder abschütteln können, muss sich erst zeigen. Ein paar dicke Mauern müssen dafür wohl noch eingerissen werden.