Sedika Weingärtner war leitende Angestellte bei Siemens. Jetzt verklagt sie den Konzern auf zwei Millionen Euro Schadenersatz für angebliches Mobbing.
Die Multi-Kulti-Thesen von Siemens-Chef Peter Löscher vom Juni 2008 konnten niemanden überraschen, der die Biographie des Österreichers kannte. Löscher, der mehr als 20 Jahre lang in internationalen Konzernen unterwegs war, sagte seinerzeit in einem Zeitungsinterview, dass ihm der Konzern zu weiß, zu deutsch und zu männlich sei. "Eindimensional", befand der Manager damals. Was er sich für die Zukunft wünsche: Mehr Ausländer im Spitzenmanagement, mehr Frauen, mehr Farbe, mehr von allem.
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Sedika Weingärtner, gebürtige Afghanin und Mutter von drei Kindern, hatte es im Konzern als Einkaufsmanagerin weit gebracht. Dann kam es zum Eklat. Der Fall wird nun in Nürnberg verhandelt. (© Foto: dpa)
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Mit Arbeit überhäuft
Zu diesem Zeitpunkt fühlte sich eine Mitarbeiterin, die eigentlich all das verkörperte, was Löscher forderte, schon seit Jahren gemobbt. Sedika Weingärtner, heute 45 Jahre alt, gebürtige Afghanin und seit vielen Jahren schon in Deutschland, war innerhalb des Konzerns weit gekommen. Als Einkaufsmanagerin begann sie 2001 bei Siemens in Nürnberg. Im Jahr darauf, berichtet die Frau, hätten die Mobbing-Aktionen begonnen. Die Einkäuferin hatte sich nach ihren Angaben sowohl als Frau als auch als Ausländerin von ihren Vorgesetzten diskriminiert gefühlt. Sie sei isoliert, mit besonders viel Arbeit überhäuft und als Ausländerin beschimpft worden. Man habe in ihrer Anwesenheit Männerwitze erzählt; irgendwann sei sie krank geworden und nach einem Zusammenbruch im Büro beinahe gestorben, sagt sie.
Im Juni 2009 wurde sie von Siemens entlassen - wegen angeblicher Verharmlosung des Holocaust. Vor dem Landesarbeitsgericht Nürnberg verlangt sie nun rund zwei Millionen Euro als Ersatz für körperliche und materielle Schäden. Eine stolze Summe, selbst wenn es sich tatsächlich um Mobbing gehandelt habe, geben auch bayerische Arbeitnehmervertreter des Konzerns zu bedenken.
Der größte Mobbing-Prozess
Tatsächlich ist es der größte Mobbing-Prozess, der jemals in Deutschland verhandelt wurde - und er könnte, je nach Ausgang, Siemens nicht nur viel Geld kosten, sondern auch Peter Löschers Traum von einem internationaleren, weiblicheren Siemens ankratzen. Der Konzern weist die Vorwürfe zurück. "Das Unternehmen duldet keinerlei Diskriminierung", heißt es in einer Stellungnahme in München. "Möglichen Verstößen wird konsequent nachgegangen."
In Arbeitnehmerkreisen erinnert man sich gut an die frühere Kollegin. "Sie war häufig beim Betriebsrat unterwegs", heißt es. Zum Fall Weingärtner will man hier nichts sagen. Nur so viel: Üblich sei Mobbing nicht bei Siemens, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Auch, weil es regelmäßig Treffen von Betriebsrat und Unternehmensvertretern gebe, um Mobbing-Fälle rechtzeitig aufzuspüren und gegen sie anzugehen.
Sie weiß, wie Medien funktionieren
Die Kündigungsschutzklage hat das Landesarbeitsgericht Nürnberg nun auf den 17. März vertagt; dann sollen auch die zunächst ausgeklammerten Mobbing-Vorwürfe verhandelt werden, hieß es bei der Kammer.
Eine Annäherung an den Fall Sedika Weingärtner ist schwierig. 1991 kam sie als Alleinerziehende mit drei Kindern aus Afghanistan nach Deutschland. Sie habe das Land verlassen müssen, weil sie politisch verfolgt war, sagte sie damals. Zuvor hatte sie in der Hauptstadt Kabul als Fernsehjournalistin gearbeitet - seitdem wisse sie, wie Medien funktionieren, heißt es. Sie kam nach Nürnberg, heiratete einen Deutschen, lernte Deutsch - und war wohl das, was man integriert nennt.
Drastische Holocaust-Vergleiche
Dass sich der Konflikt zwischen ihr und dem Unternehmen in den vergangenen Jahren so sehr zuspitzte, hatte selbst Kollegen irritiert - und auch die Konzernspitze. Offenbar war es eine Eskalation - auch der Worte. Laut einem internen Brief, der der SZ vorliegt, soll die Managerin ihren direkten Vorgesetzten in einer E-Mail an Konzernchef Löscher als "unterbelichteten Frauen- und Ausländerhasser" beschimpft haben. In einer Mail an Löscher vom 5. Februar 2009 habe sie sich beschwert und dabei unverhältnismäßig drastische Holocaust-Vergleiche angestellt, wie in der Konzernspitze zu hören ist. Diese Äußerungen hätten schließlich zur Kündigung geführt, erklärte ein Sprecher.
Das Problem ist: Ob und wann genau Diskriminierung und Mobbing stattgefunden haben, ist nur schwer belegbar. In der Regel sind langwierige Gutachten erforderlich, um ein Urteil zu ermöglichen. "Bei Siemens ist Mobbing extrem hart definiert", heißt es bei Arbeitnehmervertretern. Daher werde es nicht leicht sein, die Mobbing-Vorwürfe belegen zu können. Die Ex-Mitarbeiterin verlangt nun mehr als eine Million Euro allein an Schmerzensgeld. Dazu kommen Vermögensschäden.
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(SZ vom 21.01.2010/holz)
Moderne Verwaltung
...es kann sein, dass bei Frau Sedika Weingärtner Äußerungen in ähnlicher Form oder so - wie in diesem Artikel beschrieben - gefallen sind.
Jedoch kann es sein, dass der eigentliche Sachverhalt - die Äußerung - oft aus dem Zusammenhang herausgerissen wird. Was war vor der Äußerung passiert?
Das machen Arbeitgeber bzw. die unmittelbaren und direkten Vorgesetzten gern. Der Fehler der meisten Vorgesetzten ist, einen Konflikt zu lange anschwelen zu lassen und nicht zu klären. Damit ist das Opfer gebranntmarkt und empfindet jede weitere Äußerung - mag sie für den Täter noch so gering sein, für das Opfer sehr schlimm und die Opfer reagieren über.
Sollte es so sein, dann wird bei der Verhandlung hoffentlich Licht in die Sache kommen.
Kaltgestellt mitten im Siemens-Konzern
Wie Siemens mit einem unbequemen Mitarbeiter umgeht
Sechs Jahre nichts zu tun:
http://www.altmuehl-bote.de/artikel.asp?art=1088153&kat=5&man=10
Der Mann ist bis heute noch ohne Arbeit!
"Unterbelichteter Frauen- und Ausländerhasser" - das hat ja wohl Frau W. gegenüber ihrem Chef geäußert. Und wenn der das wäre, dann wäre Frau W. wohl gleich gar nicht in die Position gekommen, von der aus sie die Attacken geritten hat. So politisch inkorrekt es auch sein mag - der Schwächere ist nicht immer in der moralisch überlegenen Position.
Man kann nur hoffen, dass man längerfristig zu diesem Verfahren gründlich informiert wird. Aktuell kann ich mir keine fundierte Meinung bilden.
@ Legis: Dass Siemens als evtl. größter originär privatwirtschaftlicher Konzern die meisten Prozesse vor dem ArbG hat, ist per se kein Indiz für die begründete Klage.
Zudem urteilen Arbeitsgerichte generell eher arbeitnehmer-freundlich, sehen sich also eher als Unterstützer der schwächeren Partei. Meist ist das berechtigt, - ich hab' aber auch schon Entscheidungen verfolgen können, bei denen ich mehr als nur ein wenig verwundert war.
Andererseits hat Siemens natürlich auch in Hinsicht auf Gewinn- und Prämienmaximierung ungewöhnliche Vorgehensweisen. Da werden Abteilungen geschlossen, nicht weil sie keinen, sondern weil sie zu wenig Gewinn gemacht haben. (Planwirtschaft in der sog. freien Marktwirtschaft?!)
Damit bringt man sich natürlich immer wieder unter Zugzwang.
Und Personal, das mit bestimmten Kundenproblemen vertraut ist, wird unvermittelt an andere stellen verschoben, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder Nation. Die Neuen müssen dann wieder in die spezielle Materie durch den Kunden und auf dessen Kosten eingeführt werden!
"Als Wunsch nach weniger Monokultur. Weil die leicht zu Stagnation führt. "
Monokultur ist ein Begriff aus der Landwirtschaft, sein Anwendung auf die Gesellschaft ist unsinnig, da eine Kultur grundsätzlich eine eigenständige Sache is, ansonsten spricht man von Kulturen.
Ferner ist der Kulturbegriff nicht automatisch an die Ethnie gekoppelt. Ein Deutscher afrikanischer Abstammung (Integration vorausgesetzt) ist Bestandteil der deutschen Kultur während ein in Kenia aufgewachsener Däne dies nicht ist.
Ferne könnte man Ihren Zeilen entnehmen, dass eine Kultur nur aus "weißen Deutschen" bestehend weniger attraktiv - ja langweilig (monoton) sei. Sie sprechen hier Millionen von Deutschen ihre inidviduelle Vielfalt ab. Zudem erklärt ihr Stagnationsbegriff auch nicht die kulturellen Fortschritte der bis unlängst "monotonen" westlichen Gesellschaften.
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