Karriere in IT und Technik Aufstieg durch Mathe

Die Karrierechancen in MINT-Berufen sind derzeit besonders gut - auch für Migranten. In der Siemens-Förderklasse lernen Geflüchtete Grundlagen der Elektrotechnik, denn Fachkräfte werden dringend gesucht.

(Foto: dpa)
  • In den naturwissenschaftlich-technischen Berufen fehlen so viele Fachkräfte wie nie zuvor, zeigt eine Erhebung des IW Köln.
  • Für eine Karriere als Elektrotechniker, IT-Spezialist oder Industriemeister sprechen die Verdienstaussichten, die oft besser sind als die von Akademikern in anderen Berufen.
  • Vor allem für Bildungsaufsteiger und Migranten sei eine Ausbildung in einem sogenannten MINT-Beruf attraktiv, heißt es beim arbeitgebernahen Institut.
Von Henrike Roßbach, Berlin

Der Fachkräftemangel ist ein Dauerbrenner unter den Themen, die Politik und Wirtschaft nervös machen. Es gibt ihn aber auch noch in einer verschärften Version, eine Art Fachkräftemangel hoch zwei, genannt: Mint-Lücke. Die Abkürzung steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Den Mangel an Fachkräften und Akademikern aus diesen Feldern lassen Arbeitgeber und Industrie seit sechs Jahren vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) vermessen. Am Montag wurden in Berlin neue Zahlen vorgestellt.

Das zentrale Ergebnis: Der Mangel hat sich nochmals verschärft. Die Arbeitskräftelücke in besagten Berufen ist auf 314 800 gestiegen, knapp ein Drittel mehr als im April vergangenen Jahres - und ein neues Allzeithoch seit Beginn der Erhebung. Insgesamt gibt es fast 487 000 offene Stellen in den Berufsfeldern, denen aber nur 175 000 Arbeitslose mit den entsprechenden beruflichen Qualifikationen gegenüberstehen. Von denen aber passen nicht alle zu den vakanten Jobs, ein Biologe etwa könne nicht auf eine Elektroingenieurstelle gesetzt werden, sagte Axel Plünnecke vom IW. Rechnet man solche Fälle heraus, kommt man auf besagte Lücke von 314 800 Arbeitskräften.

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Besonders rar sind Informatiker, die IT-Lücke hat sich im Zuge der Digitalisierung in den vergangenen vier Jahren verdoppelt. Knapper als früher sind auch Fachkräfte mit einer Berufsausbildung, etwa Industriemeister, Fachinformatiker oder Klimatechniker. Während bei Akademikern die gestiegene Zahl von Studenten und Berufstätigen aus dem Ausland für eine gewisse Entspannung sorgt, fehlt ein vergleichbarer internationaler Markt für Azubis und Facharbeiter. Insgesamt ist die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte in den Mangelberufen deutlich stärker gestiegen als die der einheimischen. Ohne dieses überproportionale Plus wäre die Lücke um weitere 150 000 Fachkräfte größer ausgefallen, sagte Plünnecke vom IW.

Besonders kräftig angezogen hat die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Inder in den akademischen Mint-Berufen: von 3750 Ende 2012 auf 8704 im Herbst vergangenen Jahres. Auch aus den Fluchtländern Eritrea, Irak, Afghanistan und Syrien arbeiteten im Herbst 2017 fast 16 400 Menschen in einem der gefragten Berufsfelder; Ende 2012 waren es nur 2711 gewesen, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle 2015 nur 4580. Der Zuwachs fiel höher aus als der bei der Beschäftigung von Flüchtlingen insgesamt.

Die Wirtschaft wirbt eifrig dafür, dass sich viele junge Leute entweder für eine technische, naturwissenschaftliche oder IT-Ausbildung entscheiden beziehungsweise für ein entsprechendes Studium. Ihr Hauptargument sind die Karrierechancen. Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Ingenieure verdienten inzwischen mehr als der Akademiker-Durchschnitt, sagte Michael Stahl vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall; Fachkräfte mit Berufsausbildung teilweise sogar mehr als Akademiker anderer Fachrichtungen.

Plünnecke vom IW wies zudem darauf hin, dass echte Aufsteigergeschichten in diesen Berufen deutlich häufiger vorkämen als anderswo - dass also Kinder von Nicht-Akademikern oder mit Migrationshintergrund viel öfter Ingenieur werden als zum Beispiel Arzt oder Anwalt. Zum einen seien die naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten global gültig; wer als Jurist nach Deutschland komme, könne dagegen nicht sofort loslegen. Zum anderen würden beim Lernen mathematischer Zusammenhänge alle ganz von vorn anfangen. Ein bildungsbürgerliches Elternhaus sei da kaum von Vorteil.

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