Frage an den SZ-Jobcoach Soll ich mein Zeugnis selbst schreiben?

Mario F. hat seinen Chef um ein Arbeitszwischenzeugnis gebeten. Dieser hat ihn jedoch angewiesen, selbst etwas aufzuschreiben. Ist das ein Freifahrtschein? Welche Risiken gibt es dabei?

SZ-Leser Mario F. fragt:

Ich arbeite in einem jungen Hightech-Unternehmen als Gruppenleiter und hätte gerne ein Arbeitszwischenzeugnis, weil eine Firmenübernahme ansteht. Mein Vorgesetzter bat mich, ich solle "mal was schreiben", wie das offenbar üblich ist. Finden Sie es sinnvoll, in meiner Situation selbst ein Arbeitszeugnis zu basteln? Oder sollte ich besser auf professionelle Hilfe von Dienstleistern zurückgreifen? Solche Dienstleistungen findet man häufig im Internet, doch ich bin unsicher, ob dies nur Abzocke ist oder einen wirklichen Mehrwert liefert.

Vincent Zeylmans antwortet:

Lieber Herr F., Zeugnisse sind gerade in deutschsprachigen Ländern von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Im angelsächsischen Raum werden persönliche Referenzen vorgezogen. Doch bei uns gelten Zeugnisse als wichtiger Nachweis für Arbeitsleistungen. Man sollte dieses Thema daher nicht leichtfertig abhandeln. Ein Zeugnis ist eine Urkunde, die Sie ein ganzes Berufsleben begleitet und die nur in seltenen Fällen im Nachhinein abgeändert werden kann.

Gleichwohl hat die Bedeutung von Zeugnissen etwas nachgelassen. Das hängt damit zusammen, dass die Erstellung aussagefähiger Dokumente sehr aufwendig ist. Immer mehr Arbeitgeber greifen mittlerweile dankbar auf Zeugniserstellungsprogramme zurück. So ist die paradoxe Situation entstanden, dass die Bewertungen zwar häufig - nach Noten - besser wurden, die Qualität der Zeugnisse an sich jedoch gelitten hat.

Zu groß ist die Versuchung für die Personalabteilungen, einfach Noten in das Programm einzugeben und automatisch generierte Vorschläge für Textbausteine zu übernehmen. Die Aussagen treffen nun genauso auf den Marketingleiter wie auf die Personalreferentin oder den Teamleiter Arbeitsvorbereitung zu. Es ist nur noch von "schneller Auffassungsgabe", "großer Einsatzbereitschaft" oder anderen Allgemeinplätzen die Rede. Mittlerweile zeichnen sich gute Zeugnisse - neben den erforderlichen Standardsätzen - durch ihre Individualität aus, natürlich verbunden mit einer exzellenten Bewertung. Arbeitszeugnisse sollten persönliche Leistungen, Ergebnisse und Erfolge erwähnen und diese hervorheben.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Arbeitgeber Sie bittet, Erfolgsbeispiele zusammen mit Ihren Aufgabenschwerpunkten als Vorlage für das Zeugnis einzureichen. Doch wenn Sie Ihr Zeugnis komplett selbst erstellen, gehen Sie ein hohes Risiko ein. Sie sind Experte auf Ihrem Gebiet - von Zeugnissprache haben Sie wenig Ahnung. Und ein künftiger Arbeitgeber wird sofort feststellen, ob ein Zeugnis selbst verfasst wurde. Er wird das unterschiedlich interpretieren.

Hat der Bewerber bei einem kleinen Mittelständler gearbeitet, der keine Routine im Verfassen von Zeugnissen hat, wird über eine fehlende oder gar disqualifizierende Aussage hinweggesehen. Ganz anders, wenn Sie für ein Unternehmen gearbeitet haben, das in der Lage sein müsste, qualifizierte Zeugnisse zu erstellen, diesen Job aber seinen Mitarbeitern überlässt. Wer hier negativ auffällt, kann mit wenig Verständnis rechnen. In diesem Fall bieten sich die Dienstleister an. Für kleines Geld kaufen Sie sich die Sicherheit, nicht in ein Fettnäpfchen zu treten.

Achten Sie darauf, dass Beispiele Ihrer persönlichen Erfolge als individuelle Bausteine eingebaut werden. Auch wenn das Zeugnis lediglich ein Element im Bewerbungsprozess darstellt, sollten Sie also kein unnötiges Risiko eingehen und Ihr Zeugnis nicht ohne Hilfestellung selbst verfassen.

So nicht, Chef!

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Vincent Zeylmans war jahrelang Abteilungsleiter in internationalen Konzernen. Deren Rekrutierungspolitik kennt er daher aus der Praxis. Heute lebt er als Buchautor, Führungskräftecoach und Managementtrainer in Emmerich am Rhein.

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