Fifa-Präsident Was Chefs von Blatter lernen können

Immer noch da: Sepp Blatter.

(Foto: AFP)

Korruption hin, Verhaftungen her, Sepp Blatter wird in seine fünfte Amtszeit als Fifa-Präsident gewählt. Vier Prinzipien, die sich jede Führungskraft vom mächtigen Schweizer abschauen sollte.

Von Matthias Kohlmaier

Sie sind überall, seit Jahrhunderten. Nicht totzukriegen, also metaphorisch gesehen. Alte Männer auf hohen Posten, die genau ein Ziel haben: Ältere Männer auf noch höheren Posten zu werden. Die Pointe ist, dass der gemeine ältere Herr am oberen Ende der Hierarchieleiter von dort quasi nicht mehr zu entfernen ist. Ist er einmal oben angekommen, dort, wo es schön machtvoll und komfortabel ist, kann ihm kaum mehr jemand am Chefsessel sägen.

Zufall ist das freilich keiner. Denn ältere mächtige Männer haben über Jahrhunderte, ach was, Jahrtausende der Evolution, Fähigkeiten entwickelt, um auch den schlimmsten Sturm, den größten selbstverschuldeten Mumpitz und die zügelloseste Selbstbereicherung in ihrer Top-Position unbeschadet zu überstehen. Und die allerwichtigste Fähigkeit, neben einem gesunden Aussitzfleisch, ist die Rhetorik - das haben nicht nur Adenauer und Kohl gewusst, das weiß auch Sepp Blatter.

Blatter: "I like you, I like this job"

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Also hat sich der Fifa-Boss, seit 1981 in Top-Ämtern nicht korruptionsmindernd tätig, am Tag vor seiner Wiederwahl an seine Schäfchen gewandt. Wer plant, irgendwann irgendwo ganz nach oben zu kommen, der muss diese Rede lesen und von ihr lernen. Denn von King Sepp zu lernen, heißt führen, siegen - und bleiben lernen.

Hier die vier wichtigsten Zitate Blatters und was sie bedeuten:

"Aktionen Einzelner bringen Schande und Erniedrigung über den Fußball und nötigen uns allen Maßnahmen und Veränderung ab."

Wunderbar zeigt Blatter hier die sprachliche Ambivalenz des geborenen Chefs. In nur einem Satz schafft er es, die Schuld an all dem derzeitigen Ungemach auf ein paar wenige abzuladen und damit klarzustellen, dass in seinem Laden ja eigentlich so ziemlich alle ganz dufte Typen sind. Durch das Wörtchen "uns" stellt er, der Obermufti, sich für einen ganz kurzen Moment auf eine Stufe mit seinen Untergebenen. Und, noch wichtiger, mit dem "uns" schließt er sich selbst ein und macht sich menschlich und fehlbar. Natürlich nur theoretisch, aber das juckt niemanden.

Blatter-Prinzip 1: Wer Chef bleiben will, muss Fehler einräumen, sie zu Fehlerchen herunterreden und anderen anlasten.

"Wir, oder ich, können nicht jeden die ganze Zeit im Auge behalten."

Schaut her, liebe kleine Firmensoldaten, wir sind wahnsinnig viele, und ich arbeite wirklich Tag und Nacht, um jedem von euch die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er verdient. Aber ich bin nur ein Mensch, auch wenn ich es mir gern gefallen lasse, wenn mich meine direkten Untergebenen ab und an öffentlich als halbe Gottheit bezeichnen. Subtext: Irgendjemand baut immer Mist, aber dafür soll bitteschön auch dieser Irgendjemand die Verantwortung tragen. Ich kann ja hier nicht alles tun.

Blatter-Prinzip 2: Wer Chef bleiben will, muss die eigene Macht gelegentlich als Machtlosigkeit darstellen.

"Ich bin mir sicher, dass weitere schlechte Nachrichten folgen werden. Aber es ist notwendig, dass wir damit beginnen, das Vertrauen in unsere Organisation wiederherzustellen."

Auch die Erkenntnis, dass dem bereits fabrizierten Mist weiterer Mist folgen wird, ist für eine Führungspersönlichkeit von Format essenziell. Wer die Mitarbeiter rechtzeitig warnt, dass das Gewitter noch lange nicht vorbei ist, zeigt damit, dass er genau weiß, was da noch kommt. Das muss freilich nicht heißen, dass er sich auch darum kümmern wird, aber das ist erst einmal unwichtig. Viel wichtiger ist die Betonung der Zukunft, gepaart mit einer verbalen Stärkung des "Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot-und-ihr-wollt-doch-wirklich-nicht-untergehen-oder‽"-Gefühls.

Blatter-Prinzip 3: Wer Chef bleiben will, muss Zukunftsziele beschwören - wie unrealistisch sie auch sein mögen.

"Solidarität und Einheit sind gefragt - für das Spiel, für die Welt, für den Frieden."

Am Ende eines flammenden Appells an die Untergebenen muss immer etwas Philosophisches stehen. Ein Satz, den jeder anders interpretiert und den auch der Chef selbst jederzeit beliebig umdeuten kann, wenn künftige flammende Appelle es erfordern sollten. Je mehr positiv besetzte Begriffe darin vorkommen - Solidarität, Frieden (!) -, desto besser. Sollten Sie diesen klassischen Blatter je zum Abbinden einer eigenen Rede verwenden wollen, bietet es sich vermutlich an, den Begriff Spiel durch "Firma" oder "Unternehmen" zu ersetzen.

Blatter-Prinzip 4: Wer Chef bleiben will, muss situationsunabhängige hohle Phrasen parat haben.

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