Fachkräfte Woran es Deutschland mangelt

Mangelware: Fachkräfte auf dem Bau.

(Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

1,2 Millionen freie Jobs - noch nie gab es so viele offene Stellen in Deutschland. Eine Auswertung zeigt, in welchen Berufen besonders viele Fachkräfte fehlen.

Von Jutta Pilgram

Offene Stellen gibt es immer. Menschen sind auf der Suche, gehen in Rente oder werden gekündigt, Betriebe schließen, neue Arbeitsplätze entstehen. Offene Stellen, die nicht sofort besetzt werden können, sind sogar ein Kennzeichen für einen funktionierenden Arbeitsmarkt. Aber 1,2 Millionen Jobs, für die es keine passenden Bewerber gibt? Diesen Rekord hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat am vergangenen Dienstag gemeldet.

Würden alle Menschen, die in Deutschland bei einer Arbeitsagentur als suchend gemeldet sind, einen dieser Jobs annehmen, ließe sich die Arbeitslosenzahl auf einen Schlag halbieren. Doch so einfach ist es nicht. Denn diese Rechnung setzt voraus, dass alle Bewerber grenzenlos mobil sind und dass sie jede Aufgabe bewältigen können. So kommt es, dass es auf der einen Seite mehr freie Stellen gibt als je zuvor. Und auf der anderen Seite etwa 2,5 Millionen Menschen arbeitslos sind, manche finden seit Jahren keine Beschäftigung.

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Um zu verstehen, welche Bewerber in welchen Regionen fehlen, legt die Bundesanstalt für Arbeit zwei Mal im Jahr eine Untersuchung vor, die den sperrigen Titel "Fachkräfteengpassanalyse" trägt. Darin vergleichen die Statistiker die ausgeschriebenen Stellen mit den Daten der Arbeitslosen. Einen flächendeckenden Fachkräftemangel gäbe es nicht, beteuern sie. Doch sie sehen Engpässe in vielen Sparten, die sie detailliert auflisten, untergliedert in 144 Berufsgruppen und 1286 Berufsgattungen, aufgeschlüsselt nach Bundesländern und Arbeitsagenturbezirken.

Besonders ausgeprägt sind die Engpässe in drei Bereichen - in den technischen Berufen, in der Baubranche und im Bereich Gesundheit und Pflege. Laut Definition ist ein Engpass dann entstanden, wenn in einem bestimmten Bereich durchschnittlich weniger als zwei Arbeitslose auf eine offene Stelle treffen. "Ausgeglichen wäre der Markt, wenn auf eine Stelle drei Arbeitslose kämen", sagt Susanne Eikemeier von der Bundesagentur.

Da es keine Meldepflicht für offene Stellen gibt, wird überhaupt nur etwa jeder zweite freie Job erfasst. In vielen Mint-Berufen oder akademisch geprägten Bereichen melden Betriebe ihren Bedarf gar nicht erst an die Arbeitsagenturen. "Daher ist die Analyse kein hundertprozentig abschließender Bericht", sagt Eikemeier. "Bei den Freien Berufen wie etwa den Anwälten oder Journalisten sind unsere Angaben nur eingeschränkt nutzbar."

Arbeitslose müssen erst passend qualifiziert werden

Umfassendere Daten gibt es jedoch nicht. Die Analyse, die auf der Website der Bundesagentur für Arbeit gelesen werden kann, steckt voller interessanter Details. Da erfährt man beispielsweise, dass sich der Engpass bei den Schweißfachingenieuren im letzten halben Jahr wieder entspannt hat. Und dass zwischenzeitlich ein neuer Mangel bei den Podologen, also den Fußpflegern, entstanden ist, außerdem bei Fahrlehrern und Friseuren. Dass Meister im Bereich Rolladenbau oder Isolierung besonders im Süden fehlen und Humanmediziner vor allem im Norden. Nur Altenpfleger fehlen überall.

Generell ortet die Analyse mehr Engpässe in den südlichen Bundesländern, aber auch im Norden ächzen einzelne Arbeitsagenturbezirke unter dem Fachkräftemangel, zum Beispiel in Marburg und Nordhorn. Lediglich in Berlin zeichnet sich überhaupt kein Fachkräfteengpass ab, hier gibt es in fast allen Bereichen mehr Jobsuchende als offene Stellen.

Aus der Sicht von Bewerbern sind Engpässe erst einmal angenehm. Sie haben die Wahl unter vielen Jobs. Die Analyse zeigt aber auch, dass es langfristig der Wirtschaft schadet, weil Unternehmen immer länger brauchen, um freie Stellen zu besetzen. Vor einem Jahr dauerte es im Durchschnitt 95 Tage, jetzt sind es 102 Tage. Wenn Firmen kein Personal finden, bleibt Arbeit liegen, neue Projekte können nicht in Angriff genommen werden.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft hat die Nürnberger Daten ausgewertet und daraus ein Ranking der Top 10-Engpassberufe erstellt. Dabei unterscheidet es drei Kategorien: Fachkräfte sind Menschen mit Berufsausbildung. Spezialisten haben einen Meister-, Techniker-, Fachschul- oder Bachelorabschluss. Experten bringen einen Master, ein Diplom oder zusätzlich zum Bachelor auch Berufserfahrung mit. Eine vierte Kategorie, die Helfer ohne Berufsausbildung, bleiben bei der Analyse außen vor, weil sie kurzfristig angelernt werden können und ohnehin kein anhaltender Mangel an arbeitslosen Helfern besteht.

Die Liste darf aber nicht verstanden werden als Ratgeber zur Berufswahl. So stehen beispielsweise Berufe in der öffentlichen Verwaltung ganz oben, also etwa Finanzkontrolleure, Standesbeamte oder Krematoriumsverwalter. Das heißt nicht, dass es dort Unmengen an Jobs gibt. "Es bedeutet nur, dass hier das Verhältnis zwischen offenen Stellen und Jobsuchenden besonders drastisch ist", sagt Paula Risius, Mitautorin der Studie. In absoluten Zahlen sind die freien Jobs in der öffentlichen Verwaltung vergleichsweise niedrig: Während dort nur 130 Spezialisten gesucht werden, gibt es zum Beispiel in der Physiotherapie 5274 offene Stellen.

Die Analyse "stellt keine Prognose für die zukünftige Entwicklung dar", betonen die Autoren. "Ein Fachkräftemangel in bestimmten Berufen steht nicht im Widerspruch zu Arbeitslosigkeit in der Gesamtbevölkerung." Denn um die Engpässe zu beheben, müssten Arbeitslose erst passend qualifiziert werden. Und das dauert.

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