EU-Kommission beschließt Frauenquote Frauen bekommen ein Baby, Männer ein Eckbüro

Viviane Reding triumphiert, die EU-Kommission hat die Frauenquote für Aufsichtsräte endlich beschlossen. Ein Grund zur Freude? Nein. Die Quote der Justizkommissarin ist völlig verwässert, sie setzt an der falschen Stelle an. Dabei ist offensichtlich, was eigentlich notwendig wäre.

Ein Kommentar von Barbara Vorsamer

EU-Kommissarin Viviane Reding ist eine Verfechterin der Frauenquote - und hat sich nun gegen viele Widerstände durchgesetzt.

(Foto: AP)

"Geschafft", twittert EU-Kommissarin Viviane Reding erleichtert in mehreren Sprachen. Die Kommission hat ihren Plan für die europäische Frauenquote endlich durchgewinkt - Mitgliedsländer und Europaparlament müssen noch zustimmen. Noch im Oktober hatte die Luxemburgerin keine Mehrheit unter ihren Kollegen und Kolleginnen gefunden.

Das ist doch wohl jetzt ein Anlass zum Jubeln für die Frauen in Europa, oder? Ist es jetzt endlich mal gut mit dem Gequatsche um Frauenquote, Betreuungsgeld und Krippenplätze? Nicht nur viele Männer machen sofort dicht, sobald das F-Wort zur Sprache kommt. Manche sehen die Frauenquote als Bedrohung und befürchten, dass ihre eigene Karriere steckenbleibt, wenn die Kollegin von nebenan zum Zuge kommt.

Keine Angst, liebe Herren! Davon abgesehen, dass es tatsächlich so ist, dass für jede Frau in einer Führungsposition ein Mann weniger aufsteigt (es gibt nun mal keine unendliche Zahl an Eckbüros): Vor Redings nun durchgesetzter Frauenquote braucht sich niemand zu fürchten. Klar, die Schlagzeile ist schick: Bis 2020 sollen zwei von fünf Aufsichtsratsmitgliedern Dax-notierter Unternehmen mit Vertretern des "unterrepräsentierten Geschlechts" - das sind in den meisten Fällen Frauen - besetzt werden.

Eher ein zahnloser Tiger

Doch bei genauem Hinsehen kommt der Beschluss recht zahnlos daher: Die ursprünglich vorgesehene Drohung, die Quote auch irgendwann für Vorstände einzuführen, ist vom Tisch. Der sowieso schon zahme Sanktionskatalog wurde entschärft. Länder, die selbst Regeln zur Frauenförderung haben, sind ganz ausgenommen.

Zudem sind in Unternehmen nicht die Aufsichtsräte die Entscheider. Der Aufsichtsrat trifft sich ein paar Mal im Jahr, berät über die Arbeit der Vorstände, gibt Empfehlungen und bekommt dafür ein großzügiges Entgelt. Die unternehmerischen Entscheidungen werden jedoch in den Vorständen getroffen, wo Frauen massiv unterrepräsentiert sind. In den höchsten Zirkeln der 200 größten deutschen Unternehmen sitzen gerade einmal drei Prozent Frauen. Hier eine Quote einzuführen wäre wesentlich wichtiger als in den Aufsichtsräten.

Wenn nun das Gegenargument kommt, dass für solche Posten keine oder nur sehr wenige qualifizierte Frauen zur Verfügung stehen, kommen wir dem tatsächlichen Kern des Problems näher. Denn eigentlich könnte es inzwischen in fast jeder Branche einen ausreichend großen Pool an geeigneten Führungsfrauen geben. Schließlich sind Frauen außerhalb der Chefetagen schon seit Jahren nicht mehr das "unterrepräsentierte Geschlecht". Sie stellen die Mehrheit der Studierenden an deutschen Hochschulen, auch beim Berufseinstieg und kurz danach ist noch kein Gender Gap erkennbar.

Der kommt erst später: Dann, wenn die Kollegin von nebenan eben nicht das Eckbüro bekommt, sondern stattdessen ein Baby. Und danach reduziert sie ihre Arbeitszeit auf, sagen wir mal, eine Zweidrittelstelle. Immer noch ist es so, dass Frauen mit Kindern weniger Stunden als vorher arbeiten, Männer mit Kindern aber plötzlich längere Arbeitszeiten haben. 91 Prozent der Frauen nehmen zwölf Monate Elternzeit, die meisten Männer gar keine oder höchstens zwei Monate. Karriere ist aber oft denen verwehrt, die nicht (mehr) endlose Tage im Büro verbringen können oder wollen.

Kinder und Karriere - das muss funktionieren

Das führt dann dazu, dass bei insgesamt vier Millionen Führungskräften in Deutschland (hier sind unteres und mittleres Management wie Teamleiter oder leitende Fachkräfte mit eingerechnet) auf eine Frau mehr als zwei Männer kommen. Mit jeder weiteren Karrierestufe verschärft sich diese Ungleichheit - bis dann irgendwann ein Vorstandschef in der komfortablen Position ist, sagen zu können: Ich würde ja gerne eine Frau in den Vorstand berufen, aber leider gibt es weit und breit keine, die der Aufgabe gewachsen ist.

Wichtiger als eine Quote in Aufsichtsräten und sogar wichtiger als eine in Vorständen sind daher: Karrieren, die sich mit Familie und Kindern vereinbaren lassen. Flexible Arbeitszeiten, bei denen nicht nur der Arbeitnehmer flexibel ist, sondern auch der Arbeitgeber. Eine Firmenkultur, bei der Dauerpräsenz kein Qualitätskriterium ist. Ausreichende, bezahlbare Krippenplätze, Ganztagskindergärten und -schulen. Nicht zuletzt auch Männer, die sich an Haushalt und Erziehung beteiligen - und Frauen, die das von ihren Partnern einfordern.