Digitalisierung in der Arbeitswelt Schutz vor Rundum-Belastung? Eine Ausnahme

Und wenn einer die Nachteile allmählich registriert, redet er nicht unbedingt darüber. Soll man etwa zugeben, dass einem die 23-Uhr-Videokonferenz, die Nacht der Arbeit, noch in den Knochen sitzt, eine Veranstaltung, die wahrlich kein Betthupferl war, und nun auf seine elf Stunden Ruhezeit bestehen - auf die Gefahr, künftig als einer zu gelten, der Dienst streng nach Arbeitszeitgesetz macht? Will man sich vom Arbeitsschutz-Fachmann der Firma sagen lassen, dass der Bürostuhl daheim zwar schick ausschaut, aber für Dauerbeanspruchung überhaupt nicht ausgelegt ist? Wo es doch jetzt so etwas Fortschrittliches gibt wie den "Vertrauensarbeitsplatz", den einem die Firma gewährt.

Nur die wenigsten Menschen sind erpicht auf Unterhaltungen, in denen sie sich peinlich vorkommen. Es gibt mittlerweile Firmen, die sich mit Gewerkschaften auf einen Schutz vor Rundum-Belastung ihrer Mitarbeiter geeinigt haben, VW und Evonik zum Beispiel; bei der Telekom laufen Gespräche. Diese Vereinbarungen sind die Ausnahme, nicht der Normalfall.

Der Unterschied zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ist, dass viele der Ersteren ganz genau wissen, was sie Letzteren zumuten. Dass es eben nicht bekömmlich sein kann, wenn das Zuhause kein Rückzugsraum mehr, sondern eine Art Außenstelle der Firma ist. Nach einer Untersuchung der Deutschen Angestellten-Krankenkasse steigt mit dem Zwang zur Erreichbarkeit das Risiko, an Depressionen zu erkranken.

"Wat willste maache!"

Wenn man mit Arbeitgebern über dies alles spricht, offenbaren manche von ihnen ihr Unbehagen über die Entwicklung schon anhand ihrer Wortwahl: unaufhaltsamer Trend, wollen wir Gewinner sein, ein Muss, unabdingbar, Möglichkeiten der Digitalisierung optimal nutzen - das sind typische Ausdrücke, die dann fallen. So redet ja niemand, der überzeugt wäre von der Harmlosigkeit dessen, was er seinen Beschäftigten abverlangt. So redet jemand, der durchaus Bewusstsein hat, sich aber einem Turm von Zwängen unterworfen sieht. "Wat willste maache!", sagt der Rheinländer. "Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein", das war die Feststellung von Karl Marx dazu, dem großen Diagnostiker. Wer den Kunden aus Amerika oder China nicht verlieren will, der stellt ihm um Himmels willen seine Leute zu den gewünschten Zeiten zur Verfügung.

Serienmarathoni, Komatöse und Überperformer

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Es ist wie so oft im Leben: Menschen geben den Anspruch auf, Herr über sich selbst zu sein. Statt dessen ergeben sie sich Verhältnissen, die niemand anders als doch sie geschaffen haben. "Die Zukunft der Arbeit bestimmen wir!" lautete das Motto des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum 1. Mai. Man mag es für naiv halten, oder für trotzig. Aber es wäre selbst dann eine passable Parole, wenn sie nicht Gewerkschaftern, sondern einem Unternehmer eingefallen wäre.

Denn so fängt doch jede Debatte und jedes Handeln immer an: dass man sich wieder der Möglichkeiten besinnt, welche die erste Person Plural bietet - und endlich aufhört, sich dem zu beugen, was irgendein Zeitgeist unaufhaltsam nennt.