Ausgebrannt mit 50 - immer häufiger sind Lehrer dem Druck in den Klassenzimmern nicht mehr gewachsen. Der letzte Ausweg ist oft die Klinik.
Es sind die seltenen Augenblicke, die Birgit Schatt mit ihrem anstrengenden Arbeitsalltag versöhnen. Jüngst etwa, als sie Nora in der U-Bahn traf. Das Mädchen, das in seiner Kindheit stets auf der Flucht war, bis es mit den Eltern Asyl in Deutschland fand und in Schatts Schulklasse landete. Dort lernte Nora mühsam schreiben und rechnen. Jetzt berichtete sie, Zahnarzthelferin geworden zu sein und demnächst den Führerschein zu machen. "Ich bin so stolz auf Dich", sagte Schatt.
Bild vergrößern
Der Druck steigt: Etwa 60 Prozent der Lehrer leben in der Gefahr, psychosomatisch zu erkranken. (© Foto: iStock)
Anzeige
Die 50-Jährige ist Lehrerin an einer Hauptschule im Münchner Osten. Ihre Schüler kommen aus den Krisengebieten der ganzen Welt. Manche sind hoch begabt, andere können nicht schreiben. Schatt sagt, der Unterricht habe den "Charme einer alten Dorfschule", doch er fordert sie. Zwei Jahre lang hat sie die Belastung geschultert, bis sie zusammenbrach.
Erst waren es Rückenschmerzen, dann Erschöpfungszustände. Am Ende half nur mehr ein halbes Jahr Auszeit. Schatt zählt, wie Andreas Hillert berichtet, zur Risikogruppe der Pädagogen, die oft am eigenen Idealismus und Perfektionismus zerbrechen. Hillert ist Chefarzt der medizinisch-psychosomatischen Klinik Roseneck am Chiemsee. Dort hat man sich auf das "Burn-out-Syndrom" bei Lehrern spezialisiert und erfährt seit Jahren einen wachsenden Zulauf.
"Der Druck steigt", sagte der Chefarzt auf der Tagung der evangelischen Akademie Tutzing zum Thema "Stress lass nach". Zahlen des früheren Leiters des psychologischen Instituts der Universität Potsdam, Uwe Schaarschmidt, verdeutlichen die Situation. Demnach leben zurzeit etwa 60 Prozent der Lehrer in der Gefahr, psychosomatisch zu erkranken. Besonders anfällig sind sie dafür im Alter zwischen 46 und 55 Jahren. Noch häufiger als Männer trifft es Frauen. Denn offenbar scheuen sie mehr als ihre männlichen Kollegen Konflikte und haben Probleme, sich vom Arbeitsalltag rechtzeitig zu distanzieren, oder wie Schatt es sagt: "Ich musste erst mühsam lernen, loszulassen."
Mehr als nur Rechnen, Lesen und Schreiben
Auch Schatt liebt ihre Arbeit leidenschaftlich, wie sie sagt. Sie will ihren Schülern mehr als nur Grundkenntnisse in Rechnen, Lesen und Schreiben mit auf den Lebensweg geben. Ihre Arbeit ist um 13 Uhr nicht beendet. Als Beratungslehrerin ist sie auch zentrale Ansprechpartnerin für das Leben der Jugendlichen außerhalb der Schule.
Die Münchner Hauptschullehrerin brachte die Doppelbelastung sowie die Unfähigkeit, an den Schicksalen ihrer Schüler irgendetwas ändern zu können, an den physischen und psychischen Abgrund. Kollegen wie Fritz Schäffer, Gymnasiallehrer aus Ingolstadt und Mitglied des bayerischen Lehrerverbands, listen weitere Faktoren auf: fehlende Rückzugsräume, große Klassen, eine hohe Unterrichtsverpflichtung sowie der Zwang, Noten zu geben.
Man weiß viel über die Lehrergesundheit
Es sind also nicht nur, wie Psychologe Schaarschmidt sagt, "unzureichende persönliche Voraussetzungen", die krank machen können, sondern auch die "Bedingungen des Berufs selbst". Dazu zählt auch der "Druck immer wieder neuer Forderungen seitens der Obrigkeit". Fazit der Tagung ist denn, dass man, wie Hillert es formuliert, viel über Lehrergesundheit weiß, dass jedoch die Politik bislang wenig dazu beigetragen hat, hier präventiv tätig zu werden.
Zu den wichtigsten Maßnahmen, darin sind sich die Experten einig, zählt vor allem eine bessere Ausstattung der Schulen. Sie fängt an bei kleineren Klassen, mehr Lehrern, regelmäßigen Fortbildungen bis hin zur Bereitstellung eigener Arbeitszimmer. Entscheidend für das Arbeitsklima ist jedoch auch die Rolle des Schulleiters. "Er muss Kollegen entlasten und nicht belasten", sagt der Münchner Hauptschulrektor Rudi Wenzel.
Kein "Einzelkämpfertum" mehr
Das heißt: "Er muss nicht alles durchreichen, was von oben beschlossen wird." Er hat auch sicherzustellen, dass Teamarbeit und Supervision zum Alltag werden statt des vielfach noch praktizierten "Einzelkämpfertums". Nicht zuletzt drängen die Teilnehmer der Tagung darauf, die Lehrerbildung zu verändern. Frühe Praxissemester im Studium werden für unverzichtbar gehalten, damit Lehramtsanwärter rasch realisieren, ob sie dem Job gewachsen sind.
- Thema
- Burn-out-Syndrom RSS
- Eignungstest für Lehrer "Viele werden Lehrer aus Verlegenheit" 31.03.2009
- Erster Schultag in Bayern In der Klasse wird es eng 15.09.2009
- Lehramtsstudium Schule der Lehrer 12.10.2009
- Kranke Firmen Burnout ist ansteckend 15.10.2007
- BGH zu spickmich.de Lehrer müssen Kritik aushalten 23.06.2009
- Prävention von Burn-out Der Chef kann es richten 19.05.2010
- Neustart nach Burn-out So kann es nicht weitergehen 31.03.2010
(SZ vom 02.11.2009/holz)
Verkehrssünderdatei in Flensburg
"Warum waren dann die Lehrer in den 1950er Jahren mit mindestens doppelt sovielen Kindern in der Klasse sehr viel gesünder?"
Weil unsereiner in den 50igern noch grundsätzlich grundlegende Anstands- und Verhaltensregeln zu Hause gelernt hatte. Meine 51 Schüler starke Hauptschulklasse kam gut zur Hälfte aus der "bildungsfernen" Schicht. Aber auch diese Schüler haben, wie gut oder schlecht auch immer, Hausaufgaben abgeliefert. Wenn sie auch im Unterricht nicht so mitgemacht haben, haben sie doch nicht den Rest vom lernen abgehalten. Auch hat keiner unflätig herumgepöbelt. Geschwätzt haben wir alle und laut ist so ein Haufen immer , sobald die Lehrer den Rücken kehren, aber nach ein-zwei-dreimaliger Aufforderung ruhig zu sein, waren wir es dann auch. Gerauft wurde in den Pausen auf dem Schulhof, aber auch die Gewalttätigsten haben niemanden in Grund und Boden gestampft oder auf dem Schulweg ausgeraubt. Und: wir haben auch widersprochen und meine Klasse galt als besonders rebellisch und lebhaft. Und ja, blöde Lehrer hatten wir auch, aber nicht mehr als ich später in der Arbeitswelt blöde Kollegen und Vorgesetzte kennengelernt habe.
Als besonderes Merkmal der Lehrerin Schatt im Artikel wird angemerkt, für Sie sei der Schulaltag nicht um 13 Uhr beendet. Dieser Satz verrät, dass der Autor des Artikels wenig Ahnung vom Schulalltag hat. Ich bin seit sechs Jahren Lehrer und sitze fast jeden Tag bis ca. 20 - 21 Uhr an Unterrichtsvorbereitungen. Da ich sehr viele Kollegen kenne, weiß ich, dass das nicht nur für mich gilt. Auch in den Ferien bin ich oft mit Schulvor- oder nachbereitungen beschäftigt. Es ist erstaunlich, wie lange sich die Vorurteile über Lehrerarbeit halten, aber nicht nur bei den "normalen" Mitmenschen, sondern auch in den Medien. Überhaupt sollten die Medien sich kritischer mit den derzeitigen Reformen an den Schulen beschäftigen, anstatt das Blabla von Schule der Zukunft, moderne Ganztagsschule etc. einfach nur widerzukäuen. Das scheinbar Fortschrittliche scheint aber nicht Gegenstand der Untersuchung und Kritik sein zu können.
Mit freundlichen Grüßen, A. Erk
Lehrer sind heute die Ausputzer der Nation: was Eltern und Gesellschaft und Politik nicht zustande bringen, baden Lehrer aus. Die meisten Menschen reden abschätzig über Lehrer, möchten aber auf keinen Fall jemals selbst diesen Beruf ausüben - mit gutem Grund.
Lehrer müssen sich beleidigen und mobben lassen, egal ob im Internet (vgl. Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Juni 09) oder auf der Straße oder im Unterricht.
Es gibt keine wirklich effektive Handhabe z.B. gegen schikanierende Schüler, die sich im Schutz der Gruppe Dinge gegen den allein dastehenden Lehrer erlauben, die z.T. unerträglich sind. Und dies muss keineswegs an persönlicher oder fachlicher Unzulänglichkeit des Pädagogen liegen, sondern....? Was denken Sie selbst über die Ursachen hierfür?
Leider sind meiner Erfahrung nach auch die Eltern eher die Gegner der Lehrer: in alberner Schein-Solidarität mit ihren vernachlässigten und verzogenen Kindern verweigern sie ihre wahre Erziehungsverantwortung und hetzen ihre Kinder sogar noch auf gegen die Pädagogen.
Schade.
ist auch die geringe Wertschätzung, die den Lehrern entgegen gebracht wird. Leider herrscht immer noch das Klischee des faulen Lehrers mit viel Freizeit vor, der kaum was leistet. Die Verantwortung, die diese tragen wird kaum wahrgenommen.
Hinzu kommen noch die Eltern, die für die Probleme ihres Kindes in erster Linie den Lehrer verantwortlich machen ohne darüber nachzudenken, wie sie ihrer eigenen Aufgabe - der Erziehung - nachkommen.
Und klar: die Prügelstrafe wird ihnen auch noch genommen;-)
Die dauernde Diskussion über das beste Schulsystem ist ermüdend. Jeder hat gute Tipps und glaubt mit nur ein paar kleinen Veränderungen würde alles flutschen. Dabei gibt es diese Lösungen überhaupt nicht. In Sportvereinen beispielsweise gibt es im seltensten Fall ein Problem mit Motivation und Disziplin. Obwohl die Trainer über keinerlei pädagogische Ausbildung verfügen, gelingt es ihnen erschreckend leicht, die Kinder selbst bei schlechtestem Wetter stundenlang rumrennen zu lassen. Bei uns an der Montessori Schule, wo dauernd am Weltfrieden gebastelt wird, kommt es zu körperlichen Übergriffen und Lehrer schreien Kinder an, als wären sie kleine Monster (was sie wirklich nicht sind). Also am System liegt's nicht. Man muss schon die Probleme an den beteiligten Protagonisten festmachen: Lehrer, Kinder, Eltern. Können wir an denen was verändern? Nach meiner Erfahrung nicht.
Paging