Beruf Wie finde ich heraus, was ich beruflich will?

Benno S. ist unsicher, ob er beruflich auf dem richtigen Weg ist.

(Foto: picture alliance / dpa)

Benno S. ist Anfang 30, arbeitet in einem interessanten Berufsfeld und verdient ordentlich. Trotzdem ist er mit seinem Job nicht glücklich.

SZ-Leser Benno S. fragt:

Ich bin Anfang 30 und habe eine gut bezahlte Stelle in einem kreativen Beruf, von der sicher viele träumen. Doch ich langweile mich. Deshalb habe ich ein Fernstudium absolviert und besitze jetzt noch einen Master in einem anderen Fach. Allerdings bin ich nun schon wieder unschlüssig und frage mich, was ich damit tun soll. Ich weiß immer noch nicht, wohin die berufliche Reise eigentlich gehen soll. Ich habe schon alle möglichen Ratgeber gelesen, komme aber nicht weiter. Vielleicht sollte ich noch ergänzen, dass meine Familie viel in meine Angelegenheiten hineinredet und ich noch nie so richtig wusste, was mir Freude macht.

Madeleine Leitner antwortet:

Lieber Herr S., in der Arbeit mit beruflich Unzufriedenen habe ich es häufig mit Klienten zu tun, bei denen das Problem tiefere Ursachen hat. Wenn Ratsuchende trotz der Lektüre vieler Bücher, trotz Tests und Coaching nicht weiterkommen, wird die Problematik erst verständlich vor dem Hintergrund ihrer Persönlichkeit, der Biografie und der Familiengeschichte.

Folgende Konstellation ist mir sehr vertraut: Viele (meist männliche) Klienten leiden an unbewussten Versagensängsten. Aufgrund negativer Erfahrungen in der Kindheit haben sie eine extreme Angst zu scheitern. Sie befürchten, sich dann bis auf die Knochen zu blamieren und eine verheerende persönliche Niederlage zu erleiden. Aus dieser Angst heraus vermeiden sie generell Aktivitäten, die ihnen eigentlich Freude machen könnten, aber vermeintlich mit Risiken besetzt sind. Stattdessen richten sie sich an einem vermeintlich sicheren Ufer ein. Dass es dann zum Beispiel dem verhinderten Abenteurer irgendwann langweilig wird, ist kaum verwunderlich. Menschen mit Vermeidungsverhalten ist das meist gar nicht bewusst, weil es automatisiert abläuft.

In solchen Fällen gilt es zunächst, diese "Katastrophen im Kopf" zu erkennen. Dafür sollte man sich zunächst über einen längeren Zeitraum in Selbstbeobachtung üben. Man entdeckt dann Gedanken wie: "Ich darf keine Fehler machen, sonst bin ich ein Versager." Bei genauerer Betrachtung stellen sie sich meist als irrational heraus und lösen sich in Wohlgefallen auf. Bei mehr Klärungsbedarf kann man auch professionelle Hilfe bei einem Verhaltenstherapeuten suchen. Phobisches Vermeidungsverhalten gilt als gut behandelbar und hat eine positive Prognose.

Sieben Hirnblockaden bei der Arbeit

Manche Gedankenmuster hindern Menschen, berufliche Ziele zu erreichen. Coach Petra Bock hat aufgeschrieben, wie man diese "Mindfucks" erkennen und loswerden kann. Von Sarah Schmidt mehr ...

Schwieriger wird es, wenn die Gesamtpersönlichkeit betroffen ist. Viele Klienten hatten als Kind wenig Gelegenheit herauszufinden, was für sie "richtig" oder "falsch" ist. Manche Eltern neigen zu der Annahme, dies besser beurteilen zu können als das Kind selbst. Je früher das geschieht, desto weitreichender sind die Folgen. Menschen, die von Anfang an in ihrem Wesen verbogen werden, können eine völlig falsche Vorstellung davon entwickeln, wer sie eigentlich sind. Sogenannte pflegeleichte Kinder haben es hier besonders schwer. Sie werden manchmal zum Abbild der Träume ihrer Eltern.

Um ein besseres Gefühl für sich selbst zu bekommen, helfen oft Erinnerungen an die Kindheit. Hier zeigt sich, wie Menschen in ihrem Wesen waren, bevor sie verbogen wurden. Wissen Sie noch, was Ihnen als Kind Freude gemacht hat? Wer könnte sich daran erinnern? Womit haben Sie sich beschäftigt? Wenn Ihnen partout nichts einfällt, was Sie als Kind gerne gemacht haben, benötigen Sie vermutlich professionelle Hilfe. Hier kann zum Beispiel eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie helfen, Licht ins Dunkel zu bringen.

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch ergänzen, dass hinter Freudlosigkeit auch eine handfeste Depression stecken kann. Eine meiner Klientinnen empfand erstmals nach einer Behandlung mit Antidepressiva, was Freude ist. Anschließend benötigte sie keine Beratung mehr. Wenn es bei Ihnen Hinweise für eine Depression geben sollte, suchen Sie zur diagnostischen Abklärung Ihren Hausarzt und einen Psychiater auf.

Haben Sie auch eine Frage zu Berufswahl, Bewerbung, Arbeitsrecht, Etikette oder Führungsstil? Schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere sechs Experten wählen einzelne Fragen aus und beantworten sie im Wechsel. Ihr Brief wird komplett anonymisiert.