Wenn Babys schreien Liebe statt Küchenpsychologie

Ein Baby, das schreit, braucht Hilfe

(Foto: monkeycz/iStockphoto)

Noch immer glauben viele Eltern, Schreien schade dem Säugling nicht. Doch die rigorose Einstellung, weinende Babys zu ignorieren, geht auf krude Empfehlungen aus der Nazizeit zurück.

Von Werner Bartens

Wenn Eltern von ihren Kindern Nacht für Nacht um den Schlaf gebracht werden, sind sie zu fast allem bereit. Sie werden erfinderisch und leichtgläubig - bevor sie verzweifeln. Ein beliebter Rat lautet, Kinder schreien zu lassen. Angereichert ist der mit schwarzer Pädagogik: Die Kinder würden nur aus Langeweile schreien und hätten durchschaut, dass sie mit dem Schreien erreichen, dass sich Mutter oder Vater sofort um sie kümmern. Zudem hätte es noch niemandem geschadet, wenn er als Kind eine Zeit lang hätte schreien müssen.

Diese Vermutungen sind alle falsch. Säuglinge können in den ersten Lebensmonaten nicht durchschlafen. Ihr Tag-Nacht-Rhythmus ist nicht ausreichend entwickelt, zudem reicht die Nahrung in den ersten Wochen oft nicht für die ganze Nacht.

Die meisten Säuglinge haben auch noch nicht gelernt, sich selbst zu beruhigen. Wie sie sich am besten ins Bett kuscheln oder den Daumen benutzen, lernen sie später. "Nach wie vor haben Eltern in Deutschland Angst, ihr Kind zu verwöhnen", sagt Karl Heinz Brisch, Chef der Psychosomatik am Haunerschen Kinderspital der Universität München. "Dabei weiß man, dass Kinder auf lange Sicht länger schreien, wenn sie erst warten müssen, anstatt dass die Eltern prompt auf ihr Schreien reagieren."

Der Rat von Ärzten ist eindeutig: Wenn Babys schreien, sollten Eltern sie umgehend beruhigen. "Schreien Kinder, ist das ein für Eltern deutlich zu lesendes Signal: Hier braucht es Achtsamkeit, Behutsamkeit und natürliches Interesse - schlicht Liebe", sagt Florian Heinen, Chef der Abteilung für Neuropädiatrie und kindliche Entwicklung am Haunerschen Kinderspital. "Was es nicht braucht, ist Verunsicherung der Eltern und Küchenpsychologie. Das hat nur negative Folgen."

Karl Heinz Brisch führt die rigorose Einstellung mancher Eltern auf krude Empfehlungen aus dem Dritten Reich zurück. "Das Buch von Johanna Haarer ,Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind' wurde von den Nazis jeder Mutter als Erziehungsratgeber an die Hand gegeben", sagt Brisch. Dort stehe klar: Wenn ein Baby gewickelt und gefüttert ist, legt man es in sein Bett und geht die ganze Nacht auf keinen Fall mehr ins Zimmer, sonst wird das Kind verwöhnt. Schreie das Kind, kräftige das die Lungen - Haarer war Lungenfachärztin.

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Heute weiß man, dass Kinder auf diese Weise frustriert werden. "Sie lernen früh, auf ein Notfallprogramm im Gehirn umzuschalten, das analog dem Totstellreflex bei Tieren dem Überleben in absoluter Todesbedrohung dient", sagt Brisch. Das Gehirn entwickelt sich nicht gut, und das Kind lernt nicht, mit Stress umzugehen.

"Kinder brauchen verlässliche körperliche Nähe, um seelische Grundbedürfnisse zu befriedigen und Stress abzubauen", sagt Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in Bayern. "Nur dann können sie sichere, vertrauensvolle Bindungen zu den Eltern und später zu anderen Menschen aufbauen." In einem bundesweit angebotenen Kurs bringen Brisch und sein Team Eltern bei, feinfühlig auf die Signale ihres Kindes einzugehen. Heinen sagt, worauf es ankommt: "Wir würden gerne elterliches Selbstvertrauen verordnen, nicht elterliche Überreflexion."

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