Übergewicht Mediziner diskutieren über Magenverkleinerung bei Teenagern

Ein Arzt rät beim Kongress der Kinderchirurgen, fettleibigen Jugendlichen den Magen zu verkleinern. Doch der Griff zum Skalpell birgt bei Heranwachsenden gleich mehrere Unwägbarkeiten.

Von Christina Berndt

Ab 35 geht nichts mehr. Wenn der Body-Mass-Index (BMI) erst solche Höhen erreicht hat, meint der Kinderchirurg Philipp Szavay, dann kann dicken Kindern nur noch das Skalpell helfen. Ein BMI von 35, das sind knapp 80 Kilogramm bei einer Größe von 1,50 Metern: Eine Magenverkleinerung sei bei solcher krankhaften Fettleibigkeit die einzige Chance für mehr Lebensqualität, sagte der Chefarzt am Kantonsspital im schweizerischen Luzern am Montag auf dem Weltkongress der Kinderchirurgen in Berlin und betonte: "Wenn Ernährungsumstellung und Sport keinen Erfolg zeigen, wiegen diese Kinder sonst mit 20 Jahren 200 Kilo."

Ein Mehr an Lebensqualität, das wäre für die meisten XXXL-Jugendlichen zweifelsohne ein Segen: Während andere Teenager die Welt entdecken, graben sich junge Menschen mit Fettsucht oft zu Hause ein. In der virtuellen Welt auf dem Computerbildschirm kann man attraktiv, wendig und stark sein, auch wenn einem sonst bei jedem Schritt die überflüssigen Kilos behindern und wenn jeder Gang zum Supermarkt zur Tortur wird, weil immer irgendjemand glotzt und lästert.

Und so gibt es beim Chat in den Weiten des Internets wenigstens eine Chance auf einen Flirt, während dem ersten Kuss im echten Leben nicht nur die eigene Optik, sondern meist auch ein geschundenes Selbstbewusstsein im Wege steht. Etwa jedes 40. deutsche Schulkind gilt als schwerst übergewichtig - und der Anteil wächst noch immer, während die Zahl gewöhnlich dicker Kinder inzwischen etwas rückläufig ist.

So könne die Operation Magenverkleinerung nicht nur das Leben der Schwerstbetroffenen verschönern, sondern auch verlängern, betonte Szavay. Viele fettleibige Kinder leiden bereits unter Bluthochdruck und Gelenkproblemen - Herzinfarkt und Diabetes drohen noch. Wenn Chirurgen den Magen verkleinern, könnten die Heranwachsenden dagegen schon binnen eines Jahres viele Kilogramm abnehmen, ihre Lebenserwartung steige unmittelbar. "In diesem jungen Alter können wir die Weichen noch stellen", lautet sein Appell.

Mit Skepsis betrachten Kinderärzte dagegen das schneidige Auftreten der Kinderchirurgen. Eine Operation sei auch bei extremer Fettleibigkeit "nur das allerallerletzte Mittel", sagt Wolfram Hartmann, der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Hartmann räumt ein, dass Kuren bei den schwerst fettleibigen Kindern oft nicht erfolgreich sind. "Eine grundlegende Änderung des Essverhaltens kann man eben am besten im Vorschulalter bewirken", sagt er.

Folge-OPs werden oft nötig

Aber auch mit dem Skalpell ist die Sache nicht unbedingt geritzt. Schließlich behandeln Chirurgen nicht die - oft psychischen oder neurophysiologischen - Ursachen der Fettleibigkeit, sondern nur deren Erscheinungsbild. Oft sind Nachoperationen erforderlich, weil sich gerade bei Jugendlichen der Magen leicht wieder ausdehnt, wenn er weiterhin mit Riesenportionen gefüttert wird. Außerdem seien die Langzeitfolgen bei jungen Menschen noch völlig unklar, warnt sagt Susanna Wiegand von der Kinderklinik der Charité, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft für Adipositas im Kinder- und Jugendalter.

Denn durch das gedrosselte Magenvolumen wird nicht nur das Wachstum in der Horizontalen gebremst - sondern auch das in der Vertikalen. Das liegt daran, dass der Körper mit weniger Essen zwangsläufig auch weniger wertvolle Inhaltsstoffe zu sich nimmt. "Ein jugendlicher Körper benötigt nun einmal mehr Nährstoffe", sagt Wiegand. "Ein Mangel daran kann die biologische Reifeentwicklung ebenso beeinträchtigen wie die Hirnentwicklung."

Eine Operation kommt aus Wiegands Sicht bei Jugendlichen deshalb nur in Betracht, wenn alle anderen Maßnahmen nicht gefruchtet haben. Im Zweifelsfall plädiert die Pädiaterin auch für eine längere Unterbringung außerhalb des häuslichen Umfelds, in dem die Kinder so dick geworden sind. Notfalls gebe es auch noch die Möglichkeit zu einem Heimaufenthalt, wenn eine Kur nicht reiche: "Jedenfalls sollten wir nicht so leicht aufgeben", sagt Wiegand. "Die Chirurgie ist nicht das einzige, was Jugendlichen helfen kann, viel abzunehmen."