Späte Vaterschaft Alte Väter, kranke Kinder?

Je später eine Frau Nachwuchs bekommt, desto größer sind die gesundheitlichen Risiken für das Kind. Doch auch wenn der Vater älter ist, sind die Kinder gefährdet. Wissenschaftlern zufolge stehen weit mehr Erkrankungen als bisher gedacht im Zusammenhang mit dem fortgeschrittenen Alter des Vaters.

Von Moritz Pompl

In dem Film "Buena Vista Social Club" erzählt der seinerzeit 90-jährige Gitarrist Compay Segundo stolz von seinen fünf Kindern. "Im Moment setze ich alles daran, noch ein sechstes zu bekommen", fügt der Kubaner mit einem verschmitzten Lächeln hinzu. Was der legendäre Musiker vermutlich nicht wusste: Der neuerliche Nachwuchs hätte ein höheres Risiko, an einer schweren Erkrankung zu leiden. Denn immer mehr Studien erhärten eine im Grunde einleuchtende Theorie: Je älter der Vater bei der Zeugung ist, desto eher kommt sein Kind ungesund zur Welt oder erkrankt im Laufe seines Lebens. Und auch für die Mutter kann die Schwangerschaft offenbar gefährlicher sein, wenn der Vater nicht mehr der Jüngste ist. Doch wie groß ist die Gefahr für Mutter und Kind tatsächlich?

Gemeinhin wird angenommen, dass Männer ein Leben lang Kinder bekommen können, Frauen aber nicht. Und in der Tat - während Männer bis ins hohe Alter Spermien produzieren, versiegt bei der Frau mit den Wechseljahren der Vorrat an Eizellen. Außerdem häufen sich kindliche Erkrankungen mit steigendem mütterlichen Alter.

Das Risiko für eine Trisomie 21 - auch als Down-Syndrom bekannt - liegt für Kinder von 25-jährigen Müttern bei eins zu 1000. Bei 40-jährigen Gebärenden aber ist bereits jedes hundertste Kind betroffen, und bei 48-jährigen fast jedes Zehnte. Der Grund: Bereits im Jugendalter ist der gesamte Vorrat an Eizellen angelegt. Wenn es zur Befruchtung kommt, kann eine Eizelle also schon mehrere Jahrzehnte alt sein - mit einem entsprechend erhöhten Risiko für genetische Veränderungen und einer fehlerhaften Verteilung der erbguttragenden Chromosomen.

Die Probleme beginnen im Mutterleib

Aber auch beim Mann treten mit fortschreitendem Alter vermehrt genetische Defekte auf. Etwa 600 Zellteilungen hat eine Stammzelle bereits durchgemacht, die bei einem 50-Jährigen die Spermien bildet. Und "mit jeder weiteren Teilung steigt die Gefahr punktueller Fehlerbildungen im Erbgut", sagt Peter Propping, Humangenetiker an der Universität Bonn und Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Humangenetik. Gleichzeitig versagen mit zunehmendem Alter immer häufiger die zellulären Reparaturmechanismen, die normalerweise solche Fehler beheben. "Damit steigt bei älteren Vätern das Risiko für Krankheiten, die auf einer solchen Punktmutation beruhen, um den Faktor zwei bis vier", sagt Propping.

Zu diesen Erkrankungen zählt die sogenannte Chondrodysplasie, eine Fehlbildung des Skeletts mit Zwergwuchs, und auch das Apert-Syndrom, das mit Verformungen des Schädelknochens einhergeht. Auch ein bösartiger Tumor der lichtempfindlichen Netzhaut des Auges, das sogenannte Retinoblastom, ist auf eine solche Punktmutation im Erbgut zurückzuführen. Gleiches gilt für das Marfan-Syndrom, bei dem die Betroffenen hochgewachsen sind, lange, dünne Finger haben und stärker gefährdet sind, an einem plötzlichen Riss der Hauptschlagader zu sterben. Und auch eine seltene Verknöcherung der Muskulatur ist auf eine derartige Mutation zurückzuführen. Die Häufung dieser Erkrankungen bei den Kindern älterer Väter erklärt auch, warum für Samenspender in den meisten Ländern strenge Auflagen gelten: Nicht älter als 40 Jahre darf ein solcher Spender sein.

Mittlerweile erkennen Wissenschaftler, dass weit mehr Erkrankungen als bisher gedacht im Zusammenhang mit einem fortgeschrittenen Alter des Vaters stehen - auch wenn die Leiden insgesamt recht selten vorkommen. Sind die Väter älter als 40, so können die Probleme offenbar bereits im Mutterleib beginnen: Ein Forscherteam der New York Medical School hat beobachtet, dass Mütter unabhängig von ihrem eigenen Alter etwas häufiger an Schwangerschafts-Bluthochdruck litten, je älter ihr Mann war. Frauen mit dieser Erkrankung müssen meist im Krankenhaus überwacht werden, weil bei einer Verschlimmerung die Nieren der Mutter versagen können, innere Blutungen auftreten und das Kind im Mutterleib ersticken kann. Auch das Risiko einer Fehlgeburt war in der untersuchten Gruppe leicht erhöht.

Mediziner der dänischen Universität Aarhus konnten zudem zeigen, dass das Risiko für eine sehr frühe Geburt vor der 32. Schwangerschaftswoche doppelt so hoch lag, wenn die Väter die 50 Jahre schon überschritten hatten. Als Vergleich dienten Väter, die jünger als 25 waren. Für Kinder kann eine Frühgeburt folgenschwer sein: Sie leiden häufiger als die zum regulären Termin geborenen Kinder an Atemwegserkrankungen, an Herzrhythmusstörungen oder Hirnblutungen. Ihr Risiko, das erste Lebensjahr nicht zu überstehen, ist doppelt so hoch, schreiben die dänischen Mediziner.