Sozialpsychologie Wie Lob Menschen aus der Krise hilft

Jürgen Klopp (l), Trainer vom FC Liverpool, umarmt zur Begrüßung Mauricio Pochettino.

(Foto: dpa)

Geld nutzt sich als Belohnung schnell ab, entscheidend ist die Wertschätzung. Fehlt diese, sinkt die Leistung. Auch die von steinreichen Fußballspielern.

Von Werner Bartens

Gesehen werden und sich gemeint fühlen, darum geht es. Nicht nur geknechtete Kreaturen und kleine Angestellte, sondern auch Großverdiener und High-Performer - ja, sogar Chefs - brauchen Anerkennung, sonst bauen sie ab. Zu beobachten war das vergangene Saison an den Bayern-Spielern Thomas Müller und Arturo Vidal. Der Ex-Raumdeuter Müller schlich verloren zwischen den Strafräumen hin und her und erfüllte hauptsächlich das Mandat als Heimatvertreter des FC Bayern. Vidal gab statt des kämpferischen Kriegers den bemalten, traurigen Veteranen, der mit sich und diversen irdischen Verlockungen haderte.

Dann kam im Oktober Spielerflüsterer Jupp Heynckes und muss eine Art Blitzheilung am Gemüt vollzogen haben. Vidal grätscht, rackert und schimpft wieder, dass es dem Bayern-Fan eine Freude ist und den Gegner graust. Sogar die Tattoos scheinen jetzt strammer zu sitzen. Und Müller stochert wieder mit Stelzenbeinen groteske Tore zusammen und widerlegt Statik und Anatomie. Beim 5:0 gegen Beşiktaş Istanbul in der Champions League spielte er überragend.

Auf halber Strecke

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"Es geht um die richtige Balance zwischen Anstrengung und Anerkennung", sagt Peter Henningsen, Chef der Psychosomatik an der TU München. "Wenn diese Balance nicht stimmt, kann es zur Gratifikationskrise kommen. Menschen fühlen sich nicht genügend gewürdigt, und dann sinkt nicht nur ihre Leistung, sondern auch die Wahrscheinlichkeit von Erkrankungen steigt an."

"Zu spüren, der glaubt an mich, überträgt sich"

Anerkennung ist keineswegs nur materiell gemeint. Bei Psychologen und Ärzten für Psychosomatik finden sich etliche Patienten mit unklaren Beschwerden, die sich nicht genügend wahrgenommen vorkommen. Geld nutzt sich als Belohnung rasch ab, auch in den Gehaltsklassen der Fußballer, entscheidend ist die Wertschätzung. "Ich halte ihn für einen überragenden Spieler", hat Heynckes jüngst über Vidal gesagt und "das ist eben Müller - er kann's", über den Schlaks aus Pähl, nachdem der am Dienstag zweimal gegen Istanbul getroffen hatte.

Die Wertschätzung ist gegenseitig. Müller schwärmt vom "besten Mann an der Seitenlinie" und meint damit nicht den Schiedsrichterassistenten. "Der Mensch ist ein soziales Wesen. Seine Einstellung zu sich selbst hängt davon ab, was wichtige andere über ihn denken und sagen", sagt Sozialpsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Zu spüren, der glaubt an mich, überträgt sich, das Selbstvertrauen steigt, weil der andere meinen Fähigkeiten vertraut." Daraus folgt der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit: Ich kann es eigentlich, versuche es noch mal, strenge mich an. Werden auch Misserfolge akzeptiert, steigen Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen.

"Die Anerkennung muss so gestaltet sein, dass sich jeder individuell erkannt fühlt", sagt Chefarzt Henningsen. "Ist das gut gemacht, muss die Wertschätzung nicht für jeden anders sein, aber individuelle Ausformungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, sich gemeint zu fühlen." Das Lob ist von dem am wichtigsten, dessen Urteil man für besonders relevant hält. Es wirkt daher stärker, wenn es vom Trainer, Lehrer oder sogar vom Chef kommt.

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