Organspende-Skandal Wie der Internist Messwerte manipulierte

"Bei der Entscheidung zur Transplantation spielt der Internist die entscheidende Rolle. Er erhebt die Befunde und trifft die Entscheidung", sagt ein Kenner der Transplantationsmedizin. Diese Stellung hat ein Göttinger Arzt offenbar ausgenutzt.

Von Christina Berndt

Der Transplanationsskandal in Göttingen hat sich ausgeweitet. Das Universitätsklinikum hat einen Internisten beurlaubt, der seit 20 Jahren Abteilungsleiter ist. In dieser Zeit sei er nie negativ aufgefallen, sagte Kliniksprecher Stefan Weller der SZ. Nun kamen die Ermittler nicht mehr an ihm vorbei. Zu ungeschickt hatte er sich - nach dem, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft - beim Manipulieren von Patientendaten angestellt. Der auf Gastroenterologie (also den Magen-Darm-Trakt) spezialisierte Arzt bestreitet die Vorwürfe, doch die Indizien wiegen schwer.

Verdächtig oft hatte seine Sekretärin im Labor Blutwerte löschen lassen, die in der Abteilung gemessen worden waren. Ohnehin waren die Werte inkonsistent und zum Teil absurd schnell angestiegen, wie sich bei ihrer Überprüfung herausstellte. So kamen die Patienten auf einen hohen Meld-Score. Dieser bedeutet, dass der Patient ohne ein neues Organ bald sterben wird. Er bedeutet aber auch, dass der Patient ganz oben auf der Warteliste steht und möglichst bald ein passendes Organ bekommt.

Weil die Leber- und Nierenwerte der Patienten so wichtig sind, arbeiten Chirurgen in der Transplantationsmedizin eng mit Internisten zusammen. Insider hatten schon lange einen Verdacht: "Bei der Entscheidung zur Transplantation spielt der Internist die entscheidende Rolle. Er erhebt die Befunde und trifft die Entscheidung", teilte ein Kenner der Szene der SZ mit.

Die Gedankenwelt des jetzt beurlaubten Arztes hatte sich schon vor Jahren innerhalb der Leberkommission der Deutschen Transplantationsgesellschaft offenbart. "Jetzt wundert mich gar nichts mehr", sagte ein ehemaliges Mitglied der SZ: Vehement habe sich der verdächtige Leberspezialist gegen den Meld-Score eingesetzt. Vor dessen Einführung im Jahr 2006 oblag es vornehmlich der Einschätzung der behandelnden Ärzte, wie dringlich sie die Organspende für ihre Patienten machten. Der Score aber sollte Transparenz, Objektivität und somit auch Gerechtigkeit in das System bringen. Der nun verdächtige Gastroenterologe habe sich "immer wieder darüber ausgelassen, was für ein schlechtes Instrument der Score sei", so das Kommissionsmitglied. "Und außerdem sei er ja so leicht zu manipulieren."