Organspende-Skandal Im Schnellverfahren zum Spenderorgan

Wenn Herzen und Lebern nicht über die Warteliste vermittelt werden, kann das völlig korrekt sein. Doch diese Praxis hat stark zugenommen. Die Opposition hält das System für manipulationsanfällig, der Präsident der Bundesärztekammer ist irritiert.

Von Nina von Hardenberg und Christina Berndt

Nach dem Transplantationsskandal in Göttingen und Regensburg wächst die Kritik an den Regeln der Organvergabe in Deutschland. Abgeordnete der Opposition zeigten sich irritiert darüber, dass eine große Zahl von Organen an der Warteliste vorbei vermittelt würden.

Dies ist immer dann der Fall, wenn der Verlust des Spenderorgans droht. Dann wird das Organ nicht mehr einem Patienten zugeordnet, sondern im "beschleunigten Vermittlungsverfahren" an ein Zentrum vergeben, welches selbst einen Patienten auswählen darf.

Diese Praxis hat in der Vergangenheit stark zugenommen, wie die Frankfurter Rundschau am Dienstag berichtete. Die Opposition witterte dahinter Ungereimtheiten und Manipulationen.

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, gestand ein, dass ihn die starke Zunahme irritiere. Man habe das Schnellverfahren zwar bewusst erleichtert. Der Sonderfall dürfe aber nicht zum Regelfall werden. "Wir müssen diskutieren, ob das Verfahren auf den Prüfstand gestellt werden muss", sagte Montgomery der Süddeutschen Zeitung. Das größte deutsche Transplantationszentrum für Herzen in Bad Oeynhausen verteidigte dagegen das Vorgehen und warnte davor, die Menschen weiter zu verunsichern.

Organe werden in Deutschland normalerweise über die Warteliste der Organ-Vermittlungsstelle Eurotransplant vergeben. Oben auf der Liste stehen die Patienten, die ein Organ am dringendsten benötigen, weil sie ohne eine Spende nicht mehr lange weiterleben können. Doch es gibt noch einen zweiten Weg, Organe zu verteilen: Immer wieder bietet Eurotransplant auch Organe an, bei denen viele Kliniken dankend ablehnen - etwa weil der Spender schon alt oder krank war.

Auch bei solchen Organen wird aber zunächst versucht, sie einem Patienten zu vermitteln. Eurotransplant fragt je nach Art des Organs zwischen drei und fünf Kliniken, ob sie das Organ für ihren oben auf der Warteliste stehenden Patienten haben wollen. Erfolgt stets eine Ablehnung, wird das Organ zur beschleunigten Vermittlung freigegeben. Bei Herzen dürfen dann alle Kliniken im Umkreis von 150 Kilometern von dem Entnahmekrankenhaus ihr Interesse bekunden. Wer am schnellsten ist, bekommt den Zuschlag.

Ziel ist es, dass die Organe nicht "verworfen" werden müssen, sondern noch einem Bedürftigen zugutekommen, erläuterte Eurotransplant-Präsident Bruno Meiser im Gespräch mit der SZ. Denn auch Organe, die vielleicht nicht für einen jungen Menschen geeignet sind, können anderen, auch schwerkranken Patienten noch Lebensjahre schenken, so Meiser.

In den vergangenen Jahren hat die Vermittlung von Spenderorganen über diesen Weg jedoch stark zugenommen. Dies geht aus der Antwort auf eine Frage des Grünen-Gesundheitsexperten Harald Terpe an die Bundesregierung hervor. Demnach wurde in diesem Jahr jedes vierte gespendete Herz im Schnellverfahren vergeben, 2002 waren es noch 8,4 Prozent.

Bei den Lungen und Lebern lag der Anteil 2012 sogar bei 30,3 und 37,1 Prozent, auch hier war zehn Jahre zuvor nur etwa jedes zehnte Organ außerhalb der Warteliste vergeben worden. Am größten ist der Anteil der beschleunigt vermittelten Organe bei den Bauchspeicheldrüsen - er lag 2012 bei 43,7 Prozent. Dies dürfte aber auch daran liegen, dass die Ärztekammer 2011 die Regeln der Organvergabe geändert hat. Seither dürfen Bauchspeicheldrüsen von übergewichtigen Spendern, die älter als 50 Jahre sind, direkt regional angeboten werden.

Die beschleunigte Vermittlung muss das Ausnahmeverfahren bleiben", sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Eine so hohe Zahl sei für ihn medizinisch nicht erklärbar. Auch Terpe forderte mehr Transparenz. "Wir müssen ein System schaffen, das für Manipulationen möglichst wenig anfällig ist", sagte er. Derzeit könnten Kliniken, die Spenderorgane entnehmen, einen Anreiz haben, diese gegenüber Eurotransplant schlechter darzustellen, als sie sind; wenn andere Zentren diese Organe dann abgelehnt haben, könnten sie sie selbst transplantieren.

Jan Gummert, Chefarzt am Herzzentrum in Bad Oeynhausen, wies diesen Vorwurf zurück. Grund für die häufige Schnellvergabe der Organe sei schlicht, dass sie wegen der immer älter werdenden Spender oft abgelehnt würden. "Der Mangel an Spendern ist so groß, dass immer kränkere Organe angeboten werden", sagte Gummert. "Wir akzeptieren inzwischen Herzen, bei denen wir gleich bei der Transplantation einen Bypass legen müssen." Er appellierte an die Bevölkerung, mehr Organe zu spenden. Dann gäbe es auch weniger beschleunigte Vermittlung.