Ökologische Landwirtschaft Studie entlarvt Bio-Mythos

Viele Kunden kaufen ökologisch erzeugte Lebensmittel, weil sie diese für gesünder halten. Doch die bisher umfassendste Analyse zum Thema zeigt: Bio-Ware unterscheidet sich hier kaum von konventioneller. Anders sieht es mit dem Nutzen für Umwelt und Tiere aus.

Von Sebastian Herrmann

Vielen Bio-Kunden geht es um die inneren Werte. Sie interessiert, was in einem Brokkoli, einem Liter Milch, einem Schnitzel oder anderen Produkten steckt, die nach den Anforderungen ökologischer Erzeugung hergestellt wurden. Diese Kunden verhalten sich wie verliebte Menschen: Sie sehen und erwarten nur das Bestmögliche von Bio-Lebensmitteln, mehr Vitamine, mehr Mineralstoffe, mehr Gutes für die Gesundheit. Daraus entsteht eine weit verbreitete Haltung: Bio-Lebensmittel sind gesünder als konventionelle.

Bio-Produkte nutzen der Umwelt, aber nicht der Gesundheit, sagen US-Wissenschaftler.

(Foto: lok/Robert Haas)

Ob das tatsächlich stimmt, wird seit Jahren diskutiert. Forscher um Dena Bravata von der Universität Stanford legen nun die bisher umfangreichste Analyse zu dem Thema vor (Annals of Internal Medicine, Bd. 157, S. 349, 2012). Nach der Analyse Hunderter Studien aus den vergangenen Jahrzehnten kommen sie zu einem deutlichen Ergebnis: "Es bestehen kaum Unterschiede zwischen biologisch und konventionell erzeugten Lebensmitteln." Wenn die Motivation die Gesundheit ist, sei es egal, wie man sich entscheidet.

Die Hauptautorin Bravata zog den Ansporn für die wissenschaftliche Fleißarbeit aus ihren alltäglichen Erfahrungen. Regelmäßig tauchten Patienten mit einer Frage bei der Medizinerin auf: Ist es gesünder und ratsam, nur noch Bio-Lebensmittel zu essen? Sie wusste keine klare Antwort, und ihre Recherchen ergaben zunächst auch kein eindeutiges Bild.

Die Studien waren widersprüchlich, oft von zweifelhafter Qualität und ein methodisch guter Überblick zum Forschungsstand existierte bis dato nicht. "Die Zeit war reif, diese Frage endlich systematisch anzugehen", sagt Co-Autorin Crystal Smith-Spangler von der Universität Stanford.

Die Wissenschaftler werteten nun medizinische und wissenschaftliche Datenbanken aus und wühlten sich für ihre Arbeit durch Tausende einzelne Studien, die zwischen 1966 und 2011 in zig Fachjournalen veröffentlicht worden waren. Zuvor hatten Bravata und ihre Kollegen Qualitätskriterien festgelegt, nach denen sie die Studien bewerteten und bestimmten, ob deren Daten in die endgültige Auswertung aufgenommen wurden. In die Meta-Analyse eingeflossen sind schließlich 237 Studien, von denen sich 223 mit Inhaltsstoffen, Pestizidbelastung und der Gefahr durch natürliche Toxine beschäftigen.

Nur 17 Untersuchungen verglichen Menschen, die sich unterschiedlich ernährten - diese Studien waren zudem von mäßiger Aussagekraft, berichten die Autoren. Und langfristig angelegte Studien von hoher methodischer Qualität, in denen die Gesundheit von Menschen verglichen werden, die sich nur von Bio-Lebensmitteln oder konventioneller Kost ernähren, gebe es bislang nicht.

Die Diskussion beschränkt sich deshalb weitgehend auf Indizien - Inhaltsstoffe, die als gesund gelten. Zum Beispiel beim Vitamingehalt gebe es jedoch keinen signifikanten Unterschied zwischen Bio-Waren und konventionell erzeugten Lebensmitteln, schreiben die Autoren um Bravata. Deutliche Unterschiede zwischen Nahrungsmitteln unterschiedlicher Herstellung konnten die Wissenschaftler nur für Phosphor ausmachen. Pflanzliche Lebensmittel aus biologischer Herstellung enthalten im Schnitt mehr davon, doch das sei klinisch kaum relevant, so die Autoren.