Süddeutsche Zeitung

Ökologische Landwirtschaft:Studie entlarvt Bio-Mythos

Lesezeit: 4 min

Viele Kunden kaufen ökologisch erzeugte Lebensmittel, weil sie diese für gesünder halten. Doch die bisher umfassendste Analyse zum Thema zeigt: Bio-Ware unterscheidet sich hier kaum von konventioneller. Anders sieht es mit dem Nutzen für Umwelt und Tiere aus.

Sebastian Herrmann

Vielen Bio-Kunden geht es um die inneren Werte. Sie interessiert, was in einem Brokkoli, einem Liter Milch, einem Schnitzel oder anderen Produkten steckt, die nach den Anforderungen ökologischer Erzeugung hergestellt wurden. Diese Kunden verhalten sich wie verliebte Menschen: Sie sehen und erwarten nur das Bestmögliche von Bio-Lebensmitteln, mehr Vitamine, mehr Mineralstoffe, mehr Gutes für die Gesundheit. Daraus entsteht eine weit verbreitete Haltung: Bio-Lebensmittel sind gesünder als konventionelle.

Ob das tatsächlich stimmt, wird seit Jahren diskutiert. Forscher um Dena Bravata von der Universität Stanford legen nun die bisher umfangreichste Analyse zu dem Thema vor (Annals of Internal Medicine, Bd. 157, S. 349, 2012). Nach der Analyse Hunderter Studien aus den vergangenen Jahrzehnten kommen sie zu einem deutlichen Ergebnis: "Es bestehen kaum Unterschiede zwischen biologisch und konventionell erzeugten Lebensmitteln." Wenn die Motivation die Gesundheit ist, sei es egal, wie man sich entscheidet.

Die Hauptautorin Bravata zog den Ansporn für die wissenschaftliche Fleißarbeit aus ihren alltäglichen Erfahrungen. Regelmäßig tauchten Patienten mit einer Frage bei der Medizinerin auf: Ist es gesünder und ratsam, nur noch Bio-Lebensmittel zu essen? Sie wusste keine klare Antwort, und ihre Recherchen ergaben zunächst auch kein eindeutiges Bild.

Die Studien waren widersprüchlich, oft von zweifelhafter Qualität und ein methodisch guter Überblick zum Forschungsstand existierte bis dato nicht. "Die Zeit war reif, diese Frage endlich systematisch anzugehen", sagt Co-Autorin Crystal Smith-Spangler von der Universität Stanford.

Die Wissenschaftler werteten nun medizinische und wissenschaftliche Datenbanken aus und wühlten sich für ihre Arbeit durch Tausende einzelne Studien, die zwischen 1966 und 2011 in zig Fachjournalen veröffentlicht worden waren. Zuvor hatten Bravata und ihre Kollegen Qualitätskriterien festgelegt, nach denen sie die Studien bewerteten und bestimmten, ob deren Daten in die endgültige Auswertung aufgenommen wurden. In die Meta-Analyse eingeflossen sind schließlich 237 Studien, von denen sich 223 mit Inhaltsstoffen, Pestizidbelastung und der Gefahr durch natürliche Toxine beschäftigen.

Nur 17 Untersuchungen verglichen Menschen, die sich unterschiedlich ernährten - diese Studien waren zudem von mäßiger Aussagekraft, berichten die Autoren. Und langfristig angelegte Studien von hoher methodischer Qualität, in denen die Gesundheit von Menschen verglichen werden, die sich nur von Bio-Lebensmitteln oder konventioneller Kost ernähren, gebe es bislang nicht.

Die Diskussion beschränkt sich deshalb weitgehend auf Indizien - Inhaltsstoffe, die als gesund gelten. Zum Beispiel beim Vitamingehalt gebe es jedoch keinen signifikanten Unterschied zwischen Bio-Waren und konventionell erzeugten Lebensmitteln, schreiben die Autoren um Bravata. Deutliche Unterschiede zwischen Nahrungsmitteln unterschiedlicher Herstellung konnten die Wissenschaftler nur für Phosphor ausmachen. Pflanzliche Lebensmittel aus biologischer Herstellung enthalten im Schnitt mehr davon, doch das sei klinisch kaum relevant, so die Autoren.

"Wir waren ein bisschen erstaunt"

Im Klartext heißt das: Phosphor-Mangel stellt kein verbreitetes Problem dar, und ein höherer Anteil des Stoffes in der Nahrung ist deshalb kein offensichtlicher Vorteil. Die Studienlage zu konventionell und biologisch erzeugter Milch ergab ebenfalls kaum eindeutige Differenzen. Beim Protein- und Fettgehalt fanden sich keine Unterschiede. Jedoch lege eine kleine Zahl von Studien nahe, dass in Bio-Milch mehr Omega-3-Fettsäuren enthalten sein könnten, berichten Bravata und ihre Kollegen. Die Unterschiede scheinen dennoch marginal oder irrelevant zu sein. "Wir waren ein bisschen erstaunt, dass wir nichts gefunden haben", kommentiert Smith-Spangler.

Vielleicht steckt nicht signifikant mehr Gutes in Bio-Lebensmitteln - aber vielleicht enthalten sie dafür weniger unerwünschte Stoffe als herkömmliche Ware? Abermals sind die Unterschiede geringer als gemeinhin angenommen. Die Belastung mit E.-coli-Bakterien zum Beispiel liegt laut der Analyse auf einem vergleichbaren Niveau. Auch bei Salmonellen oder Campylobacter-Bakterien ergab sich kein Unterschied zwischen den Herstellungsarten. Unterschiede zeigten sich hingegen bei Pestizidrückständen, die auf Bio-Ware seltener oder in geringerer Menge zu finden sind.

Doch sogar sie ist nicht zu 100 Prozent unbelastet. In sieben Prozent der Bio-Proben ließen sich Pestizid-Rückstände nachweisen, bei konventionellen Proben lag die Rate bei 38 Prozent. Zunächst klingt das nach einem gravierenden Unterschied - konkrete Auswirkungen auf die Gesundheit lassen sich aber auch davon kaum ableiten, die Rückstände lagen alle unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte.

So ist auch die Interpretation von zwei Studien fraglich, für die Pestizid-Rückstände im Urin von Kindern gemessen wurden, die sich herkömmlich oder ökologisch ernährten. In der Bio-Gruppe fanden die Forscher jeweils weniger Spuren von Pflanzenschutzmitteln. Doch in allen Gruppen lagen die Rückstände unterhalb der Grenzwerte. Schweinefleisch und Hühnchen aus Bio-Betrieben waren zudem etwas geringer mit antibiotikaresistenten Keimen belastet.

All das klingt zwar nach deutlichen Vorteilen für Bio-Lebensmittel. Doch die Forscher schränken ein: Es sei unklar, wie relevant die Ergebnisse sind. Denn ob sich Frauen während einer Schwangerschaft nur mit Bio-Lebensmitteln ernähren, scheint laut zwei Studien für die Gesundheit der Kinder keine Rolle zu spielen.

Die Unterschiede sind marginal, die Auswirkungen auf die Gesundheit bestenfalls unklar - sollte man sich dann nicht das Geld für die meist teureren Bio-Produkte sparen? "Wenn man die Frage nach der Gesundheit außer Acht lässt, gibt es immer noch zahlreiche Gründe, Bio-Produkte zu kaufen", sagt Bravata.

Da in der Öko-Landwirtschaft auf synthetischen Dünger und die meisten Pestizide verzichtet werde, sollten vielmehr die Sorge um die Umwelt ein Grund für Kunden sein, im Bio-Markt einzukaufen. Auch das Wohlergehen von Nutztieren sei ein starkes Argument für Bio-Ware. Und wer sich doch um seine eigene Gesundheit sorge, der solle seinen Ernährungsstil überdenken und mehr Obst und Gemüse essen - "egal wie diese erzeugt worden sind", sagt Smith-Spangler.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1458076
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 04.09.2012/mcs
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.