Kindsentwicklung Vermessene Kindheit

Manche Kinder sind kleiner oder langsamer als andere. Doch die Angst vor einer gestörten Entwicklung ist weit verbreitet.

(Foto: Anne Wirtz/Picture Press)

Sollte das Baby nicht schon größer, schneller, weiter sein? Der Nachwuchs wird geprüft und problematisiert. Dabei taugen die meisten Tests gar nichts.

Von Boris Hänssler

Die kleine Linda wirkte eigentlich wie ein glückliches Baby. Das Mädchen lächelte viel, beobachtete höchst aufmerksam das familiäre Treiben und aß brav seinen Brei. Vater und Mutter aber machten sich Sorgen, und zwar seit Lindas Geburt. Denn bei jedem Test blieb das liebe Wesen unterm Durchschnitt. Als sie älter wurde, wollte Linda weder laufen noch sprechen wie die anderen Kinder. Und obwohl sie glücklich wirkte, war Linda nun vor allem eines: ein Problem.

Ehe ein Kind seinen sechsten Geburtstag feiert, bekommt es mindestens zehn Vorsorge-Untersuchungen. Im zugehörigen Heft stellen Kurven das altersgerechte Gewicht und die Größe dar - mit Maximal- und Minimalwert, die sofort zeigen, ob das eigene Kind der Norm entspricht. Eltern erfahren in jährlichen Entwicklungsgesprächen mit Erziehern, ob der Sprössling auffallend schüchtern oder motorisch eingeschränkt ist. Vor dem ersten Schuljahr kommt dann noch die Schuleingangsuntersuchung. Wer drei Kinder hat, wird vor deren Einschulung insgesamt 45-mal von Erziehern, Lehrern und Ärzten darüber unterrichtet, wie die Kinder im Vergleich zu anderen abschneiden.

Neue Apps vergleichen Babys in Echtzeit mit anderen Kindern in der Datenbank

Die Botschaft ist klar: Es gilt, etwas zu unternehmen, falls das Kind auffällt. Viele verunsicherte Mütter und Väter haben diesen Auftrag aber bereits so gut angenommen, dass sie mit ihrem Smartphone sogar die Zeit zwischen den Screenings überwachen. Die App "BabyConnect" zum Beispiel hält den Alltag der Kinder in Zahlen fest. Die typische Bilanz eines Tages lautet dann: Das Kind wurde achtmal gestillt und sechsmal gewickelt (dreimal war die Windel nass, einmal voll, zweimal beides). Das Kind war eine halbe Stunde fröhlich, es hat gelacht, weinte dreimal, krabbelte und rollte sich. Schlafphase, Größe, Gewicht, Kopfumfang, Körpertemperatur - alles landet in einer Timeline. Die App synchronisiert die Daten automatisch, sodass beide Eltern auf dem Laufenden sind.

Die US-Journalistin Anna Prushinskaya stellte nach einem mehrwöchigen Selbsttest fest: "Meine Beziehung zu dem Baby ist mechanisiert." Sie habe ständig das Gefühl, sie beobachte es - und treffe Entscheidungen so, dass sie wirklich alle Aktionen festhalten könne. "Manchmal verpasse ich es, wenn mein Baby lächelt - weil ich gerade Daten eingebe." Die Entwickler der App prahlen damit, dass Eltern schon rund 300 Millionen Ereignisse abgespeichert haben: 78 Millionen Schläfchen, 66 Millionen Still-Sitzungen und 60 Millionen gewechselte Windeln. Neuere Apps wie "Smart Parenting" vergleichen die Babys sogar über eine Echtzeit-Datenbank mit dem Kindern anderer Nutzer. Gut ist, was die anderen auch noch nicht können.

Die Angst vor einer gestörten Entwicklung der Kinder ist dabei kein privates, sondern ein gesellschaftliches Problem. Laut Heilmittelbericht 2014 der Krankenkasse AOK haben die logopädischen Behandlungen bei vierjährigen Jungen deutlich zugenommen, jeder zweite ist in Therapie. Bei Mädchen sind es 12,8 Prozent. 125 von 1000 Jungen waren zudem schon beim Ergotherapeuten - bei den Mädchen 51. Offenbar entwickeln sich immer weniger Kinder normal. Der amerikanische Psychiater Peter D. Kramer warnt in der Zeitschrift Psychology Today vor dieser Entwicklung: Die Grenzen für Normalität würden immer enger gesteckt. Das normale Herumtoben werde zur Aufmerksamkeitsstörung, Schüchternheit zur sozialen Phobie. Grund für die Zunahme solcher Etiketten sind laut Kramer immer bessere Diagnose-Instrumente, mit denen wir uns sehen, wie wir uns nie zuvor gesehen haben. Doch die Abkehr von der Normalität macht ihm große Sorgen: "Je weiter wir Diagnosen ausweiten, desto mehr verbreiten wir Angst". Normale Kinder würden stigmatisiert und therapiert. Risiko-Kinder fielen trotzdem durch den Raster.