Neues Coronavirus Forscher rätseln über seine Gefährlichkeit

Zu dem neuen Sars-ähnlichen Virus gibt es derzeit noch mehr Spekulationen als belastbare Daten. Soweit bekannt, ist jeder zweite Infizierte gestorben. Doch sind überhaupt alle Infektionen erfasst? Und: Wie verbreitet sich das Virus? Erste Erkenntnisse über den neuen Erreger.

Von Katrin Blawat

Für ein unerwartet aufgetauchtes Familienmitglied gehört es zum guten Ton, sich zu erklären. Doch ein neues, im Oktober identifiziertes Virus gibt bislang wenig von sich preis. Zwar kennen Forscher seine Familie, die Coronaviridae, schon seit Langem. Zu ihr gehören eine Reihe harmloser Erkältungsviren ebenso wie der verheerende Sars-Erreger. Wo auf der Gefährlichkeitsskala das neue Virus einzuordnen ist, ob eine Pandemie wie bei Sars bevorsteht oder es sich nur um ein weiteres Erkältungsvirus handelt - niemand weiß es.

Mittlerweile aber kennen Forscher wenigstens einige Eigenschaften des neuen Familienmitglieds. So veröffentlichte kürzlich Ron Fouchier von der Universität in Rotterdam mit Kollegen die Erbgut-Sequenz des Erregers (mbio, online). Im gleichen Fachmagazin berichtete das Team des Bonner Virologen Christian Drosten, Sars-Virus und der neuen Erreger nutzten unterschiedliche Mechanismen, in eine Zelle einzudringen. Das Sars-Virus muss tief ins Lungengewebe gelangen, denn nur dort gibt es jene Struktur, die dem Virus sozusagen als Türöffner dient. Es ist darum nur bei engem Kontakt mit Infizierten übertragbar. Welchen Türöffner der neue Erreger nutzt, ist unbekannt; fest steht aber, dass es ein anderer ist als bei Sars.

Entscheidende Fragen bleiben dennoch offen. Wo kommt das neue Familienmitglied her? Wie verbreitet es sich? Und vor allem: Wie gefährlich ist es? Um das zu beantworten, helfen die bislang bekannten Zahlen kaum. Die Weltgesundheitsorganisation WHO berichtet von insgesamt neun Infizierten in Saudi-Arabien, Jordanien und Katar. Bei ihnen verursachte der Erreger Lungenentzündungen, zum Teil auch Nierenversagen. Fünf der Patienten sind gestorben - demnach scheint das Virus jeden zweiten Infizierten zu töten.

Der Erreger könnte aber auch bereits viel mehr Menschen befallen haben, die nicht ernsthaft erkrankt sind. "Wir haben überhaupt keine Informationen, wie verbreitet das Virus ist", sagt der Marburger Virologe Stephan Becker, der selbst an dem neuen Erreger forscht. "Möglicherweise sind die neun bekannten Patienten nur die Spitze des Eisbergs." Normalerweise helfen epidemiologische Studien, diese Frage zu klären. Ob solche Untersuchungen in den betroffenen Ländern gemacht wurden - und wenn ja, mit welchem Ergebnis -, hat Drosten noch nicht erfahren. "Ich glaube nicht, dass die berichteten Fälle die einzigen sind. Doch es gibt überhaupt keine Kommunikation", bemängelt der Bonner Virologe, der die WHO unterstützt.

Überrascht hat den Forscher ein weiteres seiner Ergebnisse. In Zellkultur-Versuchen erwies sich der neue Erreger als nicht sehr wählerisch, was seinen Wirt angeht - ungewöhnlich für Coronaviren. Das Virus wechselte bereitwillig hin und her zwischen menschlichen Zellen und tierischen, etwa von Schwein oder Fledermaus. "Das macht zwei Szenarien möglich", folgert Becker. Entweder habe sich jeder der Patienten bei einem Tier angesteckt. Das wäre für ein Coronavirus zwar ungewöhnlich, erscheint nun aber denkbar. "Dann müsste man auch über Diagnostikprogramme für Nutztiere nachdenken", ergänzt Drosten.

Alternativ könnte das Virus ein einziges Mal von einem tierischen Wirt - wahrscheinlich von einer Fledermaus - auf den Menschen übergesprungen sein und sich seitdem von Mensch zu Mensch verbreiten. Hinweise darauf, dass dies zumindest begrenzt möglich ist, liefern einzelne Fälle in Saudi-Arabien und Jordanien. Dennoch kommt das Berliner Robert-Koch-Institut zu dem Schluss, "dass das Risiko einer Erkrankung infolge einer Übertragung von Mensch zu Mensch gering ist". Ähnlich schätzt das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention und -kontrolle die Situation ein.