Musik während OPs Der Sound der Heilung

Bei 50 bis 70 Prozent aller Eingriffe läuft mittlerweile Musik - zum Glück für die Patienten

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  • Musik kann vor, während und nach chirurgischen Eingriffen positive Effekte für Patienten haben.
  • Zu diesem Ergebnis kommen Forscher nach der Auswertung von 72 Studien zu dem Thema.
  • Geeignete Mustikstücke können demnach Schmerzen lindern und Patienten beruhigen.
Von Hinnerk Feldwisch-Drentrup

Wenn der Chirurg Evan Kane sein Messer ansetzte, vertraute er der Musik. Schon vor hundert Jahren schrieb er über die positiven Effekte des Phonographen im OP-Saal, die den "Horror" der damaligen Eingriffe verringern würden. Kane war in vielerlei Hinsicht ein Pionier. So entfernte sich der US-Amerikaner als wohl erster Arzt im Februar 1921 selbst den Blinddarm. Ob er sich dabei durch entspannende Klänge beruhigen musste, ist allerdings nicht überliefert.

Eine nun im Fachblatt Lancet erschienene Studie hätte ihm hierfür einige Ratschläge geben können. Britische Forscher berichten, dass Musik sowohl vor, während oder auch nach dem Eingriff die Schmerzen etwas lindert. Sogar bei Vollnarkosen waren positive Effekte zu beobachten. So würden Angstgefühle reduziert, die Zufriedenheit erhöhe sich und es würden weniger Schmerzmittel benötigt. Die Forscher hatten 72 wissenschaftliche Studien ausgewertet, die seit den Versuchen von Kane geschrieben wurden. Sie griffen dabei auf Erfahrungen von knapp 7000 Patienten zurück.

"Da Musik eine ungefährliche und günstige Therapie ist, sollte sie jedem angeboten werden, der operiert wird", sagt Catherine Meads von der Brunel University in Uxbridge. Ob "Stayin' Alive" oder "Un-break My Heart" zu einer schnelleren Heilung führen, konnte ihr Team zwar nicht feststellen. Meads empfiehlt daher, dass jeder Patient sich einfach selbst die Musik aussucht, die er hören wolle. In ihrer Untersuchung fand sie Hinweise, dass Schmerzen noch weiter verringert werden können, wenn Patienten ihre eigene Playlist zur OP mitbringen.

Warnung vor der mitgebrachten Playlist

Hier widerspricht Wolfram Goertz von der Ambulanz für Musikermedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf. Er hatte vor einigen Jahren an 200 Patienten untersucht, wie Musik sich auf Patienten mit Herzkatheteruntersuchungen auswirkt. Dabei stellte er fest, dass Patienten mit selbstgewählter Playlist ängstlicher waren. Sein Rat ist daher, dass Krankenhäuser eine fertige Songauswahl abspielen, bestehend aus Klassik, Jazz oder meditativen Klängen.

Unbekannte Musik lenke die Patienten besser ab als vertraute Lieder, meint Goertz. Gleichzeitig könnten sich die Kranken besser auf die Behandlungssituation einlassen. Wählen sie hingegen die Musik aus, die ihnen am Herzen liegt, könne das mit dem ersten Kuss verbundene Lied plötzlich für eine ungünstige Diagnose stehen, sagt der Forscher. "Die Musik ist für den Patienten dann emotional versaut."

Wie Umfragen zeigen, läuft mittlerweile bei 50 bis 70 Prozent aller Operationen Musik. Da ist es nicht immer leicht, die musikalischen Vorlieben von Ärzten, Schwestern und Patienten miteinander zu vereinbaren. "Ärger wegen Musik gibt es ständig", sagt der Chirurg Philipp Zollmann aus Jena. Er empfiehlt, nicht nur die Interpreten sondern auch die Genres immer wieder zu wechseln. Tabu seien bei ihm Heavy Metal ebenso wie unerfreuliche Radio-Nachrichten.

Mit Material von dpa