Medizin Schlecht in der Schule wegen Larven im Kopf

Schwarze Kinder und Latinos in armen Gegenden der USA leiden oft an chronischen Infektionen. Sie bleiben meist unentdeckt und daher unbehandelt.

(Foto: Hiroko Masuike/NYT/laif)
  • Bestimmte Parasiten, Einzeller und Viren scheinen Schwarze und Latinos öfter zu befallen als Weiße - sie leben deutlich häufiger unterhalb der Armutsgrenze.
  • Diese Krankheitserreger könnten zu Entwicklungsstörungen und Epilepsie führen, glauben Forscher.
  • Parasiten könnten sogar einer der Faktoren sein, die erklären, warum Armut und Hautfarbe mit schlechterer Schulleistung zusammenhängen.
Von Jakob Simmank

Nur wenige Kilometer östlich des Stadtzentrums von Houston liegt der Fifth Ward, in dem sich schwarze Sklaven nach ihrer Befreiung niederließen. Bis heute ist der Fifth Ward mehrheitlich schwarz und gilt als einer der ärmsten Viertel der Stadt. Kleine Holzbaracken stehen an den Straßen, kaputte Fensterscheiben sind vielerorts mit Alufolie notdürftig abgedeckt. Das Dach eines der Häuser ist halb eingestürzt, die Farbe bröselt ab, einzelne Holzlatten sind aus der Wand herausgebrochen und entblößen orangefarbenes Dämmmaterial.

Auf den Stufen zur Eingangstür des Hauses sitzen zwei schwarze Jugendliche, rauchen und hören laute Hip-Hop-Musik. Sie tragen Baseballmützen und viel zu weite Basketballtrikots. "Der Unterricht ist heute ausgefallen", behaupten sie. Statt in die Schule zu gehen, hängen sie daher herum. Und wirken fast so, als hätte sie jemand für eine Fernsehserie über benachteiligte Afroamerikaner gecastet. Je dunkler nämlich die Hautfarbe, desto schlechter die Schulnoten, das haben etliche Erhebungen in den USA längst ergeben. Kinder dunkelhäutiger Eltern oder von solchen, die aus Lateinamerika stammen, können schlechter lesen und rechnen als weiße. Soziologen argumentieren, dass ihre Familien ihnen weniger Ehrgeiz einimpfen. Oder dass ihre Eltern im Durchschnitt schlechter ausgebildet sind und ihnen deshalb nicht so gut bei den Hausaufgaben helfen können. Weil ihre Eltern weniger verdienen, müssen schwarze Kinder und Latinos auch oft früh selbst arbeiten gehen. Dadurch bleibt weni- ger Zeit, sich auf die Schule zu konzentrieren.

Womöglich ist das aber noch längst nicht alles. Womöglich hat es noch einen ganz anderen Grund, weshalb diese Kinder in der Schule so schlecht abschneiden. Chronische Infektionen könnten auch eine Ursache dafür sein, so vermuten Forscher wie Peter Hotez, Dekan der National School of Tropical Medicine in Houston, Texas. Bestimmte Parasiten, Einzeller und Viren scheinen Schwarze und Latinos öfter zu befallen als Weiße. Und sie könnten in Gehirn und Psyche tiefe Spuren hinterlassen, von Entwicklungsstörungen bis zur Epilepsie. Das könnte die geistige Entwicklung der infizierten Kinder bremsen und sie in ihren Leistungen zurückfallen lassen. Hotez hat die neue Theorie jüngst in einem Artikel in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry postuliert. Er sagt: "Die Infektionen könnten gravierende kognitive und psychische Folgen haben."

Vor allem streunende Hunde und Katzen tragen die Würmer im Darm

Den ersten Hinweis auf diesen Zusammenhang lieferten Infektionen mit dem Spulwurm Toxocara. Nach Schätzungen ist bis zu jeder fünfte Schwarze in armen Gegenden der USA mit ihm infiziert, insgesamt sind es wohl drei Millionen Amerikaner. Vor allem streunende Hunde und Katzen tragen die Würmer im Darm und scheiden Wurmeier aus. Im Erdreich - auf Spielplätzen, in Sandkästen und Vorgärten - reifen die Larven heran, Kinder kommen mit ihnen in Kontakt und verschlucken sie. Einmal im Körper, wandern die Larven vom Dünndarm über das Blut in verschiedene Teile des Körpers, in die Lungen zum Beispiel. Dort können sie asthmaartige Anfälle auslösen. Und auch ins Gehirn können sie offensichtlich gelangen.

Was Toxocara-Infektionen für Folgen haben können, zeigt eine Studie von Epidemiologen der State University in New York. Die Wissenschaftler nutzten den Datensatz der NHANES-Studie, die ähnlich wie die "Gesundheit in Deutschland aktuell"-Studie (GEDA) des Robert-Koch-Instituts und die deutsche Kindergesundheitsstudie KiGGS repräsentative Daten darüber erhebt, wie gesund die Amerikaner sind, unter welchen Erkrankungen sie leiden, wie gesund sie essen und ob sie regelmäßig Sport treiben. Im Rahmen der Erhebung wird auch Blut abgenommen. Das untersuchten die Epidemiologen im Nachhinein auf Antikörper gegen Toxocara, um Infektionen aufzuspüren. Die Ergebnisse veröffentlichten sie im International Journal for Parasitology: Infizierte Kinder, egal aus welchen sozialen Verhältnissen sie kommen und welche Hautfarbe sie haben, schnitten in Intelligenz-Tests schlechter ab als gesunde. Toxocara-Infektionen könnten sogar Epilepsien begünstigen, was wiederum die geistige Leistungsfähigkeit der Kinder schmälern kann. Eine Meta-Analyse, in die Daten von 1900 Patienten einflossen, konnte zeigen, dass infizierte Kinder doppelt so häufig an der Anfallskrankheit leiden.

Gelangen Larven ins Gehirn, führt das zu Kopfschmerzen und kognitivem Abbau

Diese Befunde brachten den Tropenmediziner und Kinderarzt Hotez dazu, nach weiteren Infektionserregern zu suchen, die sich auf die kognitiven Leistungen von Schülern auswirken. Zehntausende US-Amerikaner, vor allem Latinos, sind mit dem Schweinebandwurm Taenia Solium infiziert, fand Hotez heraus. Die Larven des Wurms vermehren sich im Schweinefleisch, sterben beim Erhitzen eigentlich ab. Wird das Fleisch aber nicht ordentlich durchgebraten oder gekocht, können lebende Larven mit der Fleischmahlzeit in den Darm aufgenommen werden. Von dort gelangen die Larven, auch Finnen genannt, in verschiedene Organe des menschlichen Körpers, wo sie sich in Zysten ansiedeln. Wenn die Larven es ins Gehirn schaffen, führt das zu Kopfschmerzen und kognitivem Abbau. Weltweit ist das sogar die Hauptursache einer erworbenen Epilepsie.

A boy walks his dog around St. Mary's Park South, in the South Bronx, New York. A boy walks his dog around St. Mary's Park South, in the South Bronx in New York, Jan. 11, 2018. Roundworm eggs, shed by stray dogs, can be ingested by children playing outside and can interfere with liver function, eyesight and even intelligence. (Gregg Vigliotti/The New York Times)

(Foto: GREGG VIGLIOTTI/The New York Tim)

Doch Hotez beschränkte sich nicht auf Wurminfektionen. Er analysierte auch bereits vorhandene Daten zur Übertragung des Einzellers Toxoplasma und des Zytomegalie-Virus (CMV) während der Geburt. Und fand heraus, dass schwarze Mütter diese Infektionserreger öfter an ihre Babys weitergeben als weiße. Diese auch in Deutschland weit verbreiteten Infektionen können dann verheerende Auswirkungen haben: Die Babys können etwa durch das CMV erblinden und ihr Gehör verlieren, auch kann es zu leichten bis schweren geistigen Behinderungen kommen. Die Toxoplasmose dagegen steht im Verdacht, Depressionen und manisch-depressive Störungen auszulösen.