Medizin "Herr Kelz, wir haben hier zwei wunderschöne Hände für Sie"

Der Österreicher Theo Kelz hat bei einer Bombenentschärfung beide Hände verloren. Ihm wurden an der Innsbrucker Universitätsklinik in einer spektakulären Operation zwei neue Hände transplantiert.

(Foto: Robert Haas)

Eine Bombe zerfetzt die Arme des Polizisten. Heute ist er der erste Mensch, der mit den Händen eines Toten auf dem Motorrad um die Welt fährt. Die Geschichte eines Mannes, der nicht aufgeben will.

Von Felix Hütten

In jedem Leben gibt es irgendwann einen Knall, die erste Freiheit, das erste Kind, die erste Million, man nennt das eine Bombennachricht. Bei Theo Kelz ist es eine Rohrbombe, sechs Kilogramm unbekannter Sprengstoff, bumm. Man kann bei einer solchen Explosion sterben, Kelz hält das Ding immerhin in den Händen. Es reißt eine tiefe Wunde in seinen Oberkörper, er verliert für Tage sein Augenlicht, seine Hände sind zerfetzt, es riecht nach verbranntem Fleisch, da ist er 40 Jahre alt. Er nennt es eine Bombenüberraschung.

Die Geschichte von Theo Kelz ist die Geschichte des eigenen Willens, der in der Medizin so wichtig ist, vielleicht ist er das wichtigste Medikament überhaupt. Der Wille, sich von einer Bombe, gebaut, um dutzenden Schülern das Leben zu stehlen, nicht unterkriegen zu lassen. Der Wille, das Leben neu zu starten, wie einen Motor, abgewürgt, Kupplung wieder rein, los. Theo Kelz ist Polizist in Klagenfurt, Sprengstoffexperte, seine Aufgabe ist es, Menschen vor der Gewalt zu bewahren, die der Rechtsterrorist Franz Fuchs in den Neunzigerjahren in Österreich mit Bomben sät.

Vielleicht ist es Neugier, vielleicht auch eine falsche Sicherheit, sie hätten das Rohr sprengen können

Es ist der Abend des 24. August 1994, Kelz ist im Nachtdienst, leider, er sagt das heute so, denn eigentlich sollte er in Peking sein. Er war von Österreich dort hingefahren, mit dem Motorrad, seine damals 14-jährige Tochter krallt sich auf dem Rücksitz an seine Jacke, 10 000 Kilometer, immer geradeaus. Kelz liebt diese Freiheit, er liebt den Fahrtwind, Stillstand würde ihn umbringen, doch seine Tochter erkrankt am Magen, sie brechen die Reise ab.

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Kelz kehrt früher in den Dienst zurück, er ist also in der Wache, das Telefon klingelt: Ein unbekannter Mann habe einen verdächtigen Gegenstand vor einer Schule abgelegt. Kelz und seine Kollegen fahren hin. Sie finden ein Rohr, 70 Zentimeter lang, zwölf Zentimeter dick, acht Kilogramm schwer. Das Ding, berichten die Zeugen, sei schon von einem Stromkasten auf den Boden gedonnert. Kelz und sein Kollege, er heißt Knaller, es ist nun mal so, laden das Rohr in den Kofferraum, Fahrtziel Flughafen Klagenfurt. Mobile Röntgenanlagen hat die Polizei zu dieser Zeit noch nicht, man will nun mal sicher gehen, auch nachts um 2 Uhr, Ordnung muss sein.

Beim Verladen im Flughafen bricht ein Ende des Rohrs ab, Kelz zieht eine knetartige, schwarze Masse heraus. Er knappt einen Teil ab, haut mit dem Hammer drauf, Knaller schaut zu. Nichts. Vielleicht ist es Neugier, vielleicht auch eine falsche Sicherheit, sie hätten das Rohr sprengen können, nur weit weg von Menschen, doch Kelz legt es in das Röntgengerät, es macht klick, es ist Punkt drei Uhr in der Nacht, als der Zünder auslöst, aus Kelz' Armen schießt das Blut, Knochensplitter seiner Hände bohren sich in den Oberschenkel eines weiteren Kollegen, Knaller steht weit genug weg, er erleidet ein Knalltrauma.

Aufgeben, Papa, tut man nur einen Brief

Als Theo Kelz 50 Stunden später aus der Narkose erwacht, trägt er zwei Armstumpfe am Körper und hat, immerhin, sein Leben behalten. Es folgen Schmerzen, Reha, Handprothesen, es gehe schon, sagt Kelz, sogar Motorradfahren sei möglich, 50 000 Kilometer, er fährt BMW, 70 PS. Doch irgendetwas in ihm arbeitet, eine Unruhe treibt ihn aus dem Schlaf, diese Armstümpfe, sagt Kelz 65 Tage nach der Explosion, müssten weg.

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Die Transplantationsmedizin ist um die Jahrtausendwende noch ganz am Anfang, selbst Spitzenchirurgen haben nur wenig Erfahrungen mit solchen Operationen. Kelz schreibt 50 Briefe an Universitätskliniken auf der ganzen Welt: Sehr geehrte Damen und Herren, bitte transplantieren Sie mir zwei neue Hände. Er bekommt 50 Absagen.

Seine Tochter sagt schließlich einen Satz, den Kelz als einen Schlag mit den eigenen Waffen bezeichnet: Aufgeben, Papa, tut man nur einen Brief, und Kelz ruft erneut in der Chirurgie in Innsbruck an. Er bittet nicht mehr, sagt er heute, er fordert jetzt: Operieren Sie mich endlich!

Eine Hand, gar zwei zu transplantieren, ist riskant, in der Medizin spricht man bei unklaren Indikationen für eine Operation von "risk vs. benefit", also Risiko in Abwägung zum Ertrag. Bei Organtransplantationen, zum Beispiel von Nieren oder Lebern, schlägt der Ertrag meist das Risiko, denn ohne Spenderorgan sterben die Patienten. Hände sind nicht überlebenswichtig, wenn auch lebenswichtig - sicher aber sind die Risiken enorm. Das körpereigene Immunsystem greift das transplantierte Gewebe an, es bilden sich Pusteln, im schlimmsten Falle entsteht eine Blutvergiftung. Um das zu verhindern, müssen Patienten starke Medikamente einnehmen, die den Körper angreifbar machen für allerlei Erreger aus der Umwelt, für Grippe-Viren und Darmbakterien.