Geringe Bereitschaft zur Organspende Nein, meine Niere geb' ich nicht!

Organspende ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Organtransportbox wird am 29.05.2012 in den Räumen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Berlin übergeben. Foto: Jens Kalaene/dpa (zu dpa-Vorausmeldung: ´Neue Zahlen zur Organspende werden präsentiert" vom 11.11.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Viele Menschen hat der Transplantationsskandal irritiert: Die Zahl der Organspender in Deutschland ist in diesem Jahr deutlich zurückgegangen. Doch auch viele Ärzte plagen Zweifel.

Von Werner Bartens und Christina Berndt

Der Aufruf klingt ebenso fordernd wie flehentlich. "Zurück zur Glaubwürdigkeit" ist die Titelgeschichte zum Thema Organspende im aktuellen Deutschen Ärzteblatt überschrieben. Das Standesorgan der Mediziner ist alarmiert, denn die Zahl der Organspender in Deutschland ist weiter zurückgegangen. Von Januar bis Oktober 2013 kam es nur bei 754 Menschen zur Organspende. Im gleichen Zeitraum im Vorjahr waren es noch 892 Organspender gewesen, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) am Dienstag anlässlich ihres Jahreskongresses in Berlin mitteilte.

Ob es angesichts dieser Zahlen mehr als Zweckoptimismus ist, wenn DSO-Vorstand Rainer Hess die Bereitschaft zur Organspende zwar "auf einem Tiefststand" sieht, aber auch befindet, dass sie "nicht weiter absinkt", bleibt allerdings unklar.

Weil sich 2013 weniger Spender fanden, wurden naturgemäß auch weniger Organe transplantiert als in den Vorjahren: Lag die Zahl in den ersten drei Quartalen des Jahres 2011 noch bei 3029 Organen, waren es 2012 im gleichen Zeitraum 2912 und 2013 sogar nur 2501 Organe, die übertragen wurden. Dass der Rückgang prozentual nicht ganz so deutlich ausfiel wie bei der Zahl der Organspender liegt daran, dass inzwischen durchschnittlich immer mehr, nämlich 3,5 Organe pro Spender entnommen werden. Wie auch in den Vorjahren wurden am meisten Nieren (1190) transplantiert, gefolgt von Lebern (677), Lungen (287) und Herzen (246).

Bundesweites Register geplant

Haben Organspende und Transplantation angesichts dieser rückläufigen Entwicklung zukünftig überhaupt noch eine Chance? Ja, ist Hess zuversichtlich: Wenn zwei zentrale Ziele verfolgt werden: Die Transplantationsmedizin brauche mehr Transparenz - und mehr Qualität. Die will Hess mit der Schaffung eines bundesweiten Registers erreichen.

Die einst waghalsige Transplantationsmedizin ist zwar längst ihrer experimentellen Phase entwachsen. Aber noch immer wissen Ärzte viel zu wenig darüber, wie sie ihren Patienten am besten helfen. Das liegt auch daran, dass Erfolge ebenso wie Rückschläge der Transplantationen in Deutschland nie wissenschaftlich valide ausgewertet wurden. "Das muss sich ändern", forderte Hess in Berlin, "denn davon hängen die Lebensjahre vieler tausend Patienten ab." Derzeit lasse das Bundesgesundheitsministerium eine Machbarkeitsstudie erstellen. 2015 könne das Register Realität sein.

Der 73-jährige Hess wird dann wohl im Ruhestand sein. Aus selbigem hatte die DSO ihn vor einem knappen Jahr zurückgeholt, weil dringend ein Vorstand gesucht wurde, der die Stiftung nach den Skandalen umbaut. Sein Nachfolger sei inzwischen "bestellt", sagte Hess in Berlin. Insidern zufolge handelt es sich dabei um Axel Rahmel, derzeit medizinischer Direktor der Organverteilungsstelle Eurotransplant. Rahmel wollte dies nicht kommentieren. Zur Sache aber wollte er sich äußern: Es sei wichtig, die Krankenhäuser "bei der Ehre zu packen", sagte er, damit diese alle potenziellen Organspender auch an die DSO melden. Das passiert nämlich häufig nicht.

Der Rückgang der Organspenden liegt nicht allein an einer gesteigerten Ablehnung durch Angehörige als vielmehr an der gesunkenen Bereitschaft von Ärzten, Organspenden zu realisieren. "Wir haben eine große Verunsicherung, auch in der Ärzteschaft", so Hess.

Denn nicht nur Patienten und Angehörige sind durch die Skandale irritiert und zögern, sich zu einer Organspende bereit zu erklären, auch das Fachpersonal ist skeptisch und meldet längst nicht alle Patienten, die dafür infrage kämen. Eine Erhebung unter mehr als 1000 Intensivmedizinern, Notärzten und Pflegekräften ergab, dass sich bei 48 Prozent der Ärzte und 41 Prozent der Pflegekräfte die Einstellung zur Organspende seit Bekanntwerden der Skandale negativ verändert hätte. Angst vor Missbrauch und eine Ablehnung des Hirntodkonzepts wurden als Hauptgründe genannt.

Hoffnung macht der DSO, dass mehr und mehr Menschen einen Organspendeausweis haben. Lag ihr Anteil vor zehn Jahren noch bei zwölf Prozent, beträgt er nach neuesten Umfragen etwa 20 Prozent.

Mehr zum Thema Organspende lesen Sie in unserem Ratgeber.

Transplantationen

Wie andere Länder an Spenderorgane kommen