Krebszellen unterscheiden sich stark voneinander Die vielen Facetten des Tumors

Krebs ist eine sehr komplexe Erkrankung. Was Genetiker jetzt herausgefunden haben, macht sie noch verzwickter: Die Zellen ein und desselben Tumors haben mehr genetische Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Diese Heterogenität ist ein Grund, warum Therapien manchmal nicht wirken.

Von Christina Berndt

Das Unglück am Krebs ist ja: Selbst wenn ein großer Teil des Tumors während der Chemo- oder Strahlentherapie zugrundegeht, gibt es oft einzelne Zellen, die danach weiterwuchern. Weshalb das so ist, belegen britische Wissenschaftler nun eindrucksvoll: Die Krebszellen eines Patienten sind offenbar ausgesprochen unterschiedlich, berichten die Forscher im New England Journal of Medicine (Bd. 366, S. 883).

Leberkrebszellen unter dem Lichtmikroskop: Offenbar unterscheiden sich die einzelnen Zellen eines Tumors stark voneinander.

(Foto: DPA)

Demnach werden Ärzte einen Tumor ganz anders beurteilen, je nachdem, von welcher Stelle eines Krebsherdes sie eine Gewebeprobe entnehmen und untersuchen. Dass alle Zellen so unterschiedlich sind, füge dem Umgang mit Krebserkrankungen "eine weitere Ebene der Komplexität hinzu", sagte Studienleiter Charles Swanton vom Krebsinstitut des University College London der Zeitschrift Nature. "Es sieht aus wie ein Spaziergang im Park, aber in Wahrheit ist es wie der Flug zum Mond."

Swantons Team hatte sich die Tumore von vier Patienten mit Nierenzellkrebs genauer angesehen. Die Wissenschaftler entnahmen aus mehreren Regionen des ursprünglichen Krebsherdes, aber auch aus dessen Metastasen Gewebeproben und untersuchten diese mit allen erdenklichen Methoden der modernen Genetik. So analysierten sie Auffälligkeiten im Erbgut der Krebszellen genau, bestimmten, welche Gene gerade aktiv waren und wie es um die Struktur der Chromosomen in diesen Tumorstückchen bestellt war.

"Wir haben jede mögliche Technik eingesetzt", sagt Swanton. "Aber selbst damit haben wir nur an der Oberfläche gekratzt" - so heterogen seien die Krebszellen. Genetisch gebe es mehr Unterschiede zwischen ihnen als Ähnlichkeiten. "Das Ausmaß an Diversität in jedem Tumor ist verblüffend", sagt Swanton.

Die Ergebnisse decken sich mit weiteren jüngeren Berichten über Bauchspeicheldrüsenkrebs und Leukämien", sagt Andreas Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). "Wir wissen schon seit einiger Zeit, dass Tumorzellen ein Flickwerk von Fehlern sind", sagt auch Charles Swanton. Aber erstmals sei die genetische Landschaft von Tumoren in so außerordentlichem Detail kartiert worden.