Attacke in Münster "Amoklauf. Davon kann man hier sicher reden"

Warum ist es falsch, Gewalttaten vorschnell auf psychische Störungen zurückzuführen - wie es im Fall Münster geschehen ist? Fragen an den Psychiater Thomas Pollmächer.

Interview von Ronen Steinke

Nach der tödlichen Attacke eines Mannes in Münster am Samstag suchen Ermittler weiter nach dem Tatmotiv. Der 48-jährige Täter Jens R., der mit einem Campingbus in eine Menschengruppe raste, ist tot. Es handele sich um einen "psychisch gestörten, labilen Täter", der "offensichtlich schon länger darüber nachgedacht hat, sich selbst auch das Leben zu nehmen", sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Tag nach der Tat.

SZ: Herr Pollmächer, was stört Sie an der Aussage, dass die Tat in Münster von einem psychisch auffälligen Deutschen begangen wurde?

Thomas Pollmächer: Wenn in der Öffentlichkeit betont wird, dass der Täter psychische Probleme hatte, dann wird damit ein Zusammenhang insinuiert: eine Nähe zwischen psychischer Erkrankung und bösartigem Verhalten. Dieser Zusammenhang existiert statistisch nicht. Und es ist extrem stigmatisierend gegenüber psychisch Kranken, wenn sie sich mit solchen Tätern in einen Topf geworfen sehen.

Interview am Morgen

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Aber hier in diesem Einzelfall scheint es so gewesen zu sein, oder nicht?

Das wissen wir nicht. Die Briefe, die der Täter offenbar geschrieben hat, enthalten laut dem, was in der Presse zu lesen war, keine klare Suizidankündigung. Sondern es scheint eher so zu sein, dass er viele Seiten lang erklärt, dass er mit seinem Leben nicht zufrieden ist, vieles schiefgelaufen ist und so weiter.

Offenbar war der Mann auch in Behandlung.

Auch das wäre nichts Außergewöhnliches, das sofort eine Erklärung bieten würde. Epidemiologische Studien legen nahe, dass mindestens 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe eines Jahres einmal die Kriterien für eine psychische Erkrankung erfüllen. Die Frage ist, ob auch ein Zusammenhang zu dieser Gewalttat bestanden hat.

Sie meinen Nein?

Wir wissen es einfach noch nicht. Wenn die Gewalttat trotzdem sofort unter dem Aspekt der angeblichen psychischen Erkrankung des Täters diskutiert wird, dann hat das in Wahrheit keinen größeren Aussagewert, als wenn man etwa sagen würde: Der Täter war brünett. Das ist womöglich sachlich zutreffend. Aber besteht da ein inhaltlicher Zusammenhang, der rechtfertigt, dass die ganze Tat unter diese Überschrift gestellt wird?

Thomas Pollmächer

ist Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit am Klinikum Ingolstadt und lehrt Psychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Wenn man sich die Frage nach dem Tatmotiv stellt, dann geht es um Vorgänge im Innenleben des Täters. Haarfarbe hat damit nichts zu tun. Psychische Verfasstheit schon.

Ich will versuchen, es an Zahlen zu verdeutlichen. Es gibt 10 000 Suizide im Jahr. Es gibt mindestens die zwanzigfache Zahl an Suizidversuchen. Und es gibt sicher noch eine viel höhere Zahl an Menschen, die im Laufe eines Jahres darüber nachdenken, sich das Leben zu nehmen. Das sind sehr viele Fälle. Wenn man das jetzt in der Diskussion verbindet mit einer Vermutung, dass von suizidalen Menschen eine Gefahr für andere ausgeht - dann ist das einfach falsch, denn dann behauptet man einen Zusammenhang zu einem Merkmal, das mit Gefährdung viel weniger verbunden ist als andere Merkmale wie zum Beispiel männliches Geschlecht oder Alkoholkonsum.

Andersherum: Ist jemand, der zu so einer Tat wie in Münster fähig ist, nicht schon per Definition psychisch auffällig?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass jemand, der sich zu einer solchen Tat entschließt, einen Leidensdruck der einen oder anderen Art hat. Dass er sich mit seinem Leben nicht wohl fühlt. Aber das ist nicht zwingend. Nicht jedes Verbrechen lässt sich mit einem Krankheitsbild erklären oder entschuldigen. Menschen entscheiden sich auch aus freien Stücken für das Böse, es gibt dafür genug schlimme Beispiele. Es ist natürlich ein menschlich verständlicher Wunsch, die Abnormalität der Tat mit einer Abnormalität des Täters zu erklären. Aber so liegen die Dinge nicht immer.

Mit Bezug zu Münster ist jetzt gelegentlich die Rede von einem erweiterten Suizid.

Der Begriff kommt daher, dass es tatsächlich hin und wieder vorkommt, dass depressive Patienten andere mit in den Tod nehmen, weil sie davon überzeugt sind, dass das für diese anderen besser sei. Das sind ganz tragische Fälle, zum Beispiel von schwerkranken Müttern, die ihre Kinder umbringen, weil sie so in ihrer Depression verstrickt sind, dass sie glauben, dass die Kinder ohne sie nicht sein könnten. Das typische Motiv des erweiterten Suizids ist also, dass man dem anderen etwas ersparen möchte. So ist es in Münster sicher nicht gewesen.

Welchen Begriff würden Sie stattdessen verwenden?

Amoklauf. Davon kann man hier sicher reden. Aber ein Amoklauf kann verschiedene Auslöser haben, nicht zwingend ist es eine psychische Erkrankung.

Nach solchen Taten liegt oft der Gedanke nahe: Der Mensch hätte mit einer vernünftigen Behandlung von der Tat abgehalten werden können.

Ja. Das stimmt sicher oft. Umso wichtiger ist es, der Stigmatisierung von psychisch Kranken entgegenzuwirken. Je größer die Gefahr ist, dass ein Hilfesuchender von der Gesellschaft gleich als verrückt oder gar gefährlich abgestempelt wird, desto höher sind die Hürden, die verhindern, dass Menschen rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen.

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