Früherkennung von Krebs Ärzte verstehen Krebsstatistiken nicht

Es gilt gemeinhin als sicher, dass die Krebs-Früherkennung Leben rettet. Doch um diese Annahme zu untermauern, operieren viele Wissenschaflter und Lobbygruppen mit völlig irrelevanten Messgrößen. Das Schlimme ist: Selbst Allgemeinmediziner durchschauen dies nicht, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Von Patrick Illinger

Eine gestiegene Überlebensrate - das klingt nach Erfolg, nach Heilung, nach großem Glück. Doch so wie viele Ärzte mit dieser statistischen Größe umgehen, ist sie alles andere als ein Erfolg, sondern ein mathematisches Nullsummenspiel. Ob Irrtum oder Absicht: Wenn es um die Vorteile von Krebsfrüherkennung geht, hantieren viele Ärzte und Lobbygruppen mit Prozentangaben, die völlig irrelevant und sogar irreführend sind (Grafik unten).

Zwei Irrtümer der Krebsfrüherkennung: Massenuntersuchungen auf Krebsleiden sind letztlich nur sinnvoll, wenn Sie Leben retten. Um den Nutzen von Screenings zu begründen, wird daher oft mit einer prozentual erhöhten Fünf-Jahres-Überlebensrate argumentiert. Doch diese Messgröße ist wertlos. Zwei rein mathematische Effekte können beeindruckende Prozentzahlen erzeugen, auch wenn kein einziger zusätzlicher Patient geheilt wird. Den ersten Effekt verdeutlicht diese Grafik; den zweiten Effekt erläutert die Illustration auf der folgenden Seite. Quelle: Annals of Internal Medicine

(Foto: SZ-Grafik: Braun)

Wie also steht es um Patienten, wenn sie bei ihrem niedergelassenen Allgemeinarzt Rat zum Thema Früherkennung suchen? Das Harding-Zentrum für Risiko-Kompetenz am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat mehr als 400 Allgemeinärzte in den USA befragt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Mehrzahl der Ärzte versteht Krebsstatistiken nicht.

Ein zentraler Messwert in Studien zur Krebsforschung ist die sogenannte Fünf-Jahres-Überlebensrate. Diese beziffert den Anteil von Patienten, die fünf Jahre nach der Krebsdiagnose noch leben. Vergleicht man in einer Pharmastudie zwei Medikamente, so mag diese Fünf-Jahres-Überlebensrate ein aussagekräftiges Maß für die Wirksamkeit von Therapie-Varianten sein. Für die Frage jedoch, wie viel Reihenuntersuchungen (Screenings) zur Lebensrettung beitragen, ist die Fünf-Jahres-Überlebensrate wertlos. Zwei rein statistische Effekte führen automatisch zu prozentual höheren Überlebensraten, auch wenn kein einziges Patientenleben gerettet wurde.

Die Gründe sind erstens: Wenn Krebs in einem früheren Stadium diagnostiziert wird, lebt der Patient länger mit der Erkrankung, auch ohne eine Therapie. Zweitens: Untersucht man mehr symptomfreie Menschen, so findet man auch Tumore, die von selbst zeitlebens nie aufgefallen wären. Es werden somit mehr Krebsfälle entdeckt, auch ungefährliche, und der Anteil der tödlich verlaufenden Krebserkrankungen sinkt prozentual. Auch hier ist real nicht ein einziges Menschenleben gerettet worden - bei gestiegener Überlebensrate. Es ist ein mathematisches Artefakt.

Eine höhere Überlebensrate allein ist daher kein Beweis für den Nutzen der Krebsfrüherkennung. Hierbei ist eine andere Messgröße entscheidend: die Zahl der Todesfälle in der Gesamtbevölkerung. Diese ermöglicht eine Aussage darüber, ob ein Screening letztlich Leben rettet. Ein Screening, das indes nicht eindeutig zu höheren Heilungsraten führt - etwa weil früh erkannte Tumore besser zu behandeln sind - ist sogar schädlich: Patienten müssen mehr Lebensjahre mit einer überflüssigen Krebsdiagnose verbringen. Und sie müssen sich Eingriffen unterziehen, von der Gewebeprobe bis zur Tumorentfernung, auch wenn der Krebs unentdeckt problemfrei verlaufen wäre.