EU-Kommission lässt Stevia zu Superzucker, der nicht dick macht

Stevia ist 300-mal so süß wie Zucker, hat keine Kalorien und verursacht keine Karies. Nun kommt der tropische Süßstoff in die Supermärkte - und könnte als natürliche Süße vermarktet werden. Der Coca-Cola-Konzern hat bereits 24 Patente angemeldet.

Von Christina Berndt

Natürlich oder künstlich? Zucker oder Süßstoff? So lautete bisher die Frage, wenn jemand seinen Kaffee nicht einfach nur mit Milch trinken wollte. Doch jetzt bekommen die beiden süßen Gegenspieler echte Konkurrenz: Am Montagnachmittag hat die EU-Kommission natürliche Süßstoffe aus den Blättern der Stevia-Pflanze zugelassen.

Seit fast 30 Jahren erforschen Wissenschaftler die tropische Stevia-Pflanze (Stevia rebaudiana), die ursprünglich aus Paraguay stammt. Nun kommt der Süßstoff in die Supermärkte.

(Foto: dpa)

Diese Steviolglycoside sind bis zu 300-mal so süß wie Zucker, haben aber keine Kalorien und verursachen auch keine Karies. Im Gegensatz zu den bisherigen Süßstoffen könnte Stevia somit als "natürliche Süße" ohne die Nachteile des Zuckers vermarktet werden.

Die Ureinwohner Paraguays kennen die subtropische Stevia-Pflanze schon seit mehr als 500 Jahren; und ebenso lange nutzen sie sie auch, um ihre Speisen und Getränke zu süßen. In Europa aber war es bislang verboten, Stevia in Lebensmitteln zu verwenden. Blätter der Pflanze und Pastillen mit ihren Süßstoffen gab es zwar in Reformhäusern - allerdings offiziell nur zur Verwendung als Badezusatz oder Mundspülung. Denn seit 1997 benötigen neue Lebensmittel in Europa eine Zulassung.

Nur die Biomolkerei Andechser erstritt sich das Recht, ihre Joghurts wenigstens mit Stevia-Tee süßen zu dürfen; dieser sei schon vor 1997 in nennenswertem Umfang in der EU konsumiert worden und falle deshalb nicht unter die Novel-Food-Verordnung, entschieden die Richter im September.

Nun sind auch die Stevia-Süßstoffe selbst zugelassen. Als Zuckerersatz beim Backen taugen sie zwar wenig, da der Zucker auch für Volumen und Konsistenz des Teigs wichtig ist. Doch Experten erwarten, dass schon bald viele Getränke, Marmeladen, Desserts und Naschwaren mit Stevia gesüßt werden. Allein der Coca-Cola-Konzern hat 24 Patente rund um Stevia angemeldet. Allerdings dürfen Firmen, die die chemisch isolierten Inhaltsstoffe und nicht das gesamte Pflanzenextrakt verwenden, nicht direkt mit dem Slogan der Natürlichkeit werben. Ohnehin bedeute "natürlich" nicht automatisch "gesünder", betont die pharmazeutische Biologin Alexandra Kiemer von der Universität des Saarlandes.

In Japan werden die quietschsüßen Blätter der Stevia-Pflanze ebenso wie ihre Inhaltsstoffe schon seit den 1970er-Jahren verwendet. Vor diesem Hintergrund monieren Kritiker, Lobbyisten der Zuckerindustrie hätten die Zulassung in Europa so lange hinausgezögert. "Das ist nur eine Verschwörungstheorie", sagt dagegen Udo Kienle von der Universität Hohenheim, der seit fast 30 Jahren an Stevia forscht. Immerhin habe es lange gesundheitliche Bedenken gegeben, die erst ausgeräumt werden mussten. So stand Stevia in dem Ruf, krebserregend zu sein, unfruchtbar zu machen und Embryonen zu schädigen.

Doch diese Vorwürfe sind nun vom Tisch. Zumindest für eine nicht allzu hohe Tagesdosis von etwa 250 Milligramm hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit den Stevia-Inhaltsstoffen ein Unbedenklichkeitszeugnis ausgestellt. Ähnliches gilt auch für die etablierten synthetischen Süßstoffe Aspartam und Saccharin, zu denen immer wieder Bedenken laut geworden waren.

Der Nahrungsmittelindustrie, die Stevia nutzen möchte, bleibt nun noch eine große Herausforderung: der Geschmack. Denn wenn die Süßstoffe aus der Pflanze chemisch extrahiert werden, können sie durch die verwendeten Lösungsmittel einen Beigeschmack bekommen. "Der kann je nach Verfahren auch bitter sein", sagt Kienle - also so etwas wie das Gegenteil von süß.