bedeckt München 21°

Food-Design:Und das kann man essen?

Lebensmittel sollen nicht nur satt machen. Sie sollen uns anmachen. Manche müssen sogar ein bestimmtes Geräusch verursachen. Um das zu gewährleisten, lassen sich Food- und Sound-Designer so einiges einfallen.

Violetta Simon

15 Bilder

Fischstäbchen

Quelle: iStockphoto

1 / 15

Food-Design:Quadratisch, praktisch, gut

Lebensmittel sollen nicht nur satt machen. Sie sollen uns anmachen. Manche müssen sogar ein bestimmtes Geräusch verursachen. Um das zu gewährleisten, lassen sich Food- und Sounddesigner so einiges einfallen.

Mit der industriellen Herstellung sind der Gestaltung unserer Nahrung keine Grenzen mehr gesetzt: Wir formen unsere kulinarische Welt, wie sie uns gefällt. Die rechteckige Form von Fischfilet und Fischstäbchen hat in erster Linie pragmatische Gründe: So lassen sie sich leichter industriell herstellen, sind stapelbar und daher besser zu transportieren. Darüber hinaus passen sie genau in den Mund - und sind optisch derart verfremdet, dass sie auch von Leuten gegessen werden, die Fisch in Wirklichkeit gar nicht mögen. Traurig, aber wahr: Mit ihrer strahlend weißen, grätenlosen Fischmasse und der dicken Panade sind die goldbraunen Quader sogar erfolgreicher als das Naturprodukt.

HEINZ HANZ

Quelle: AP

2 / 15

Food-Design:Verfremdung

Nahrung bewusst zu verfremden, ist eine weit verbreitete Methode in der Lebensmittelindustrie und trägt maßgeblich zum Erfolg bestimmter Produkte bei. Tomaten, durch Passieren und Einfärben bis zur Unkenntlichkeit verändert, schmecken dadurch sogar Kindern, die Gemüse verabscheuen - weil sie es gar nicht als solches erkennen würden. Mittlerweile bietet der Handel auch Ketchup in Grün an, damit wirklich gar nichts mehr an seine ursprünglichen Bestandteile erinnert.

pringles

Quelle: iStockphotos

3 / 15

Food-Design:Mundgerechte Kopie

Dieses Knabbergebäck sieht nur aus wie Chips: Pringles werden nicht aus Kartoffelscheiben geschnitten, sondern aus Kartoffelteig geformt, bevor sie durch die Friteuse geführt werden - möglichst, ohne Blasen zu werfen. Dadurch erhalten sie die gewünschte Krümmung und sind alle gleich groß, mit anderen Worten: perfekt. Die Form der Pringles ist bewusst so gewählt, dass sie genau zwischen Gaumen und Zunge passen. Die wenigsten Menschen kämen auf die Idee, sie mit der Wölbung nach unten zu drehen und abzubeißen.

To match Special Report SALT/

Quelle: REUTERS

4 / 15

Food-Design:Armaturenbrett-Essen

Die Form der Lebensmittel unterliegt schon lange nicht mehr nur natürlichen Vorgaben. Sie muss sich auch unseren Lebens- und Essgewohnheiten anpassen: Wir essen oft im Stehen, Gehen oder sitzend in öffentlichen Verkehrsmitteln. Deshalb haben sich zunehmend handliche Snacks wie Hot Dogs oder Müsliriegel durchgesetzt, die sich bequem mit einer Hand und ohne Besteck essen lassen.

Toast

Quelle: iStockphoto/John Peacock

5 / 15

Food-Design:Baukasten-System

Viele unserer Lebensmittel sind in ihrer Form wie ein Baukasten aufeinander abgestimmt. So werden Schinken- und Käsescheiben quadratisch geformt, damit sie perfekt auf den Toast passen. Nur die Ananas hat es noch nicht erwischt - aber das kann ja noch kommen.

Sushi

Quelle: ddp

6 / 15

Food-Design:Bitte mundgerecht

Ein weiteres Kriterium bei der Gestaltung von Lebensmitteln ist unsere Physiognomie: Wir mögen es mundgerecht. Auf Partys, Vernissagen und Meetings haben sich Fingerfood, Knabbergebäck und Sushi längst etabliert.

Hoher Kakaopreis macht Schokolade teurer

Quelle: dpa

7 / 15

Food-Design:Immer appetitlich, immer groß

Auch sonst mag es der Verbraucher, wenn sich Lebensmittel leicht zerkleinern lassen. Er kann dann selbst entscheiden, wieviel er in welchem Zeitraum davon isst. Das wirkt sich auf die Gestaltung aus: Alle Schokoladentafeln weisen Sollbruchstellen auf, um das Teilen in mundgerechte Stücke zu erleichtern. Sie sehen auch angebrochen - im Gegensatz etwa zu einem angebissenen Sandwich - noch immer appetitlich aus. Durch die vielen einzelnen Stücke hat der Konsument zudem das Gefühl, eine größere Menge gekauft zu haben.

-

Quelle: SZ

8 / 15

Food-Design:Auf die Oberfläche kommt es an

Lang, dünn, dick, glatt, geriffelt, gedreht: Das Angebot an Pasta-Sorten ist unüberschaubar. Dabei erfreut das Aussehen einer Nudel nicht nur das Auge, sondern auch den Gaumen. Je nachdem, wie sich ihre Form mit der Soße vermischt, ergibt sich ein anderes Geschmackserlebnis. Ölige, intensive Sugos sollte man besser mit Spagetti servieren, damit sie abperlen können. Dagegen eignet sich die geriffelte Struktur von Rigatoni oder Spiralnudeln gut für milde, zähflüssige Soßen.

Emmentaler Käse

Quelle: AP

9 / 15

Food-Design:Das Auge isst mit

Ein guter Food-Designer weiß: Eine Torte mit einem, drei oder fünf Deko-Elementen wird als ausgewogen empfunden. Ebensowenig wie wir eine Torte mit zwei oder vier Sahnehäubchen dekorieren würden, mögen wir es, wenn ein Emmentaler Käse nur zwei Löcher hätte. Das Loch im Guglhupf muss in der Mitte sein, damit wir ihn als optisch ausgewogen empfinden. Dabei sind solche ästhetischen Maßstäbe erlernt und damit regional unterschiedlich. In Japan gelten zwei nebeneinander angeordnete Elemente durchaus als optisch ansprechend.

Chinesisches Mädchen mit Insekt

Quelle: Reuters

10 / 15

Geschmack ist erlernt - was wir gerne essen, hängt nicht zuletzt von der Kultur ab, in der wir aufwachsen. Obwohl es keinen ernährungswissenschaftlichen Grund dafür gibt, würden wir niemals freiwillig Insekten verspeisen, ebenso wenig kämen bei uns Hunde oder Katzen auf den Tisch. Außer in absoluten Notlagen.

Schimmelkäse

Quelle: BRENNINGER, KLAUS

11 / 15

Food-Design:Erlernte Abscheu

Chinesen, die niemals aus China herausgekommen sind, hingegen bezeichnen Käse als verdorbene Milch und schütteln sich beim Anblick von Gorgonzola. Und dass wir süße, kleine Kaninchen essen, ist ihnen ebenfalls unbegreiflich.

Oktoberfest 2011

Quelle: dapd

12 / 15

Nicht nur der Geschmack, auch der sensorische Eindruck entscheidet, ob wir etwas gerne essen. Als die Besucher der Weltausstellung 1904 in St. Louis zum ersten Mal Zuckerwatte probierten, waren sie vor allem von der leichten, faserigen Struktur fasziniert - geschmacklich hatte das Zuckerzeug nicht viel zu bieten. Auch Mozzarella besitzt kaum Eigengeschmack, dennoch ist der schwammige Weichkäse äußerst beliebt. Ebenso Weinbergschnecken, die hauptsächlich vom Geschmack der Knoblauchbutter dominiert werden und eher durch ihre gummiartige Konsistenz reizen.

Cornflakes

Quelle: iStockphoto/RazvanPhotography-Radu Razvan

13 / 15

Lecker genügt nicht: Produkte wie Cornflakes, Kekse, Brezen oder Chips müssen akustisch charakteristische Merkmale aufweisen, damit sie als wohlschmeckend empfunden werden. Der Geschmack eines Würstchens wird beispielsweise hauptsächlich an seinem Knackgeräusch beim Reinbeißen gemessen. Professionelle Sound-Designer wie der Psychoakustiker Friedrich Blutner wissen das und testen so lange, bis das Ergebnis stimmt. In Laboren werden die Kaugeräusche über Mikrofone im Ohr aufgenommen und auf Computer zur Auswertung übertragen. Ziel ist eine "farbige, extrovertierte" Klangkulisse.

Brauereigruppe Carlsberg übernimmt Holsten

Quelle: dpa/dpaweb

14 / 15

Food-Design:Das typische Geräusch

Aber nicht nur Essbares, auch Getränke müssen gut klingen. Allein am Geräusch, den das Bier beim Einschenken macht, können wir erkennen, ob es kalt oder warm ist - und ob es schäumt. Damit Bier nicht nach Wasser klingt, sondern diesen unverwechselbaren "schaumigen" Klang entfaltet, sorgen Sounddesigner für den richtigen Ton. Na dann: Prost!

food design

Quelle: springer verlag wien

15 / 15

Die Informationen zu dieser Bildergalerie stammen aus dem Buch "Food Design XL" von Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter, erschienen beim Springer Verlag Wien.

© sueddeutsche.de/jobr/lala

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite