Emotionale Misshandlung Ohrfeigen für die Seele

Emotionaler Missbrauch kann bei Kindern zu Angststörungen und Depressionen führen, haben Forscher der University of Minnesota herausgefunden.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Ständiger Streit der Eltern, fehlende Zuwendung oder abwertende Bemerkungen: Emotionale Misshandlungen wirken auf Heranwachsende ähnlich verheerend wie Gewalt oder Vernachlässigung.

Von Christian Weber

Viele Menschen kennen solche Gefühle: Die einen quält über Jahre dieser eine böse Satz von Mutter oder Vater, den sie nicht vergessen können. Andere leiden noch als Erwachsene daran, dass ihre Eltern über sie gespottet oder sie mit Worten gedemütigt haben. Nun bestätigt eine große Studie, was einzelne Forscher immer wieder vermutet haben. Die emotionale Misshandlung von Kindern wirkt sich ähnlich schlimm auf die psychische Gesundheit aus wie körperliche Gewalt und Vernachlässigung (Jama Psychiatry, online).

Das Forscherteam um David Vachon von der McGill University und Dante Cicchetti von der University of Minnesota beruft sich auf Daten, die unter rund 2300 Mädchen und Jungen im Alter von fünf bis 13 Jahren erhoben wurden, die irgendwann zwischen 1986 und 2012 ein einwöchiges Sommercamp für sozial benachteiligte Kinder besucht hatten. So hatten die dort angestellten, besonders geschulten Sozialarbeiter ausreichend Gelegenheit, das Verhalten ihrer Schützlinge zu beobachten und psychische Auffälligkeiten zu erkennen. Außerdem mussten die Kinder in Fragebögen Auskunft über sich selbst und über ihre Spielkameraden geben. Abgeglichen wurden diese Erhebungen mit Daten der Jugendämter und Informationen aus strukturierten Interviews mit den Müttern - "eine sehr gut kontrollierte Datenerhebung", lobt Christine Heim, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie der Charité in Berlin.

Umso ernster ist das Ergebnis der Studie zu nehmen: "Obwohl die meisten Leute annehmen, dass körperliche Misshandlungen schädlicher sind als andere Formen von Misshandlung, haben wir gefunden, dass sie alle ähnliche Folgen haben", sagt der Psychologe Vachon. Gewalt, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und emotionale Misshandlung hätten bei vielen Kindern zahlreiche Auswirkungen, "es kommt zu Angststörungen und Depressionen, Regelverletzungen und Aggressionen." Weniger überraschend ist, dass sich die Effekte kumulieren, wenn die Kinder gleich mehrere Formen von Misshandlung in ihrem Leben erfahren hatten und sich diese häuften.

Wer sein Kind ständig mit Worten demütigt, schadet ihm so wie durch Prügel

Die Studie zeigt nach Ansicht der Autoren ein weiteres Mal, dass Kindesmisshandlung immer noch nicht ernst genug genommen wird. Die Ergebnisse verdeutlichten, dass insbesondere seelische Gewalt in Gesellschaft und auch vor Gericht noch nicht ausreichend wahrgenommen wird. Nur wer sein Kind körperlich prügelt, mache sich strafbar. "Wenn Eltern immerzu streiten, ihrem Kind keine Liebe geben, es ständig beschimpfen, es als Versager betrachten, überfordern oder auch überkontrollieren, dann können sie ihm genauso schaden", sagt Christine Heim von der Charité. Dabei zeigt die Statistik, dass emotionale Gewalt sehr häufig vorkommt.

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Ein Team um Marije Stoltenborgh von der Universität Leiden hat in einer viel beachteten Metaanalyse aus dem Jahr 2012 abgeschätzt, dass angeblich 36,3 Prozent aller Kinder auf der Welt emotionale Misshandlung erfahren (Journal of Aggression, Maltreatment & Trauma). Deutlich niedriger liegen etwa laut WHO die Zahlen für körperliche Gewalt (8,0 Prozent) und sexuellen Missbrauch (1,6 Prozent). Wobei hier sicherlich lange über Definitionen und Dunkelziffern diskutiert werden kann.

Außerdem zeigt die Studie von Vachon und Cicchetti nur eine Momentaufnahme aus der Kindheit. Fragen bleiben: Welche Bedeutung hat der Zeitpunkt der Gewalterfahrung? So stimmt es vermutlich nicht, dass ein Lebensereignis umso gravierender ist, je früher es stattfindet. Vermutlich gibt es Zeitfenster, in denen das Gehirn besonders sensibel auf bestimmte Erfahrungen reagiert. Und wie geht es den Kindern, wenn sie erwachsen sind? "Die Studienlage deutet darauf hin, dass frühe Traumata das Stresshormonsystem auf Dauer fehlregulieren und die Anfälligkeit für psychische Störungen erhöhen", sagt Heim. "Aber um solche Fragen solide zu untersuchen, bräuchte es mehr Längsschnittstudien."