Ebola in Westafrika Von den Fehlern der Weltgemeinschaft

Kulturelle Gepflogenheiten: An die Stelle der fehlenden Ärzte treten in den betroffenen Ländern oft traditionelle Heiler. Sie mögen eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen, doch zur Infektionskontrolle ist ihr Vorgehen oftmals hinderlich oder gar kontraproduktiv. So hatten Heiler auf vorangegangene Ausbrüche mit Aderlässen reagiert - ausgeführt mit nicht sterilen Messern, über die das Virus weiter verbreitet wurde. Traditionelle Bestattungen, bei denen sich die Angehörigen durch engen Körperkontakt vom Verstorbenen verabschieden, sind ein weiteres Problem. In Guinea gingen nach Schätzungen der WHO anfangs 60 Prozent der Übertragungen auf diese Rituale zurück. Solche tief verwurzelten Traditionen lassen sich nur durch geduldige und feinfühlige Aufklärung ändern. Doch in den betroffenen Ländern fehlen oft schon die Mittel, um einfache Botschaften zu verbreiten.

Fehlende Aufklärung: Wie sollen die Einwohner gewarnt werden, wenn - wie in Guinea - nur 25 Prozent von ihnen leidlich lesen können und elektronische Medien Mangelware sind? Auch in Liberia und Sierra Leone erreicht die Alphabetisierungsrate keine 50 Prozent. Anstelle von Informationen treten Gerüchte, Mythen, Absurditäten. Kondensmilch und Zwiebeln kursierten als Geheimtipp gegen Ebola. Zwei Nigerianer sollen an einer Überdosis Salzwasser gestorben sein, die sie im Glauben an eine vorbeugende Wirkung getrunken hatten. Ausländische Ärzte wurden angegriffen, weil die Menschen glaubten, sie hätten die Krankheit erst ins Land gebracht.

Fehlendes Vertrauen in Institutionen: Die mangelnde Kooperation der Einwohner versuchten die Staaten durch drastisches Durchgreifen zu kompensieren. Doch in Ländern, die Bürgerkriege, Diktaturen, Jahrzehnte der Instabilität erlebt hatten, verstärkten militärische Maßnahmen den Reflex, sich lieber auf sich selbst zu verlassen. Menschen flohen aus Quarantänestationen, versteckten Erkrankte oder brachten sie in entferntere Regionen, wo sie neue Krankheitsherde verursachten.

Die WHO reagierte spät: Es war kein einfaches Frühjahr für die WHO. Im arabischen Raum verbreitete sich das neue, tödliche Coronavirus Mers, von dem noch nicht klar war, ob es das Gefährdungspotenzial seines Verwandten Sars hatte. Im Mai rief die Behörde den internationalen Notstand aus, da die unter enormen Anstrengungen fast schon ausgerottete Kinderlähmung wieder um sich griff. Der etwa 20. Ebola-Ausbruch in Afrika schien da nur eine Randnotiz. Zumal die Behörde unter Mittelkürzungen litt. Das Budget für 2014/15 liegt etwa 25 Prozent niedriger als noch vier Jahre zuvor. Die Mittel für die Bekämpfung von Ausbrüchen schrumpften innerhalb von zwei Jahren um die Hälfte. Schon Ende Juni warnte die Organisation Ärzte ohne Grenzen: "Die Epidemie ist außer Kontrolle." Es dauerte noch fast sechs Wochen, ehe die WHO den Gesundheitsnotfall ausrief.

Übertriebene Panik im Rest der Welt: 40 Prozent der Amerikaner glauben an einen bevorstehenden, massiven Ebola-Ausbruch im eigenen Land, 26 Prozent sind laut einer Umfrage der Harvard School of Public Health überzeugt, dass die Krankheit innerhalb eines Jahres ihre Familie erreicht. Diese Befürchtungen sind unbegründet; Ausbrüche können in den westlichen Ländern im Keim erstickt werden. Doch sie schüren ein Klima der Angst, das den Kampf gegen die Erkrankung erschwert. So wurden Flugverbindungen gekappt. Wenn sich überhaupt Helfer finden, erreichen sie die Epidemie-Gebiete nicht rechtzeitig, Hilfslieferungen bleiben aus und verschärfen die Lage weiter. WHO-Chefin Margaret Chan sagte im Interview mit der New York Times: "Ich habe mich in meinem Leben um so viele Ausbrüche gekümmert. Und um neue Krankheiten. Dieser ist der schwierigste. Wissen Sie warum? Es ist der Angst-Faktor."

Chronik eines beispiellosen Ausbruchs

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