Ratingagentur stuft Frankreich versehentlich herab "Standard & Poor's befindet sich in einer heiklen Lage"

Ein peinlicher Fehler bei einer Ratingagentur schockiert Frankreich: Standard & Poor's meldete, sie habe die Kreditwürdigkeit des Landes herabgestuft. Es war ein Irrtum. Frankreichs Regierung schäumt, die Finanzaufsicht ermittelt gegen die Agentur. Das Pikante ist: Die französischen Anleihen haben sich auch nach dem Eingeständnis der Agentur nicht erholt.

Seit Monaten zittert Frankreich davor, dass die Ratingagenturen seine Kreditwürdigkeit abwerten. Am Donnerstag war es dann soweit - zumindest kurzzeitig. Die weltgrößte Agentur Standard & Poor's (S&P) hatte eine Mitteilung an einige Abonnenten ihrer Internetseite versendet, dass die Bonität des Landes herabgestuft werde. Zwei Stunden später musste S&P einen peinlichen Fehler zugeben: Stimmt gar nicht, Frankreich behält die Bestnote AAA, der sogenannte Ausblick für die Zukunft bleibe stabil. Der französische Finanzminister schäumt vor Wut, Ermittlungen laufen.

Die Agentur räumte ein, dass die Mitteilung eine Verschlechterung der Bonität signalisiert habe, allerdings unabsichtlich versandt wurde. Ursache sei eine Computerpanne gewesen "Das System hat die Veränderung fälschlicherweise als Herabstufung gewertet und automatisch eine E-Mail an eine begrenzte Zahl an Kunden geschickt", hieß es in einer Mitteilung von S&P.

"Die Regierung muss nicht nur eine Entschuldigung, sondern eine extrem starke Strafe verlangen", forderte der französische Ökonom Christian Saint-Etienne im TV-Sender BFM. Seine Logik: Wenn so ein Text "irrtümlich" ausgesendet werden konnte, dann muss ihn schon jemand ganz bewusst geschrieben haben.

"Standard & Poor's befindet sich in einer heiklen Lage", meinte auch der frühere Vizepräsident der New Yorker Börse, Georges Ugueux, im gleichen TV-Sender.

Schon im Sommer hatte es viel Wirbel um die Ratingagentur gegeben: Sie hatte den Vereinigten Staaten die Bestnote Triple-A entzogen. Später sagte das US-Finanzministerium, S&P habe sich um zwei Billionen Dollar verrechnet und zürnte, dies sei ein Fehler, der die Glaubwürdigkeit und die Rechtschaffenheit von S&P in Frage stelle.

Im Falle Frankreichs sieht der frühere französische Präsidentenberater und Top-Ökonom Jacques Attali die Bestnote für Frankreich de facto eh bereits verloren. "Machen wir uns nichts vor: Auf den Finanzmärkten haben die (französischen) Schulden schon kein AAA mehr", hatte er dem französischen Wirtschaftsblatt La Tribune erklärt. Das wiederum erzürnte den Haushaltsminister Valérie Pécresse: "Anschuldigungen dieser Art sind unverantwortlich, denn sie sind falsch: Wir machen derzeit alles, um das AAA zu halten", sagte er Le Parisien.

Kritiker werfen den Agenturen vor, dass ihre Urteile zu großen Einfluss auf Investoren haben und Krisen wie dem derzeitigen Staatsschuldenchaos verschlimmern können. Die Macht von S&P zeigte sich auch unmittelbar nachdem die Falschmeldung versandt worden war: In New York gaben die Aktienkurse in Folge der Mitteilung vorübergehend nach.

Sofort begannen Investoren, französische Staatsanleihen zu verkaufen. Ihr Wert fiel. Die Zinsen, die neue Käufer einstreichen konnten, stiegen - denn je schlechter das Rating, desto mehr Geld muss ein Staat im Normalfall bieten, um sich über den Verkauf der Anleihen Kapital zu leihen. Der sogenannte Spread stieg auf einen Rekordstand seit der Euro-Einführung. Er misst das Verhältnis zwischen den Extrazinsen, die das Land auf seine Staatspapiere bieten muss, und denen der sichersten Anleihe, in diesem Fall der deutschen Bundesanleihe. Die Financial Times befragte Händler, denen zufolge Angst vor einer Herabstufung praktisch der einzige Grund für den Preisanstieg war. Das Pikante ist, dass auch nach dem Eingeständnis, dass es sich um einen Fehler handelte, die französischen Anleihen zunächst kaum erholten.

Mit einem schlechten Rating wird es teurer für Staaten, sich Geld zu leihen, die Schuldensituation des Landes verschlechtert sich. Eine tatsächliche Abwertung Frankreichs hätte bedeutet, dass der Vertrauensverlust nach Ländern wie Griechenland und Italien auch die bisher stabilen Euro-Staaten erreicht hätte. Das hätte auch Auswirkungen auf die gesamte Euro-Rettungsaktion. Denn dass der Rettungsfonds EFSF Geld auf den Kapitalmärkten aufnehmen kann, um damit die überschuldeten Staaten zu versorgen, hängt im Wesentlichen von der makellosen Triple-A-Bonität von Deutschland und Frankreich ab. Das hatte EFSF-Chef Klaus Regling erst am Donnerstag nochmals betont.

In Paris ist die Wut groß: Frankreichs Finanzminister François Baroin verlangte eine Untersuchung des Vorfalls. Er habe die französische Börsenaufsicht AMF sowie ihr europäisches Pendant gebeten, die Ursachen und mögliche Folgen des Fehlers zu untersuchen. Unmittelbar danach leitete die AMF eine Untersuchung ein.

S&P erklärte, ebenfalls zu untersuchen, warum die Mitteilung automatisch versendet worden sei. "Wenn die Empfänger auf den Link in dem Alert geklickt hätten, dann hätten sie gesehen, dass Frankreichs Rating unverändert war", schrieb ein S&P-Sprecher in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur Reuters. Weiter wollte er sich nicht äußern. Es war unklar, wie viele Abonnenten die Mitteilung über die Herabstufung erhalten hatten.

Doch auch unabhängig von dem S&P-Patzer: Frankreich hat in den vergangenen Wochen immer mehr das Vertrauen von Investoren verloren. Laut FT halten viele Fondsmanager mittlerweile deutsche Staatsanleihen für die letzten sicheren Anlagen in der Euro-Zone.