Mobilität Stadt in Bewegung

Ehrgeiziges Projekt in Hamburg: Ein Haus versorgt sich selbst mit Energie. Wird mehr Strom produziert als nötig, werden Batterien und E-Autos damit aufgeladen. Sind die Speicher voll, geht der Strom ins öffentliche Netz.

(Foto: Bente Stachowske)

Moderne Quartiere erzeugen Strom, bieten Carsharing und Platz für Elektro-Autos. Mehrere Projekte in Hamburg untersuchen, wie das funktioniert.

Von Rainer Müller

Wie so oft kommt es auf die inneren Werte an. Rein äußerlich sieht das Gebäude im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg aus wie ein normales Mehrfamilienhaus, aber das Innere hat es in sich: Ein Blockheizkraftwerk (BHKW) und eine Lithiumbatterie im Keller machen das Haus zu einem kleinen Kraftwerk mit Energiespeicher. Außerdem verfügt es über Photovoltaik-Anlagen und mobile Batterien in Form von zwei Elektroautos. Diese stehen allen Hausbewohnern zur Verfügung. "Die Benutzung ist einfach. Mit unserer eigenen App kann ich ein Auto über das Smartphone reservieren und eigentlich immer sofort losfahren," sagt Christina Schwalbe, die hier mit ihrer Familie wohnt. Die zwei E-Autos reichen für die zehn Haushalte aus.

"Wir haben uns vor einigen Jahren als Baugemeinschaft zusammengefunden", erklärt Christina Schwalbe. "Die Kosten waren natürlich wichtig. Aber im Mittelpunkt standen der Gemeinschaftsgedanke und die Möglichkeit, nach eigenen Vorstellungen bauen und wohnen zu können." Dazu gehören auch ökologische Aspekte und Energieeffizienz. Die Hausgemeinschaft entschied sich für ein BHKW des Hamburger Energieversorgers Lichtblick. Später kam das Unternehmen auf die Bewohner zu und fragte, ob sie Interesse hätten, an einem Forschungsvorhaben des Bundesbauministeriums teilzunehmen. Aus dem Baugemeinschaftsprojekt wurde das "3E-Mehrfamilienhaus". Die drei "E" stehen für "Eigenerzeugung", "Eigenverbrauch" und "Elektromobilität".

"Ein Auto von uns ersetzt zehn Privat-Pkw."

Das Haus versorgt sich zum großen Teil selbst mit Energie. Wird gerade mehr Strom produziert als von den Bewohnern verbraucht, werden die Lithiumbatterie und die zwei E-Autos aufgeladen. Sind die Speicher voll, geht der Strom ins öffentliche Netz. Umgekehrt beziehen die Bewohner ihren Strom aus dem Netz, wenn der Eigenverbrauch mal die Eigenproduktion übersteigt. Die Elektroautos sind Bestandteil des Konzepts und leisten nach Darstellung von Lichtblick als flexible Speicher einen "wichtigen Beitrag zur Energiewende und zur Stabilität der Netze". Damit dieser Beitrag messbar wird, müssten aber möglichst viele dezentrale Kleinkraftwerke und Speicher wie das Haus in Wilhelmsburg zu einem "Schwarm" zusammengeschlossen werden.

Derzeit gilt das Haus noch als Forschungsprojekt. Ein ähnliches Konzept hat Lichtblick aber bereits in Hamburg-Eilbek umgesetzt, und auch andere Betreiber und Bauherren erproben die Einbindung von Elektro-Autos in das Energiekonzept von Ein- oder Mehrfamilienhäusern. Die Technik ist vorhanden und praxistauglich. Von einem wirklichen Durchbruch als mobile Speicher im Immobiliensektor sind E-Autos aber noch mindestens so weit entfernt wie vom Durchbruch im Verkehrssektor, wo es bisher bundesweit an massentauglichen Fahrzeugen und der flächendeckenden Versorgung mit Ladestationen fehlt - auch in Hamburg. Einen vielversprechenden neuen Ansatz bietet nun das Projekt "e-Quartier Hamburg", das vom Bundesverkehrministerium gefördert wird und Elektromobilität in Form von Carsharing direkt in die Quartiere bringen soll.

E-Autos gelten schließlich nicht nur als Bestandteile der politisch gewollten Energiewende, sondern in erster Linie als Chance, die Lärm- und Abgasbelastung in den Städten zu reduzieren und damit die Lebensqualität zu verbessern. Auch mit Carsharing werden ähnliche Hoffnungen verknüpft. Carsten Redlich, Prokurist des Anbieters cambio Hamburg rechnet vor: "Ein Auto von uns ersetzt zehn Privat-Pkw". Entsprechend weniger vollgeparkt wären Wohngebiete und öffentlicher Straßenraum und auf teure Tiefgaragen könnte verzichtet werden. "Carsharing ist keine Autovermietung, sondern ein Instrument der Stadtentwicklung", ist Carsten Redlich überzeugt. Was liegt also näher, als Carsharing und Elektromobilität miteinander zu verbinden?

Nach anfänglicher Skepsis werden die Fahrzeuge von den Bewohnern gut angenommen

In Hamburg beteiligt sich cambio ebenso wie der Wettbewerber Starcar am Modellvorhaben "e-Quartier". Mit von der Partie sind neben den Mobilitätsanbietern auch Akteure der Wohnungswirtschaft, Verkehrsplaner und Wissenschaftler der Hafencity Universität. In 16 Stadtteilen und Umlandgemeinden werden probehalber Elektroautos im Carsharing-Verfahren angeboten. Einer der Standorte ist die belebte Behringstraße im Szene-Stadtteil Ottensen. Zehn cambio-Autos stehen Anwohnern und Geschäftsleuten des urbanen Quartiers zur Verfügung - davon neuerdings eines mit Elektromotor. "Bei der Auswahl der Modellstandorte haben wir darauf geachtet, Quartiere mit möglichst unterschiedlichen Rahmenbedingungen auszuwählen, um herauszufinden, wo das Konzept angenommen wird und wo eher nicht", erklärt Peter Lindlahr, Geschäftsführer von hySolutions, einem Tochterunternehmen der Hamburger Hochbahn, das den Modellversuch koordiniert. Neben urban gemischten Vierteln wie Ottensen oder Eimsbüttel wurden bewusst auch Hochhaussiedlungen am Stadtrand ausgewählt. In Mümmelmannsberg etwa kooperiert Starcar schon seit zwei Jahren mit dem städtischen Wohnungsunternehmen Saga und hat drei Fahrzeuge, darunter zwei stromgetriebene, und die dazugehörigen Schnellladestationen bereitgestellt.

Nach anfänglicher Skepsis unter den Bewohnern werden die Fahrzeuge inzwischen auch hier gut angenommen. "Die ersten Erfahrungen in den Quartieren sind durchaus unterschiedlich", sagt Johanna Fink, Stadtplanerin an der Hafencity Universität (HCU), die den Modellversuch wissenschaftlich begleitet. "Aber es zeigt sich, dass Carsharing den Zugang zu E-Autos erleichtert. Viele Nutzer lernen dann das gute Fahrgefühl zu schätzen und merken, dass die Reichweite im Alltag ja doch reicht."

Ziel des Modellversuchs ist es letztlich, wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle für saubere und nutzerfreundliche Mobilität in den Städten zu identifizieren. "Immobilienmakler sagen uns, dass Elektromobilität ein Asset für die Verwertung hochwertiger Immobilien ist und man nicht früh genug anfangen kann, diese miteinzuplanen," berichtet Peter Lindlahr von hySolutions und spricht von "neuen Vertriebsmöglichkeiten" für die Autohersteller. Die Erfahrungen sollen zudem als Blaupausen für den Bau von Stadtquartieren mit innovativen Mobilitätskonzepten dienen. Bei den ersten Neubauvorhaben in der boomenden Hansestadt wird das Thema E-Mobilität nun tatsächlich von Anfang an mitgedacht. Für das geplante Pergolenviertel mit 1400 Wohnungen in Winterhude werden die stadteigenen Flächen per "Konzeptausschreibung" verkauft. So erhalten nicht die Projektentwickler mit den höchsten Angeboten den Zuschlag, sondern die mit den besten Konzepten. Wer Ladestationen und gemeinsame E-Autos vorsieht, bekommt Pluspunkte. Die Hälfte der Baufelder konnte auf diese Weise bereits verkauft werden, Ende 2017 soll der Bau beginnen.

In der Hafencity ist man noch etwas weiter und hat bereits mit dem Bau des Baakenhafen-Quartiers begonnen. Anders als in den meisten Quartieren der Hafencity liegt der Schwerpunkt hier klar auf der Wohnnutzung. Insgesamt 2100 Wohnungen sollen bis 2021 direkt am Elbufer entstehen, dazu eine Grundschule, Kindergärten und Nahversorger. Im benachbarten Elbbrücken-Quartier werden später weitere 1100 Wohnungen hinzukommen. "Die Umsetzung nachhaltiger Mobilitätskonzepte für beide Quartiere ist obligatorisch", sagt Susanne Bühler, Sprecherin der stadteigenen Entwicklungsgesellschaft Hafencity Hamburg GmbH. Dazu wird jetzt ein Betreiberkonzept ausgeschrieben, das Bauherren verpflichtet, gemeinsam mit der Hafencity GmbH eine Trägergesellschaft zu gründen, die anschließend einen Carsharing-Anbieter auswählt. Dieser soll für jeden zehnten Haushalt ein Gemeinschaftsauto bereitstellen, ein Drittel davon müssen Elektroautos sein. Bei 3200 Wohnungen in den beiden östlichsten Quartieren sind dies gut 100 E-Autos und 200 konventionelle Fahrzeuge, alle Carsharing-Stellplätze müssen mit Lademöglichkeiten ausgestattet werden. Schrittweise soll der Anteil an E-Autos sogar noch erhöht werden. Susanne Bühler bezeichnet das Vorhaben "als das größte quartiersbezogene Innovationsprojekt für Carsharing und Elektromobilität in Europa."